Bach und die Virtuosität

Warum pure Schnelligkeit dem Altmeister nicht gerecht wird

Viele Pianisten und Organisten verwechseln bei Stücken von Johann Sebastian Bach übertriebene Dynamik mit Virtuosität. Dies ist die falsche Interpretation des Altmeisters

Das Virtuosenwesen des mittleren 19. Jahrhunderts hat eine bitterböse Erbschaft hinterlassen, nämlich – insbesondere bei den Konzertpianisten – den Schnelligkeitsrausch. Was bei Chopin noch eine große Kunst und bei Paganini eine einmalige Tugend war, das wurde unter Franz Liszts Virtuosität und den Rekorden seiner „Schüler“ zur Plage. Es ist nicht vorzustellen, wie bei sinkender Virtuosität von diesen Pianisten wenigstens noch das Tempo, die Schnelligkeit in den Vordergrund gestellt wurde.

Etüden statt Allegro-Sätze

Die forcierte Schnelligkeit der Stücke ging auf d‘Albert, Grünstein, Careno und andere zurück. Und was eignet sich etwa noch besser zum Schnellspielen als Sätze von Bach, Präludien zum Beispiel, die zwar für ein Instrument gedacht sind, über das man zwar ganz einfach „drüberhuschen kann“, nicht aber wie Mozart „perlen“ lassen kann. Also kamen die Klavierspieler, dann die Klavierlehrer und machten aus den Allegro-Sätzen von Bach eine Etüde, eine Fingerübung quasi. Man war ordentlich stolz darauf, wenn diese Stücke sich richtig herunterjagen ließen wie eine abschnurrende Uhr.

Innere Ruhe ist wichtig

Die musikalische Kraft jener alten Meister und ihrer Zuhörer reichte etwa für Mozart aus, nicht aber für einen lebhaften Satz, der etwas auszusagen hatte. Als Albert Schweitzer um 1900 sein Buch über Johann Sebastian Bach verfasste, gab er den Musikern, die die Schnelligkeit derart forcierten, mit auf den Weg: „Je besser jemand Bach spielt, desto langsamer darf er, je schlechter, desto schneller muss er es nehmen; gut spielen heißt in allen Stimmen bis ins Detail phrasieren und akzentuieren. Technisch schwer war dies sicherlich nicht für die Pianisten, die die innere Ruhe in Bach gewonnen hatten. Der Ausdruck dieser Ruhe war somit etwas völlig anderes, als ein dynamischer Wechsel zwischen schnell und langsam. Schweitzer führt in seinem Buch weiter aus: „Damit sind der Schnelligkeit gewisse technische Schranken gesetzt. Man vergesse nie, welch komplizierten Prozess das wirkliche Aufnehmen eines in der bach’schen Polyphonie gehaltenen Stücks für jeden Musiker, auch den, der es nicht zum ersten Mal hört, tatsächlich bedeutet!“

Atemlosigkeit ist nicht gleich Bach

Angesichts der überhasteten Art, mit der oftmals die Barockmusik Bachs gespielt wird (auch auf der Orgel), sind diese Feststellungen sicherlich wichtig. Es ist zweifellos nicht opportun, dass man beispielsweise nervös reizbare Zuhörer durch eine Flut nicht aufnehmbarer, gehetzter Tonreihen davon zu überzeugen sucht, solche Atemlosigkeit sei nun einmal typisch. Bach. So wird eine Sachlichkeit in Steigerung und Milderung dem Altmeister des Barocks viel eher gerecht. Der Pianist darf sich nicht von der Willkür irgendeiner Dynamik leiten lassen und muss die Unterscheidung des Besonderen von dem Alltäglichen beherrschen.

Hartmut Hermanns - Dipl.-Kaufmann (FH), BWL-Studium an der Fachhochschule Aachen/Fachbereich Wirtschaft. Berufliche Stationen waren nach einer 8-jährigen ...

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