
- Nach der Decke strecken - Ballhaus Ost Berlin
Der Boden des Aufführungsraums im dritten Stock ist mit einer Schicht streng duftender Erde überzogen. Wahrscheinlich Rindermilch, zumindest weist ein an der Kasse klebender Zettel darauf hin. Vom Band ertönt ein schlagerähnliches Lied, in dem die Sehnsucht nach der Katastrophe verkündet wird. Vier Menschen, zwei Männer und zwei Frauen, sitzen auf einer Bierbank, als befänden sie sich vor einer unsichtbaren Imbissbude am Strand, an dem verbrannte Erde hinterlassen wurde. Die Köpfe nach unten gesenkt, wird Erde weitergereicht, wie bei einer magischen Zeremonie. Eine Initiationsritus vielleicht, wäre da nicht diese alltägliche Atmosphäre.
Aufkommende Paranoia
Ein mittelgroßer Mann trippelt auf der Stelle und erzählt eine Geschichte. Kopfschmerzen treiben ihn aus der Wohnung und er stürzt förmlich in den Fahrstuhl, der aber seinen Dienst versagt. Über die Treppe gelangt er auf die Straße und läuft in ein Krankenhaus wie ein Gehetzter, der vor sich selbst davonläuft. Er sieht einige Passanten klatschen und weiß nicht, ob das Beifall oder Ironie ist oder aus Langeweile geschieht. Eine paranoide Situation, die Gesetze des Daseins scheinen aufgehoben und alptraumhafte Dimensionen angenommen zu haben. Hier wird nicht auf der Straße getanzt, wie es der Titel suggeriert, sondern geflüchtet, jemand will ausbrechen und weiß nicht wohin: die persönliche Krise wird als universelle Krise wahrgenommen. Anscheinend ist es dem Produzentenduo Alexander Elsner und Tilman Meckel um die Heraufbeschwörung chaotischer Verhältnisse gegangen: auf Küsse und Umarmungen wartet man an diesem Abend vergeblich. Stattdessen wird ein Prozess der Verwahrlosung diagnostiziert, die ihren Kulminationspunkt in der alltäglichen Gewalt auf der Straße findet. Von einem lustvollen Eintauchen in die Passionen und Verzückungen des Stadtlebens kann nicht die Rede sein. Die Figuren agieren mit der Angst im Nacken.
Vier Stockwerke, ineinander verschränkt
Aber sie können auch anders. Beim Erklingen lauter Techno-Musik wird ein veritabler Tanz hingelegt. Endlich finden die Akteure zu einer Ausgelassenheit, die allerdings nicht nach ursprünglicher Lebensfreude aussieht, sondern eher wie das mühsame Abwerfen von Verkrampfung wirkt. Nun stellen sich die Figuren hintereinander auf und bilden, da jede Person die andere um etwa einen Kopf überragt, vier Stockwerke. Ja, das kleine Ensemble hat einiges auf Lager: die Körpergrößen liegen bei etwa 130 cm, 160 cm, 175 cm und 190 cm. So stehen sie denn und wedeln mit den Armen, die gleich sensiblen Fühlhörnern in den Raum hineingreifen. Die Formation löst sich auf, jäh werden die Köpfe nach oben gewendet, vermutlich, um beim Anblick der Decke die innere Einkehr zu optimieren. Obwohl nicht sichtbar, wähnen sich die Figuren ineinander verschränkt und sprechen von einer Verkeilung der Körper. Ein unnormaler Zustand, gewiss, aber von einer gewissen Emotion getragen. Die erlebte Ekstase, freilich nur eine Luftnummer, ist schließlich auch ein Geben.
Der Rausch hat alle im Griff
Anschließend berichtet die sehr kleine Frau von ihren Tanzerlebnissen bei einem Fest, wo sie zunächst schelmisch durch Beine hindurchkriecht, dann kühn über Bänke steigt, bis sie letztlich ein zarter Weinanfall überkommt und der Zusammenbruch droht. Um das Desaster zu komplettieren, überschüttet sich ein Mann zu elektronischer Musik mit Erde und begeht eine Art Selbstbeerdigung, die von diesem scharfen Geruch umweht ist, der spätestens jetzt an Moder und Verwesung gemahnt. Bedrohlich ist die Allmacht der regellosen Monotonie. In einem Zwiegespräch reden zwei Figuren immer wieder vom Kotzen, von Besserung, von Speed und wieder vom Kotzen, bis ein Hüne enerviert herumläuft und vorm Durchdrehen ist. Der Rausch hat sie alle im Griff, so fest, dass sie sich selbst nicht mehr entrinnen können und sich in der Gesellschaft als Verlorene vorkommen. Das Gemeinschaftserlebnis im Tanz scheint die einzige Befreiung zu sein: der Ausbruch aus der Heimsuchung und der Ausweglosigkeit einer tumultuarisch entrückten Welt.
Noise. Dancing in the streets
Eine Produktion von Alexander Elsner und Tilman Meckel
In Kooperation mit Werkstattmacher E.V. des Lofft Leipzig
Von und mit: Norman Alt, Alexander Elsner, Golschan Ahmad Haschemi, Hoang Duc Hieu, Nora Krings, Marie-Charlotte Lukowsky, Tilman Meckel, Max Schaufuß
Erste Aufführung: 21.Februar 2012
Bildnachweis: © Ballhaus Ost
