Er hat sie halb vergewaltigt und halb verführt. Niemand wusste Bescheid und Mitsch selbst hat für immer geschwiegen. Mitsch heißt eigentlich Maria und stammt aus einem kleinen Dorf in Nordmähren, der heutigen Tschechischen Republik. Ihre Lebensgeschichte ist nur teilweise autobiografisch wahr, teils frei erfunden, jedoch steht dieses Einzelschicksal beispielhaft für viele solcher Geschichten von vertriebenen Deutschen, die am Ende des zweiten Weltkrieges ihre Heimat verloren. Die Schriftstellerin Hanne Turowski, die seit vielen Jahren in Ammerland lebt, ist Mitglied des Literaturkreises der Geretsrieder Stadtbücherei und war eingeladen aus ihrem neuen Buch „Besuche bei Mitsch“ vorzulesen.
„Die Erzählung soll keine Anklage sein, eher der Versöhnung dienen“
Darin beschreibt sie die Gespräche, die Mitsch Jahrzehnte später mit ihrer Nichte führte, die ihre Tante regelmäßig im Altenheim besuchte. Jeder Besuch ist ein Abschnitt ihrer Vergangenheit. Mit dem Fotoalbum auf dem Schoß, lässt die alte Frau ihr Leben voller Scham und Selbstzweifel Revue passieren, beginnt mit ihre Kindheit im Mährisch Schönberg, dem heutigen Šumperk, berichtet von der Vertreibung und dem Neuanfang.
„Die Erzählung soll keine Anklage sein, eher der Versöhnung dienen“, sagte Turowski ihren Zuhörern. In der Rolle als außenstehende Leserin blieb sie bewusst emotionslos, um keinerlei Gewichtung der Ereignisse zu erzielen. Sie las einige Schlüsselpassagen aus dem Leben der alten Dame sehr bedacht vor, lies kurze Momente als Denkpausen für die Zuhörer entstehen, die überwiegend im älteren Semester, vielleicht gerade deshalb gekommen waren, weil sie Ähnliches erlebt haben.
Sie gebar einen Sohn und verschwieg, dass das Kind von einem Russen war
Alle Mädchen und Frauen Namens Maria hießen Mitsch in dem kleinen Nordmährischen Dorf, wo Glaube und Wahlfahrt im Lebensmittelpunkt stand und das Kleinbürgertum bestimmte, was zum ehrbaren Leben gehörte. Hier verkuppelten die alten Witwen zwischen Beichte und Gebet die jungen Frauen, so bekam auch Mitsch auf der Wahlfahrt zum Muttergottesberg ihren künftigen Ehemann verpasst, den sie heiratete und nie liebte. Sie gebar ihm einen Sohn und schwieg, dass das Kind von einem Russen war, der sie im Schuppen missbrauchte. Oder hatte dieser Mann mit den schönen blauen Augen sie doch verführt? Es blieb ihr Geheimnis, für das sie sich ein Leben lang schämte, für das sie sich die Schuld gab. Erst im Gespräch mit ihrer Nichte im Altenheim offenbarte sie ihre Lebenslüge an der sie schließlich zerbrach. Die persönlichen Erinnerungen ihrer Tante Mitsch im Zusammenhang Deutscher Zeitgeschichte hat Hanne Turowski in ihrem neuen Buch "Besuche bei Mitsch" niedergeschrieben, weil sie nicht in Vergessenheit geraten dürfen, so die Autorin.
