
- Sylvia Hamacher - Tanja Figlus
Bei einem Mobbingopfer denken die meisten Menschen zuerst an eine Person, die den äußeren Merkmalen nicht gerecht wird oder bei einem „normalen“ gesellschaftlichen Niveau nicht mithalten kann.
So stellten sich die Gäste der Thalia-Buchhandlung in Essen Rüttenscheid am Abend des 10. September 2010 die Frage: „Warum wurde dann dieses nette und hübsche Mädchen jahrelang gemobbt?“.
Die Rede ist von Sylvia Hamacher, Autorin des Buches „Tatort Schule“
Bereits im Juli diesen Jahres hat die jetzt 18-jährige Jungautorin die Initiative ergriffen und sich an den Parlamentarischen Geschäftsführer der FDP, Ralf Witzel gewandt.
Dieser setzte sich mit einem außergewöhnlichen Engagement für die junge Autorin ein, wie Beispielsweise mit einer aktuellen Parlamentsinitiative im nordrhein-westfälischen Landtag gegen Mobbing und Gewalt an Schulen, aber auch an diesem Abend betonte er bereits in der Eröffnungsrede seinen Respekt für das mutige Auftreten der Autorin.
In einer äußerst bewegten Autorenlesung schilderte Sylvia Hamacher ihre Erlebnisse mit unterstützenden Textpassagen aus ihrem Buch.
Vor allem aber glänzte die junge Autorin mit ihrem großem Selbstbewusstsein, der nicht ahnen lassen könnte, dass sie einmal selber das Opfer eines jahrelangen Mobbing-Attentats war.
Als gute Schülerin und beliebte Klassenkameradin schien ihr Leben bis zu einem gewissen Zeitpunkt schier unbeschwert zu sein.
Den Grund für diese sinnlose Tat kann Sylvia Hamacher nicht nennen. Laut eigenen Angaben schien „alles irgendwie irreal zu sein“.
Besonders erschütternd ist die Tatsache, dass die Hilfe der Lehrkräfte fast vollkommen aus blieb oder ihre Lage durch falsche Handlungsweisen verschlimmert wurde.
Textpassagen, wie: „Ich wollte ihm das Wort inkompetent an den Kopf werfen“ versetzten das Publikum in Staunen über die geradezu unverblümte Darstellungsweise des hier aufgeführten inneren Monologs.
Wie kann man dem täglichen Mobbingangriff entfliehen?
Als äußerst tragischen Wendepunkt lässt sich das fast schon unvorstellbare Erlebnis der jungen Frau sehen, die durch einen tätlichen Angriff von ihren Mitschülern drei Tage mit einem Schleudertrauma im Krankenhaus lag. Dort hatte sie nach eigenen Angaben „viel Zeit zum nachdenken gehabt“, woraufhin sie sich zu einem Schulwechsel entschloss und der tägliche Albtraum ein Ende fand.
Wie zu erwarten waren keine Verantwortlichen für die schlimme Tat zu finden.
Auch der Fernseh-Auftritt im Februar 2010 bei Stern TV zeigte keine Wirkung bei den Verantwortlichen.
Die Reaktion des Mobbingopfers
Allerdings drängte sich bei den Meisten die Frage auf, ob die Autorin nicht zu Gewalttaten fähig gewesen sei um sich aus dieser schrecklichen Situation zu befreien. Dies verneinte sie ohne zu zögern, betonte aber auch den Selbsthass, welchen sie im Laufe der Zeit entwickelt hatte. Dabei sind leider Selbstmordpläne und kleine Verletzungen nicht ausgeblieben. „Durch den starken Familienhalt“ hatte sie allerdings die Kraft gefunden einen Neuanfang zu wagen.
An dieser Stelle kam auch die Frage auf, ob tragische Ereignisse, wie Amokläufe an Schulen, nicht verhindert werden könnten, wenn man etwas gegen das bereits angesprochene Problem unternehmen würde.
„Das Fehlen von Werten und von Zivilcourage in unserer Gesellschaft“ beschäftigte an diesem Abend auch die Gäste der Autorenvorlesung.
Eine weitere Stunde diente der Fragestellung an die Autorin. Was zunächst relativ harmlos begann steigerte sich in eine lautstarke Diskussionsrunde. In der gelassenen und geradezu intim wirkenden Atmosphäre outeten sich einige Gäste bezüglich ihrer eigenen Mobbingerfahrungen. Was am Ende dieses Abends für alle Beteiligten klar erschien, war die Tatsache, dass immer noch zu wenig gegen dieses allgegenwärtige Thema getan wird, wir allerdings dazu aufgerufen werden, etwas gegen diese „soziale Schwäche“ zu unternehmen um in unangenehmen Situationen Handlungsbereitschaft zu zeigen.
Als Alternative schlägt Sylvia Hamacher ein Selbstwertcoaching vor, welches ihr selber enorm geholfen hat.
Tatort Schule - Gewalt an Schulen
Sylvia Hamacher
ISBN: 978- 3-86850-635-8
132 Seiten
Preis: 12,99 Euro
