Im Schlamm der Kläranlagen gefällt es Würmern, die sich dort zu Tausenden tummeln. Hungrigen Staren entgeht dies nicht: Sie schlagen sich im Schlamm der Kläranlagen nur allzu gern den Magen mit Würmern voll. Leider ist diese leichte Beute viel zu gefährlich für den Star, denn Östrogen aus der Anti-Baby-Pille und östrogen-artige Plastik- und Waschmittelzusätze überleben den Klärprozess. Die Hormone häufen sich in den Mägen der Würmern, die sich wiederum in den Mägen der Stare häufen. Als Konsequenz verweiblichen die Stare.
Die Stars der Kläranlage: Die un-fittesten Vögel trällern am lautesten
Forscher der Universität in Cardiff und des Max-Plank Institut in Seewiesen stellen in einer Studie fest, dass die Vögel, die sich im Südwesten Englands an den Würmern der Kläranlagen laben, unter einem gestörten Endokrin-System leiden, d.h. ihre Hormondrüsen schütten die falschen oder zuviele Hormone aus. Die hormongeschädigten Stare singen aber erstaunlicherweise besser und mit ihren Schlagern ziehen sie mehr Weibchen an. Die Kehrseite der Medaille: Wegen der weiblichen Hormon-Überfütterung haben die Stare ein sehr viel schwächeres Immunsystem. D.h. die Stare der Kläranlagen stellen Darwin auf den Kopf: Die unfittesten Vögel pflanzen sich hier fort.
Östrogen und Vogelgesang: Das Hormon macht den Gesang bunter
Die Theorie der sexuellen Selektion geht davon aus, dass sich die sekundären Geschlechtsmerkmale der Männchen als Antwort auf weibliche Präferenzen entwickelten. Nach dem Motto: Je größer, stärker, bunter, lauter, geschickter, desto besser eignet sich das Männchen als Partner, Vater und Versorger. Auch der Vogelgesang gehört zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen. Der Gesang wird im Gehirn von Nervenbahnen kontrolliert, die sich die sich im Zusammenspiel mit dem Hormonsystem entwickeln und operieren.
Obwohl die exakte Rolle von Testosteron und Östrogen bei der Kontrolle des Vogelgesangs noch debattiert wird, scheint es klar, dass Östrogene bei dem sich entwickelenden männlichen Vogelgehirn für die Anlage der Gesangskapazität nötig sind. Die Forscher haben jetzt bewiesen, dass je größer dieser Östrogen-Zufluss ist, desto ausgeprägter wird die Gesangsleistung bei den männlichen Staren.
Vor allem die Männchen, die den Weibchen mit einem großen Gesangs-Repertoire hinterherpfeifen, haben Chancen. Aber gerade diese Männchen haben ein schwächeres Immunsystem. Weibchen, die sich ins Nest dieser Männchen setzen, bekommen weniger Nachwuchs. Die Gesamtzahl der Stare sinkt.
Fische leiden ebenso unter Östrogenen im Abwasser
Die Alarmglocken hätten schon vor längerer Zeit läuten müssen, denn dies ist nicht die 1. Studie, die den Anteil an natürlichen und künstlichen Hormonen im Abwasser anklagt. Fische stehen vor einem ähnlichen Problem wie die Stare: Männliche Fische verweiblichen durch Östrogen im Wasser zusehends. Je näher die Fische an einer Kläranlage schwimmen, desto ausgeprägter sind ihre weiblichen Züge. Kleine Mengen von Ethinyl-Estradiol aus der Anti-Baby-Pille und Reste von Waschmittel-Zusätzen reichen anscheinend aus, um ganze Fischvölker auszulöschen.
Homosexualität im Tierreich als Konsequenz?
Schon in den '70er Jahren erkärten US-amerikanische Forscher, dass weibliche Möwen als Pärchen auftraten, nachdem die Männchen anscheinend das Interesse am Nestbau verloren hatten. Die Männchen machten sich nicht nur einfach einen faulen Lenz, sie waren vielmehr verwirrt, denn ihr Hormonhaushalt war aus den Fugen geraten. Die Forscher fanden heraus, dass die männlichen Möwen durchs Abwasser zuviele weibliche Hormone aufgenommen hatten.
In den '80er Jahren betraf es die Alligatoren in Florida, deren Männchen nur noch winzige Penisse entwickelten, auch die Schildkröten in den gleichen Gewässern litten: sie wurden zu Hermaphroditen.
Leidet auch der Mensch unter Schadstoffen und künstlichen Hormonen im Abwasser?
Beobachtungen in über 20 Ländern während der letzten 50 Jahre weisen darauf hin, dass die Anzahl der Spermien bei fruchtbaren Männern fällt. Schadstoffe in der Umwelt und auch künstliche und natürliche Hormone im Abwasser könnten dafür verantwortlich sein. Die Liste der Schadstoffe ist lang, darunter kommen PCBs (polychlorierte Biphenyle) vor, die für elektrische Geräte produziert wurden und werden, Zusätze der Pflanzenschutzmittel, Farben und aus der Plastikherstellung.
Obwohl viele Länder schon Schadstoffe wie PCBs verboten haben, dauert es sehr lange bis diese Chemikalien wieder aus der Umwelt und somit der Nahrungskette verschwinden. Und die Liste der schädlichen Stoffe, die noch immer verwendet werden, ist lang. Es scheint ganz so, als ob die Regierungen die Alarmglocken noch immer nicht hören wollen, obwohl es schon die Stare von den Dächern pfeifen.
