
- Berlin, Graffiti an der Frankfurter Allee. - Ilse-Ruth Uebner
Die bekannteste Freiluftgalerie Berlins ist wohl die East Side Gallery. Im Frühjahr 1990 bemalten 118 Künstler aus 21 Ländern auf einer Länge von 1316 Meter die Hinterlandmauer in der Mühlenstraße zwischen dem Berliner Ostbahnhof und der Oberbaumbrücke. 2008 hat Mural Art Künstler Victor Ash mit seinen überdimensional großen, jedoch realistisch erscheinenden „falling Graffiti-Painters“ im Friedrichshain für einen neuen Hingucker unter freiem Himmel gesorgt. Bereits 2007 bemalte Ash im Berliner Kreuzberg die Brandwand eines Mehrfamilienhauses mit einem gigantischen, schwerelosen Astronauten. Das touristische Kultobjekt lässt sich übrigens besonders gut aus der U1 (hier eine Hochbahn) betrachten.
Kunst am Bau als Blickfang
Mit Kunst am Bau hat sich in Deutschland der Bauherr Staat verpflichtet, einen bestimmten Anteil, meist ein Prozent, der Baukosten öffentlicher Gebäude für Kunstwerke zu verwenden. Diese Regelung geht auf eine Initiative des Reichswirtschaftsverbandes bildender Künstler zurück. Angesichts der finanziellen Not der Künstler nach dem ersten Weltkrieg berief sich der Verband auf Artikel 142 der Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919 und erinnerte den Staat an seine Pflicht, die freien Berufe Kunst, Wissenschaft und Lehre zu schützen und zu pflegen.
Unabhängig von dieser öffentlichen Zielsetzung nehmen auch manche private Bauherren bis heute diese Art von Kunstförderung sehr ernst und beziehen die Kunst ins Baugeschehen ein. Sei es eine Installation oder Lichtgestaltung, ein im Gebäude integriertes Kunstobjekt, eine Skulptur vor dem Bau, das Bauwerk selbst oder eben eine Wandbemalung. Eine alte und bis heute anerkannte Kunstform der Fassadenmalerei ist ohne Zweifel die in Oberbayern und in Tirol heimische Lüftlmalerei. Die Lichtenberger Wohnungsbaugesellschaft Howoge in Berlin nutzt eine modernere, Graffiti ähnliche Form bei der Fassadengestaltung ihrer sanierten Plattenbauten aus DDR-Zeiten. Die künstlerischen Arbeiten in der Öffentlichkeit sollen ein individuelles, unverwechselbares und positives Bild sollen bewirken. Zumindest stoßen sie auf Neugier und Interesse – sei es bei Mietern, Nutzern, Passanten, Medien oder auch bei Sprayern.
Graffiti – Kunst oder Vandalismus
Graffiti sind thematisch und gestalterisch unterschiedliche sichtbare Elemente, wie Bilder, Schriftzüge oder sonstige Zeichen. Als Ausdrucksmittel eines Lebensgefühles, das durch Künstler wie Keith Haring oder Jean-Michel Basquiat Anerkennung fand, verstehen Befürworter diese Kunst. Allerdings liegt für Graffiti-Sprayer der Kick eher darin, anonym zu bleiben und ohne Genehmigung des Eigentümers ihre Kunstwerke auf den unmöglichsten, aber gut sichtbaren Flächen anzubringen. Über Aufwand, Gefahren und Kosten der „Künstler“ wird in der Öffentlichkeit weiniger nachgedacht. Der Handel hat sich allerdings mit diversen Angeboten auf den erlaubten und anonymen Sprayerbedarf bereits bestens eingestellt. So kann man sich per Internet in 24 Stunden mit Sprühdosen, Sprühkappen, Markern, Latex-Handschuhen, Atemschutzmaske und Tasche ausrüsten. Ein absoluter Hammer sei der Ninja Hoody, ein Pulli, dessen Kapuze zur Maske umgewandelt werden kann. Damit man beim Arbeiten nicht taub ist, sind in Ohrhöhe Netzeinsätze angebracht.
Die Umsätze der Graffiti-Bedarf-Branche sind nicht bekannt. Die Entfernung und Vorbeugung vor illegal angebrachten Graffiti soll Deutschland pro Jahr 500 Millionen Euro kosten. Die Hälfte davon würden private Eigentümer ausgeben. 2007 urteilte das Amtsgericht Berlin-Mitte, dass Ausgaben für die Reinigung von Hauswänden nach Graffiti-Schmierereien als Betriebskosten abgerechnet werden dürfen.
Graffiti gewollt und gehasst
Ob man will oder nicht, eine Fahrt durch Berlin wird mehr und mehr zu einem Galeriebesuch. Schon auf der S-Bahn-Station schreien neben großen Werbeplakaten Tags von den Wänden. Am beinahe jedem Fahrkartenautomaten geben diverse Graffiti-Nachrichten Rätsel auf. Ein graffiti-bunter Zug rast an graffiti-bunten Fassaden vorbei.In den Wohngebieten gibt es hinter jeder Straßenbiegung ein neues Kunstwerk zu bestaunen. Manche, wie zum Beispiel an Schulen oder Baugerüsten, sind gewollt. Andere werfen die Frage auf „Wie sind die wohl dahin gekommen?“. Und manche sind einfach nur schlimmste Schmiererei.
