
- Bärlauch-Blüten stehen in flachen Scheindolden - Dr. Gerald Albach
"Ich bringe Pest. Ich bin Gestank. Vom Rand der Erde komm ich her", rief diese Zeilen der Arzt Dr. Gottfried Benn immer scherzhaft seiner Frau zu, wenn er als Wildkräuter-Räuber vom Bärlauch-Raubzug aus den Wäldern zurück kam? Ist Bärlauch sammeln eine anrüchige Sache, die nicht doch ein bisschen zum Himmel stinkt? Rührt nicht der melancholische "gigi-gigügügü"-Ruf des Grauspechts im Frühling daher, dass er unvermutet in eine Bärlauch-Duftwolke hineingeflogen ist? Lacht nicht der Grünspecht schallend "gjügjügjüg", wenn er die kräuterkundigen Bärlauch-Stinkerchen beim Bärlauch sammeln sieht? Erkennt man den Bärlauch, ohne ihn überhaupt gesehen zu haben, schon am Geruch? Halten wir unsere Nase zur ersten Aroma-Bestimmung in den bärlauchigen Frühlingswind!
Sagt Pu Puh? Nur für bärenstarke Typen - Geruchsprobe nach Hahnemann!
Es ist entsetzlich! Es stinkt zum blauem Frühlingshimmel, Puh! Was Pu der Bär, Kräutersammler und Kräuterfrauen jedes Jahr immer wieder an Gestank erleiden müssen und mussten, geht auf kein dünnes Bärenfell: "ein in feuchten schattichten Gegenden verschiedner Wälder sehr häufiges Zwiebelgewächs, welches im Mai blüht, und schon von weitem an seinem widrigen als Knoblauch stinkenden Geruche zu erkennen ist", was wie ein schonungsloser Darmwind aus der Buchenschonung daherkommt ist der schonungslose Eintrag im Apothekerlexikon des Homöopathie-Begründers Samuel Hahnemann aus dem Jahre 1793. Und Hahnemann hatte recht, größere Bärlauch-Vorkommen entdeckt man beim Waldspaziergang an sonnigen Frühlingstagen ohne eine einzige Bärlauchpflanze gesehen zu haben am Bärlauch-Geruch. Wie sieht die Heilpflanze und das Wildgemüse Bärlauch aus, welche am "stinkenden Geruche zu erkennen ist"?
Der Bärlauch wächst als Geophyt aus seinem Reserveorgan - der Zwiebel
Das Lauchgewächs Bärlauch wächst als so genannter Geophyt aus einer schlanken etwa 2 bis 5 Zentimeter langen und 0,5 bis 1 Zentimeter breiten weißen Zwiebel, die im Boden verborgen von kurzen Borsten umgeben sein kann. In der Zwiebel speichert der Bärlauch nach der Blüte seine Reservestoffe, als Reserveorgan ist die Bärlauch-Zwiebel ein in den Boden ausgelagerter Blattschopf aus Nährstoff-Speicherblättern - ein Geokorm. Blüht der Bärlauch, wird die Zwiebel von einem dünnen, transparenten Scheidenhäutchen des äußeren Laubblattes umgeben, das als eines der grundständigen Laubblätter auch über dem Waldboden zu erkennen ist.
Der Habitus des Bärlauchs - das Erscheinungsbild der Laubblätter
Meist schon ab Februar bis März erscheinen die zwei grundständigen Laubblätter des Bärlauchs, manchmal wird auch nur ein Laubblatt oder drei Blätter ausgebildet. Die ganze Bärlauchpflanze kann mit ihrem aufrechten runden bis dreikantigen Stängel etwa 15 bis 50 Zentimeter hoch werden. Die etwa 2 bis 5 Zentimeter breiten und bis zu 20 Zentimeter langen Bärlauch-Blätter stehen an einem langen Blattstiel und sind von breit-lanzettlicher Form. Es handelt sich um so genannte invers bifaciale Laubblätter, das photosynthetisch aktive Palisadenparenchym des Blattes befindet sich nur an der hellgrünen und matten Blattunterseite. An der Blatt-Unterseite sieht man die parallel laufende Blatt-Nervatur mit einem stärker hervortretenden Hauptnerv und relativ undeutlichen Seitennerven. Dagegen ist die dunkelgrüne Blatt-Oberseite glänzend und zeigt auch parallel laufende Nerven. Zerreibt man das Blatt zwischen den Fingern, entsteht das knoblauchartige Geruchsaroma und Geschmacksaroma des Allicins und der Tränenfaktor LF. Eine Geruchsprobe kann man meist nur einmal ausprobieren, da nun der Grünspecht lacht und die Finger nach Knoblauch riechen. Das nächste giftige Maiglöckchen-Blatt kann dann auch schwach nach Knoblauch riechen.
Die weißen Blüten des Bärlauchs stehen in Scheindolden
In einer etwa 4 bis 25-blütigen Scheindolde erblühen die sternenförmigen weißen Bärlauch-Blüten weit geöffnet von April bis Juni mit einem Durchmesser von 1 bis 2 Zentimetern. Jede Blüte besteht aus sechs gleichartigen Blütenblättern (Tepalen) die eine auch Perigon genannte Blütenhülle bilden. Deutlich sieht man die sechs Staubblätter (Stamina) mit ihren dünnen, unten nur gering verwachsenen, weißen Staubfäden (Filamente), sie tragen hellgelbe Staubbeutel (Antheren) mit hellgelben Pollen. Die Staubblätter sind etwa ein Drittel kürzer als die gleichartigen sechs Blütenblätter des Perigons. Bärlauch hat einen dreilappigen hellgrünen Fruchtknoten mit zwei Samenanlagen pro Fach, wobei der eingesenkte Griffel weiß ist. Nach dem Verblühen des Bärlauchs vergilben die Bärlauch-Blätter, die Pflanze zieht sich wieder in die Bärlauch-Zwiebel zurück. Vor dem Verblühen kann man die Blüte ruhig einmal ausprobieren, sie ist essbar.
Bärlauch wächst und schläft gerne unter den Blätterdachhöhlen der Laubbärbäume
Wenn man den Wald vor lauter Laubbärbäumen wie der Rot-Buche nicht mehr sieht, ist der Bärlauch meist nicht weit; wenn man im April das ockerne Winterbärlaub des Waldbodens vor lauter grünbärenen Blättern nicht mehr sieht, ist man oft schon schonungslos in die Bärenlauchfalle hineingetappt. Wildgemüse-Durchlaucht Bärlauch wächst als Schattenpflanze und Kennart der Laubwälder Mitteleuropas im pflanzensoziologisch erlauchten Kreise des Fagetalia sylvaticae. Im Verband des Fagion sylvaticae kennzeichnet der Bärlauch relativ wärmebedürftige und frostempfindliche Standorte, die manchmal ein bisschen zum Himmel stinken.
Systematik
Abteilung: Magnoliophyta – Bedecktsamer
Klasse: Liliopsida – Einkeimblättrige
Unterklasse: Liliidae – Lilienähnliche
Über-Ordnung: Liliianaea
Ordnung: Amaryllidales – Narzissenartige
Familie: Alliaceae – Lauchgewächse
Unterfamilie: Allioideae
Stamm: Allieae
Gattung: Allium – Zwiebel, Lauch
Art: Allium ursinum – Bärlauch
Kennart-Ordnung: Fagetalia sylvaticae Pawl. 1928.
Blütenformel: * P 3+3 A 3+3 G (3)
Weiterführende Literatur:
- Dr. Franz Speta (1984): Über Oberösterreichs wildwachsende Laucharten (Allium L, Alliaceae). Linzer Biologische Beiträge 16/1, Seite 45 bis 81.
- "Die Blütenpflanzen Mitteleuropas" von Dietmar Aichele und Heinz-Werner Schwegler - Kosmos. ISBN: 978-3-440-09277-4
- "Flora von Deutschland und seinen angrenzenden Gebieten" von Otto Schmeil und Jost Fitschen - Quelle & Meyer. ISBN-10: 349401468.
- Eric Block (2010): Garlic and Other Alliums: The Lore and the Science. The Royal Society of Chemistry. ISBN: 978-0-85404-190-9.
- Bild-Informationen:
- Einen kleinen Teil meiner leicht nach Knoblauch duftenden erbärmlauchigen Photographien finden Sie in der Kunst-Galerie mygall.
