Bahnbetriebswerk für Dampfloks Wolsztyn in Polen

Dampflok Ty1-76 in Wolsztyn - Harald Rossa
Dampflok Ty1-76 in Wolsztyn - Harald Rossa
Das Bahnbetriebswerk Wolsztyn gehört zu den letzten seiner Art in Europa. Noch immer werden von hier aus Dampfloks im Liniendienst eingesetzt.

Das Bahnbetriebswerk (Bw) Wolsztyn der Polnischen Staatsbahn (PKP) bzw. der PKP Cargo S.A. schickt nach wie vor eine jeden Tag Dampflokomotiven im planmäßigen Personenzugdienst nach Poznan (Posen) und nach Leszno (Lissa) auf die Strecken. Es ist das letzte Betriebswerk seiner Art für normalspurige Dampfloks in Europa. Hier ist noch die komplette Infrastruktur eines Dampflokbetriebswerks mit Maschinen, Werkstätten und Gerätschaften vorhanden, die für den Betrieb von Dampfloks und zu deren Reparaturen benötigt werden.

Es sei nochmals klargestellt: Das Bahnbetriebswerk Wolsztyn ist kein Freilicht- oder Eisenbahnmuseum. Das Bw ist ein seit über 100 Jahren bestehendes und in Betrieb befindliches Dampflokbahnbetriebswerk. Hier sind Tag für Tag angeheizte, schnaufende und in Dampf und Qualm gehüllte Dampfrösser zu bewundern, die für den Einsatz vorbereitet werden.

Der Eisenbahnknoten Wolsztyn

Von Wolsztyn gehen 5 Bahnstrecken in unterschiedliche Richtungen aus. Sie verbinden Wolsztyn mit Zbaszynek (Neu Bentschen), Leszno (Lissa) und Poznan (Posen), Konotop (Nowa Sól), Kargowa (Unruhstadt), Sulechów (Züllichau) und Zagan (Sagan). Personenzüge verkehren heute nur nach Poznan und Leszno. Alle Strecken sind Dokumente ihrer Bauzeit. Die preußische Eisenbahnarchitektur hat sich hier in Form kleiner Dorfbahnhöfe erhalten. Gleiches gilt für die Infrastruktur an den Strecken. Brücken, Viadukte, Signale und Stellwerke sind weitgehend noch im originalen Zustand.

Das Betriebswerk Wolsztyn

Das Bahnbetriebswerk Wolsztyn entstand ab 1907. Es verfügt über einen achtständigen Ringlokschuppen mit Drehscheibe von 1908, die nötigen Werkstätten, einem Wasserturm von 1907, eine Bekohlungsanlage mit Kohlehunten und Wasserkran. Im Betriebswerk gibt es heute ein kleines Museum zu seiner Geschichte und die des Knotenpunkts und Bahnhofs Wolsztyn. Dazu gehört ein Güterwagen von 1911 mit einer vollständigen Bahnrettungsausrüstung.

Die betriebsfähigen Dampfloks in Wolsztyn

Das Betriebswerk Wolsztyn betreut 6 noch betriebsbereite Dampfloks aus verschiedenen Epochen, die vor Regelzügen nach Poznan und Leszno sowie vor Sonderzügen eingesetzt werden. Diese Lokomotiven sind:

  • Die Ok1-359, eine preußische P8 bzw. BR 38 der Deutschen Reichsbahn. Sie wurde 1917 von den Schwartzkopf-Werken in Berlin gebaut und ist die älteste betriebsbereite Maschine in Wolsztyn.
  • Die Pm36-2 von 1937, auch „Schöne Helena" genannt, war die schnellste Dampflok der PKP. Gebaut wurde die Maschine in der Ersten Lokomotivfabrik Polens Chrzanów.
  • Die Ok22-31 war die erste polnische Personenzuglok und entstand 1929.
  • Die Tr5-56 war eine preußische G8.1 und hatte bei der Deutschen Reichsbahn die Kennung 56 511. Sie wurde 1921 bei Orenstein & Koppel in Stettin mit der Fabriknummer 8961 gebaut.
  • Pt47–65 ist eine polnische Neubauschnellzuglok von 1949.Von der Baureihe Pt47 sind noch die nicht betriebsfähigen Exemplare Pt47-106 und Pt47-112 in Wolsztyn vorhanden.
  • Das Rückgrat für den Dampfbetrieb sind die Personenzuglokomotiven der Baureihe Ol49. 8 Stück mit den Betriebsnummer Ol49-7, 23, 59, 60, 69, 81 85 Ol49-111 gehören zum Bestand. Betriebsbereit sind Ol49-7, und Ol49-69.

Weitere Lokomotiven in Wolsztyn

Über 20 verschiedene Lokomotiven sind im Betriebswerk Wolsztyn zu sehen:

  • Die 3-Zylinderlok Ty1-76 wurde 1919 von den Linke-Hofmann-Werke unter der Fabriknummer 1866 gebaut. Bei der KPEV wurde die G12 als „Elberfeld 5562" bezeichnet. Die DRG führte sie als 58 1297. Nach dem 2. Weltkrieg war diese Dampflok bei der PKP im Einsatz. 1994 kam sie nach Wolsztyn, wo sie instand gesetzt wurde. Sie ist nicht mehr betriebsfähig.
  • Ty2 ist die Bezeichnung der PKP für die deutschen Kriegslokomotiven der BR 52. Die Ty2-406 wurde 1943 von Orenstein & Koppel in Sosnowiec mit der Fabriknummer 13821 als BR 52 4770 für die DR gebaut. 1989 ist sie nach Wolsztyn gekommen. 1999 lief die Kesselfrist ab und sie wurde abgestellt. Ebenfalls abgestellt ist die Ty2 mit der vermutlich nicht richtigen Nummer 1398. Die ebenfalls zum Bestand gehörende Ty2-1086, ex DR 52 5123, steht als Heizlok im Betriebswerk Leszno.
  • Die Ty3-2 wurde 1944 bei Schichau als BR 42 1427 mit der Fabriknummer 4448 gebaut. 1990 kam sie nach Wolsztyn. Sie war bis zum 11. Oktober 2002 im Einsatz.
  • Nach 1945 wurden in Polen weitere 150 Kriegslokomotiven nach dem Muster der Ty2 als Ty42 gebaut. In Wolstyn steht die Ty42-148.
  • Die Dampflok Ty43-123 wurde 1949 in Poznan unter der Fabriknummer 3288 gebaut. Seit 1989 ist sie in Wolsztyn beheimatet. Auch die Ty43-92 ist nicht mehr betriebsfähig.
  • Die Ty45-379 wurde 1949 mit der Fabriknummer 1388 in Poznan gebaut. Bis Oktober 2002 war sie in Wolsztyn vor Güterzügen im Einsatz. Seit Februar 2003 ist sie abgestellt.
  • Die Ty5-10 wurde als BR 50 451 bei Schichau in Elbing 1940 mit der Fabriknummer 3413 gebaut. Nach dem 2. Weltkrieg blieb sie als Ty5-10 in Poznan und war bis in die 70er Jahre im Einsatz.
  • Die Ty51-223 war bis 1988 in Rzepin im Einsatz. Sie ist die schwerste Güterzuglokomotive polnischer Produktion und entstand 1957 bei den Cegielski Werken in Poznan. Seit 1989 ist sie im BW Wolsztyn und wurde bald abgestellt. Seit 2001 befindet sich in Wolsztyn auch die Ty51-183, die vorher im Hafen Szczecin stationiert war.
  • Die Tkt48-143 wurde 1956 in Chrzanow mit der Fabriknummer 4733 gebaut. 1990 ist sie nach Wolsztyn gekommen und wurde im Güter- als auch Personenverkehr eingesetzt. Seit September 1997 ist sie abgestellt. Am 24. Juli 2001 kam noch eine TKt48-147 kam 2001 nach Wolsztyn und ist ebenfalls nicht betriebsfähig.
  • Dampfspeicherlok Tkb-64 von 1912

Die Palette der betriebsbereiten und abgestellten Dampfloks wird durch mehrere zwei- und dreiachsige historische Personenzugwagen aus den Jahren 1903 - 1930 sowie verschiedene Spezialfahrzeuge, wie z.B. einen Schneepflug von 1883 und einen Kranwagen mit Handantrieb von 1913, ergänzt.