Nach der Eroberung der Stadt Timbuktu im Norden des westafrikanischen Staates Mali haben die Tuareg-Rebellen der MNLA ("Movement National pour la Liberation d´Azawad - Nationale Bewegung für die Befreiung des Azawad") einseitig die Unabhängigkeit ihres Staates „Azawad“ ausgerufen. Laut Webseite der MNLA gilt die Existenz des neuen Staates ab dem 6. April 2012.

Mali: Ein Kunstprodukt der Kolonialzeit

Der Staat Mali hat nicht nur eine für Staatswesen eher untypische Grenzziehung – er erinnert ein wenig an einen Kinderwagen -, er besteht sich auch aus zwei völlig unterschiedlichen Zonen: Im Norden die endlose Sahara, im Süden das tropisch-feuchte Tal des Niger-Stroms, nachdem die Nachbarstaaten „Niger“ und „Nigeria“ benannt sind. Ebenso unterschiedlich sind Rasse und Kultur der Bewohner: Im Süden beherrschen 20 verschiedene, mehr oder weniger sesshafte Mandinge-Völker das Bild, während im Norden das nomadisierende, viehzüchtende und handelnde Berbervolk der Tuareg zuhause ist.

Wie aber kommen solch unterschiedliche Kulturen und Regionen in einen gemeinsamen Staat? Die Antwort liegt – wie so oft – im Kolonialismus der europäischen Mächte. Im 19.Jahrhundert suchte Frankreich große Teile Nordafrikas unter seine Kontrolle zu bekommen, und teilte das erworbene Gebiet nach Gutdünken in Provinzen ein – nach dem Grundsatz „Teile und Herrsche“. Der Norden des heutigen Algerien wurde gar dem Mutterland zugeschlagen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die geschlagene, befreite und finanziell ausgeblutete Grande Nation ihr Kolonialreich nicht länger halten und musste einen Staat nach dem anderen in die Unabhängigkeit entlassen. Im Jahre 1960 wurde auch „Mali“, benannt nach einem Reich aus dem Mittelalter, ein souveräner Staat mit Hauptstadt Bamako - im Süden, am Nigerstrom.

Moslems gegen Christen, Berber gegen Neger

Das Verhältnis zwischen christlich missionierten, sesshaften Negervölkern und islamischen Berbern und Arabern war in der Sahel-Region nie besonders gut gewesen und wurde durch Religion und Politik noch angefacht – Romane wie „Die Sklavenkarawane“ von Karl May haben durchaus ihren reellen Hintergrund. Nach 1960 hatten nun die Mandinge-Völker im neuen Staat die Mehrheit und ihre Politiker verloren keine Zeit, diese Vorherrschaft zu zementieren.

Die Tuareg, deren Viehwirtschaft durch die Sahel-Dürren zu leiden hatten wie kaum eine andere in Westafrika, sahen sich außerdem unter immensem Druck, ihre Kultur aufzugeben. Aus Staatsämtern und der Armee waren sie ausgeschlossen. So kam es immer wieder zu Revolten und Aufständen bis hin zum offenen Bürgerkrieg.

Der Militärputsch vom 22.März 2012

Mitten in diese fruchtlose Auseinandersetzung hinein putschte am 22.März 2012 die Armee von Mali und setzte Präsident Amadou Toumani Toure ab, weil das alte Regime „unfähig sei, mit der Rebellion im Norden umzugehen“. Garnisonen meuterten, hohe Offiziere wurden festgenommen, und die Armee „beendete“ den Konflikt im Norden, indem sie einfach abmarschierte. Nun war der Weg frei für die Tuareg-Rebellen. Anfang April 2012 eroberten sie die Hauptstadt des Nordens, das legendäre Timbuktu.

Die militärische Stärke der Tuareg kommt nicht von ungefähr: Große Entfernungen zu überwinden gehört bei diesem Händlervolk zur Volkskultur und das Kriegführen auch. Viele Tuareg wurden, als sie in den 1980er Jahren Mali verließen, in diversen Nachbarländern politisch geschult und als begehrte Soldaten ausgebildet. Sie kämpften in Libyen für Gaddafi, aber auch in anderen Ländern.

Doch gerade in Mali spielt auch die religiöse Spaltung eine Rolle: Die Tuareg-Rebellen erhalten Unterstützung von vielen islamistischen Gruppierungen, was ihre internationale Akzeptanz nicht eben steigert. Auch deshalb haben UNO und EU auf die Unabhängigkeitserklärung aus Timbuktu negativ reagiert. Nord-Mali sei kein Staat, hieß es aus Washington und Brüssel.

Wie geht es weiter in Mali und Azawad?

Doch die Lage im Sahel-Staat ist ohnehin völlig unübersichtlich. Die Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten „ECOWAS“ berät seit dem Militärputsch über eigenes militärisches Eingreifen, kann sich aber weder für die Militärjunta in Bamako (deren Putsch ein Handelsembargo ausgelöst hat) noch für die Rebellen aus dem Norden (in deren Machtbereich sich Knappheit und Chaos breitmachen) erwärmen. Ohne eine baldige Schlichtung droht zwischen allen Parteien ein weiterer endloser und schmutziger Bürgerkrieg.

Internet: Tagesschau vom 6.April 2012

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