
- Warteraum Zukunft - Steffen Kassel
Daniel will endlich ernten, was er einst gesät hat. Nach etlichen Semestern, Prüfungen und einem monetär inakzeptablen 50-Stunden-Praktikum wartet er auf den großen innerbetrieblichen Durchbruch. Der Low-Budget-Bereich soll endlich der Vergangenheit angehören, deshalb greift er nach den Fleischtöpfen – stattdessen tritt er eher in Fettnäpfe, die er selbst hingestellt hat. Anmaßend ist die Arbeitswelt, und er glaubt sie nur ertragen zu können, wenn er aus einiger Höhe nach unten blickt. Nach der von Alice Buddeberg inszenierten Uraufführung im Mai 2010, einer Version von Simon Solberg im Deutschen Theater und anderen Neuinszenierungen ist das Stück nun im Ballhaus Ost gelandet.
Wasserautomaten im Warteraum
Matthias Lier als Daniel und Katharina Behrens stehen im Rang, direkt neben der Bar. Auf der Bühne bewegt sich ein Spielzeugauto, das von oben ferngesteuert wird. Das kleine Gefährt kurvt zwischen etlichen Wasserautomaten, die auf beiden Seiten und vor der Bühnenwand aneinandergereiht sind und die Spielfläche eingrenzen. Mittlerweile haben diese innovativen Versorgungseinrichtungen einen minimalen Siegeszug in Firmen, Arztpraxen und öffentlichen Warteräumen errungen. Da auf der Bühne (Indra Nauck) siebzehn solcher Automaten aufgestellt wurden, handelt es sich offenbar um ein kolossales Großbüro, das den einzelnen Angestellten zu verschlingen droht. Der täglich eine lange Anfahrtszeit zurücklegende Daniel weiß, dass er nur ein kleines Rad im Getriebe ist und begehrt dagegen auf, um wenigstens ein wesentlicher Bestandteil des Motors zu werden. Trotz seines zähen, verbitterten Geltungsdrangs, seinem Wunsch nach einem parvenüartigen Dauerzustand fällt er immer wieder zurück in die Verfluchung des kruden Arbeitslebens. Anstatt einen Ausstieg anzuvisieren, möchte der junge Ingenieur in einer Welt reüssieren, die er im Grunde ablehnt.
Zwischen Auflehnung und Anpassung
Mitunter gelingt es Matthias Lier, sich in Zustände hineinzumanövrieren, wo man ihm die Empörung durchaus abnimmt. Leider verfällt er dann wieder in einen unterschwelligen Juxmodus, der den Ernst der prekären Situation herausnimmt. Gemäß dem beruflichen Umfeld lässt er seinen Daniel sprechen, als gelte es, keine Zeit zu verlieren. Die Worte jagen einander und gelegentlich leidet das Textverständnis unter dem Tempo dieses Karrieristen, der sich mit dem Beschleunigungsfaktor im Verdrängungswettbewerb durchsetzen möchte. In der erwarteten Zukunft haben es sich bereits einige Erfolgreiche gemütlich eingerichtet, die dann wegen der Ehrgeizigen ausgemustert werden müssen. Katharina Behrens übernimmt diverse Rollen, mal spielt sie irgendeinen Angestellten, mal den Chef und mal eine Frau. Wie um Daniels Pendeln zwischen Auflehnung und Anpassung zu konterkarieren, agiert Katharina Behrens übertrieben gekünstelt, ohne ein gezieltes darstellerisches Raffinement einzusetzen. Dadurch erhält die Inszenierung einen Zug ins Groteske.
Die Beförderung ist eine Strafversetzung
Einmal allerdings vermag sich die Schauspielerin zu einem seriösen Auftritt aufzuschwingen. In einer Szene ist sie als Großprojektion zu sehen, und zwar als Chef, dessen Gesicht mit einer modischen Nerd-Brille ausgestattet ist. Der Jungingenieur, gesellschaftlich als Nerd einzustufen, wird vom Ober-Nerd zurechtgewiesen und geistig vorbereitet auf arbeitstechnische Einsparungen und strukturelle Maßnahmen. Diesmal hat die Mimik einen ernsthaften Anstrich, obwohl Katharina Behrens auch hier ein wenig der Verführung erliegt, ins Spielerische und Clowneske hinüberzugleiten. Der Jungingenieur wähnt sich im Gefühl der Zurücksetzung bestätigt – er reagiert mit gebremster verbaler Revolte. Die erwartete Beförderung ist in Wahrheit eine Strafversetzung: er wird eine Art Abteilungsleiter, allerdings in Rumänien. Über diesen neuen Arbeitsort weiß er nicht viel, bestenfalls etwas über Folklore und Zigeuner, und so kommt es aufgrund angestauter Frustration beinahe zwangsläufig zu einem Club-Besäufnis, bei dem er von erotischen Aufwallungen heimgesucht wird. Die zahlreichen Wasserspender sind längst auf den Boden gekippt: Daniel, der wegen des täglichen Wahns an Schlaflosigkeit leidet, findet im Alkohol ein Refugium für stille Rebellion, aber ein Entrinnen ist nicht in Sicht. Am Ende nähert sich Katharina Behrens dem Verzweifelten auf einem Kinderrad. Hier bricht die Inszenierung ab – es ist die Stelle des privaten Desasters, bei dem der Autoexperte Daniel einen Radfahrer überfährt.
Warteraum Zukunft
von Oliver Kluck
Regie: Marie Bues, Bühne, Kostüme: Indra Nauck, Dramaturgie: Janine Henkel, Lichtdesign: Bernd Welte, Musik: Electrosexual, Video: Elmar Szücs, Technische Leitung: Clemens Reichle, Produktion: Julia Sinkowicz.
Mit: Katharina Behrens, Matthias Lier.
Eine Produktion von Theaterkollektiv Bureau in Kooperation mit dem Ballhaus Ost.
Premiere vom 3. Februar 2012, Dauer: ca. 80 Minuten.
Bildnachweis: © Steffen Kassel
