
- BWV 1065 - G. Bachleitner
Das in mehreren Disziplinen staunenswert begabte Wunderkind Kit Armstrong aus Kalifornien war Anziehungspunkt eines Konzertes im Herkulessaal München im November 2011.
BWV 1055, 1056 und 1061
Das Bach-Collegium München unter Florian Sonnleitner widmete sich im Herkulessaal mehreren Konzerten Bachs für mehrere Klaviere, die aufgrund des Aufwandes selten aufgeführt werden. Demgegenüber fiel die Orchesterbesetzung eher mager aus, 3 1. Vl., 3 2. Vl., 2 Ve., 2 Vc., 1 Cb. Das wäre für Bachs Konzerträume und zur Begleitung von Cembali sicher hinreichend gewesen, doch den fast vollbesetzten Herkulessaal füllte man damit nicht. Dazu kam eine zumindest im ersten Konzert, BWV 1055 in A-Dur, schwachbrüstige, geradezu zimperliche Spielweise, die an vegetarische Diät erinnerte. Kit Armstrong, das Wunderkind, das man insofern noch Kid Armstrong nennen dürfte, war durch soviel Zurückhaltung seinerseits zur Zurückhaltung genötigt, so daß ein unausgewogenes Zusammenspiel die Folge war. Das Orchester nahm seine gelegentlichen animatorischen Impulse nicht auf, sondern bremste ihn mit sachlicher Langeweile ab.
Das f-Moll-Konzert BWV 1056, von Andrea Lucchesini mutig aus Noten gespielt, erstand dagegen wie aus einem Guß. Des Pianisten Entschlossenheit übertrug sich sofort und nachhaltig auf das Orchester, das ihm willig folgte. Vielleicht war es einfach nur die größere Konzerterfahrung, die ihn befähigte, dem Werk die nötige Energie zu verleihen. Lucchesini disponierte auch sehr gut die Dynamik von Baßlinie und Melodielinie, so daß die Solostimme gewissermaßen strukturelle Transparenz bekam. Er löste damit, zumindest für sich, auch das nicht zu unterschätzende Problem, moderne Steinways mit einer Handvoll historisierend spielender Streicher in Einklang zu bringen. Die Klangmischung gelänge mit Cembali sicher besser, aber dann hätte man keine dynamischen Unterscheidungsmöglichkeiten mehr.
Im C-Dur-Konzert BWV 1061 begleitete Matthias Kirschnereit den schmächtigen 19jährigen Jungen Armstrong. Der Höreindruck, daß ein virtuoser Solist einen bescheidenen Sekundanten zur Seite hat, wird vom Notentext nicht gedeckt. Im Kopfsatz und Finale ist die Partie ausgeglichen-symmetrisch, und dort machten sich die unterschiedlichen Charaktere der Pianisten bemerkbar. Kirschnereit blieb allzu bescheiden und blaß. Verblüffend war an unserem Hörerplatz nahe dem Podium auf dem linken Rang mit idealer Schallausbreitung zu hören, wie Kirschnereits vorne stehender Flügel wesentlich weniger konturiert klang als der hintere, an dem Armstrong saß. Tatsächlich aber müßten beide Pianisten die gleiche Phrasierung, die gleiche Dynamik und möglichst auch die gleiche Klangvorstellung realisieren. Im Finale ist die Gleichrangigkeit besonders wichtig, weil Bach eine höchst originelle Kombination aus Fuge und Konzertform findet und die Polyphonie auf beide Instrumente gleichmäßig verteilt.
BWV 1063 und 1065
Das Tripelkonzert d-Moll BWV 1063 weist eine merkliche Bevorzugung des ersten Klaviers auf, das im Kopfsatz sogar eine kleine Kadenz bekommt, T. 225-232, und auch sonst reichlich Gelegenheit zu 32tel-Läufen. Im Siciliano gehören ihm Melodie und Figurationen allein. Markus Groh realisierte diesen Solopart technisch zuverlässig, wenngleich eher beiläufig-uninteressiert.
Mit dem Quadrupelkonzert a-Moll, BWV 1065 nach Vivaldis Konzert für 4 Violinen h-Moll, wurde das Ziel des Abends erreicht. Man ließ sich in den Ecksätzen zu etwas forschen Tempi verführen und büßte dabei doch einige Binnendifferenzierung zwischen den Klavieren ein. Bach hat das thematische Material hier sehr subtil zerlegt und verteilt und wollte diese Strukturen gewiß nicht in einem allgemeinen Gehämmer aufgehen sehen. Zu fragen wäre auch, ob man die kompakte Anordnung der vier Instrumente, Wange an Wange, wirklich so braucht. Es wäre Platz genug gewesen, sie zumindest einander geradlinig gegenüber zu stellen. Schon der Herausgeber der beiden Tripelkonzerte für Eulenburg, Arnold Schering, empfahl eine getrennte Aufstellung. Man könnte sich die Flügel sogar an den Ecken des Podiums aufgestellt denken, um die Klangwolke zu lichten. Sicherlich wäre auch ein Dirigent nützlich gewesen, der für die massive Klangballung von vier ineinander geschobenen Flügeln, wenn man schon an ihr festhalten will, die nötigen Detailunterscheidungen und -entscheidungen trifft - wenigstens für seinen eigenen Ort. Die Pianisten selbst können, jeder für sich, die Gesamtwirkung unmöglich beurteilen. Sie können schon kaum unterscheiden, wie das eigene Instrument klingt, wenn der Nachbar das gleiche spielt - eine irritierende Wahrnehmung für Solisten in einer Gruppe von ihresgleichen.
Das Publikum feierte dankbar die schwungvolle Motorik der vervielfachten Klaviere und erklatschte sich das Finale des Quadrupelkonzertes als Zugabe.
