Aztekischer Kalenderstein: Opferstein - Sonnenstein - Kalender

Azteken-Kalender - Heidi Fülle
Azteken-Kalender - Heidi Fülle
Die Bedeutung des Aztekischen Kalendersteins ist bis heute umstritten. In der Mythologie war er Opferstein, Sonnenstein und Kalender zugleich.

Der Aztekische Kalenderstein - auch bekannt als Sonnenstein oder Azteken-Kalender - wurde im Dezember 1790 in Mexico City auf dem Zocaló (Hauptplatz) gefunden. Der aus olivinbasaltischem Gestein (Vulkangestein) bestehende Monolith wiegt beachtliche 24.000 Kilogramm und verfügt über einen Durchmesser von 3,66 Meter. Der sechste Herrscher der Azteken, Axayácatl, ließ den Stein 1497 anfertigen, um ihn in ihrer damaligen Hauptstadt Tenochtitlán im Templo Mayor (Haupttempel) aufstellen zu lassen.

Die Bedeutung des Aztekischen Kalendersteins

Bis heute ist die Bedeutung des Aztekischen Kalendersteins unter Archäologen umstritten. Für die einen ist er ein der Sonne geweihtes Monument und im eigentlichen Sinne Opferungsaltar, auf dem der Sonnengott Tonatiuh angebetet wurde. Der Sonnengott hatte die Aufgabe, die Sonne mit Energie zu speisen, damit sie jeden Tag aufs Neue scheint. Denn nur, wenn die Sonne mit Nahrung versorgt wurde, konnte sie die Kraft finden, als Sieger im täglichen Kampf gegen die Finsternis hervorzugehen. Um dieses Ziel zu erreichen, blieb den Azteken nichts anderes übrig, als Menschen zu opfern. Als Opfergabe war natürlich nur das Beste gut genug: Menschenherzen. Damit die Welt erhalten bleibt, mussten die Götter in ihrem Kampf auf diese Weise unterstützt werden.

In Mesoamerika wurde die Zeit nicht - wie bei uns - als linear, sondern als zyklisch aufgefasst. Bei den Azteken endete ein Zyklus nach 52 Jahren, zu diesem Zeitpunkt bestand die Gefahr der Zerstörung der Erde. Um das zu verhindern, mussten Menschen geopfert werden. Während des Opferrituals entfachte man Feuer. Die Nachricht der Rettung der Welt musste im gesamten Aztekenreich verbreitet werden. So trug man das Feuer des Opferrituals mit Fackeln in alle Azteken-Städte, um die gute Nachricht zu verkünden: Ein neuer Zyklus wurde geschaffen und damit eine neue Welt (Sonne). Die Altäre der Tempel wurden mit diesen Fackeln bestückt. So brutal die damalige Opferzeremonie aus heutiger Sicht auch erscheinen mag: Der Opferkult sicherte das Weiterbestehen der Welt.

Mytholgie: Die fünf Sonnen der Azteken

Wie man dem Kalenderstein entnehmen kann, gab es im Aztekenreich fünf aufeinander folgende Sonnen (Welten). Der Kampf der Götter verursachte Katastrophen, wodurch die jeweils bestehende Sonne (Welt) zerstört wurde und nachfolgend eine neue entstand. Die erste Sonne hieß „Vier-Jaguar“ und wurde von Tezcatlipoca regiert. Quetzalcoatl stieß Tezcatlipoca eines Tages ins Wasser und so geschah es, dass die Erde von Jaguaren verschlungen wurde. Durch diese Katastrophe entstand die zweite Sonne, in der Quetzalcoatl regierte, sie nannte sich „Vier-Wind“. Doch Tezcatlipoca rächte sich an Quetzalcoatl und verursachte einen Wirbelsturm, wodurch die zweite Sonne zerstört wurde und die dritte entstand, die vom Regengott Tlaloc regiert wurde: „Vier Regen“. Quetzalcoatl konnte das nicht auf sich sitzen lassen und schickte einen Feuerregen, der die dritte Sonne zerstörte. Die vierte Sonne nannte „Vier-Wasser“, sie wurde durch eine Überflutung zerstört, Menschen verwandelten sich in Fische.

Die fünfte Sonne (Welt) entstand durch den Gott Nanahuatzin. Er stürzte sich in ein Feuer und verwandelte sich dadurch in die aufgehende Sonne. Diese Sonne hatte aber keine Energie und stand kraftlos am Himmel. Es gab keine andere Möglichkeit, als dass die anderen Götter ihr eigenes Blut opferten, um die Sonne zu beleben und mit Energie zu versorgen. Diese fünfte Sonne ist die Zeit, in der wir jetzt leben. Sie heißt „Vier-Bewegung“ und entstand in Teotihuacán - dem heutigen Mexico City.

Der Sonnenstein und die Kalenderfunktion

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass ein Kalender mit Beginn des Ackerbaus bei allen Völkern als Grundlage diente. Spätestens, als aus Jägern und Sammlern Bauern wurden und der Zyklus von Regenzeit und Trockenperioden eine bewusste Planung erforderte, war ein Kalender sehr wichtig für die Bewirtschaftung des Ackerlandes. Dabei spielte die Sonne wichtige Rolle. In fast allen frühen Religionen erfuhr sie eine göttliche Verehrung. Der Aztekenkalender besteht genauer betrachtet aus zwei mehr oder weniger unabhängig voneinander arbeitenden Kalendern: Xihuitl und Tonalpohualli.

Xihuitl : Der weltliche Kalender orientiert sich an der Sonne

Der Xihuitl ist der weltliche Kalender und orientiert sich an der Sonne. Ein Sonnenjahr hat im Aztekenkalender 18 Monate zu je 20Tagen plus fünf „leere“ Tage. Das ergibt somit 365 Tage pro Jahr. An den so genannten leeren Tagen sollte nicht gearbeitet werden, das Leben stand still. Um den Kalender noch präziser zu gestalten, musste noch ein Problem behoben werden: Das Sonnenjahr ist sechs Stunden länger als 365 Tage; also schob man in den Zyklus von 52 Jahren zwölfeinhalb Schalttage ein. Damit wurde eine genaue Angleichung an das Sonnenjahr erreicht.

Tonalpohualli: Der rituelle Kalender orientiert sich an der Kosmologie

Der Tonalpohualli ist der rituelle Kalender, er wurde auch zu Weissagungen genutzt. Er besteht aus 20 Wochen zu jeweils 13 Tagen. Das rituelle Jahr hat demnach 260 Tage. Da beide Kalender miteinander kombiniert wurden, entstand nach einer bestimmten Stellung im System ein Zyklus von 52 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war die Gefahr des Untergangs der Welt am größten. In der aztekischen Kosmologie gibt es einen ständigen Kampf der Götter (Dualismus) um die Macht, den auch sie nicht gewinnen können. Um Chaos zu verhindern, wurden jedem Gott gewisse Kompetenzen zugeteilt, über die er herrschen konnte. Somit wurde die Balance im kosmologischen System der Azteken erhalten.

Darstellung und Funktionsweise des Azteken-Kalenders

In der Mitte des Sonnensteins ist der Sonnengott Tonatiuh dargestellt. Dieses zentrale Bild ist umgeben von weiteren fünf konzentrischen Kreisen. Im ersten Kreis sind vier Bilder zu sehen, die durch einen Kasten umrahmt sind. Dort werden die vier ersten Sonnen (Welten) gezeigt:

  1. Sonne (Welt) - der Jaguar
  2. Sonne (Welt) - der Wind
  3. Sonne (Welt) - Regen und Feuer
  4. Sonne (Welt) - die Sintflut

Im zweiten Kreis erscheinen 20 Zeichen, die ebenfalls umrahmt sind. Diese stellen die 20 Tage eines Monats dar. Im dritten und vierten Kreis erkennt man einen schmalen Streifen über den Monatszeichen. Dieses Band symbolisiert den Sonnenreif. Des Weiteren erkennt man vier größere Zacken als Symbol für Sonnenstrahlen, die in die vier Himmelsrichtungen zeigen. Im letzten und fünften Kreis sind zwei Schlangen abgebildet, deren Schwanzenden oben und die Köpfe unten aneinander stoßen. Hier werden der Gott Quetzalcóatl (steht für die Licht) und der Gott Tezcatlipoca (steht für Finsternis) dargestellt. Diese Darstellung symbolisiert den Kampf der Götter im Universum, ein ewiger Kampf der Gegensätze in der aztekischen Mythologie. Am oberen Ende, dem Ende der Schlangenschwänze, entdeckt man ein Symbol namens „ dreizehn Rohr“. Es sagt aus, dass wir nach den vier untergegangenen Welten in der fünften Welt (Sonne) leben.

Der Sonnenstein stellt die Ehrung für den Sonnengott dar und symbolisiert die Notwendigkeit von Menschenopfern für die Sonne, damit sie genug Energie hat, um am nächsten Morgen wieder aufzugehen. Als die Spanier Tenochtitlán eroberten, warfen sie den Sonnenstein aus dem Tempel auf den Zocaló. Doch der Sonnenstein wurde weiter angebetet - so ließen sie ihn vergraben. Bei einer Ausgrabung im Jahr 1970 wurde er wieder gefunden und endlich anerkannt. Heute kann man den aztekischen Sonnenstein im Anthropologischen Museum in Mexico City bewundern.

Quellen:

  • DuMont Kunst-Reiseführer Mexiko - Ein Reisebegleiter zu den Götterburgen und Kolonialbauten Mexikos, 1981, ISBN 3-7701-0442-0
  • Interview mit Eduard Erkelenz, Lateinamerikanist
Heidi Fülle, Heidi Fülle

Heidi Fülle - Hallo, ich freue mich, dass Sie hier sind und bedanke mich herzlich für Ihr Interesse. Seit etlichen Jahren arbeite ich in Berlin ...

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