
- Bandoneon - Stefan Franzen
Es ist untrennbar mit dem Tango verbunden, gilt sogar als sein Symbol: Das Bandoneón. Umso bemerkenswerter, dass die sentimentalste aller Quetschkommoden als urdeutsches Instrument auf die Welt kam. Seine argentinische Karriere war erst das zweite große Kapitel aus einer bewegten Geschichte. Durch die geleitet bis Juli 2008 die Ausstellung "¡Che Bandoneón!" im Musikmuseum Basel.
Der Sammler Konrad Steinhart
Entwickelt hat sich die Idee für die Schau aus einem Kontakt zwischen Museumsleiter Martin Kirnbauer und dem Instrumentensammler Konrad Steinhart. Letzterer hortet in einem kleinen Schwarzwaldort bei Freiburg die größte Bandoneón-Kollektion der Welt, mit über 300 Exemplaren. Sogar Astor Piazzolla kam hierher, wenn er auf Deutschlandtournee war, um auf einem ganz bestimmten Instrument zu spielen. Die Bandoneóns haben bei Steinhart gewissermaßen in den ländlichen Raum zurückgefunden. Denn wie man im Basler Museum sehen kann, nahm die Geschichte des "Handzug"-Instruments auch in einem eher rustikalen Umfeld ihren Anfang.
Von der Concertina zum Bandonion
Als Variante der Concertina wurde es vom Krefelder Musiklehrer Heinrich Band (daher sein Name!) 1843 geprägt: Band ließ einige Veränderungen im Griffsystem vornehmen und ersetzte das auf dem Kasten angebrachte Schild "Concertina" kurzerhand durch "Bandonion". Bauen ließ er seine Version in der sächsischen Idylle. Die Fabrik von Vater Ernst Ludwig Arnold und Sohn Alfred Arnold stellte sie in Carlsfeld her. Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich das System weiter: Immer mehr Tasten kamen hinzu, die Anordnung wurde chaotisch, da nicht – wie etwa beim Akkordeon – von vornherein eine logische Anordnung der Klaviatur gegeben war.
Durchschlagende Zunge
Weitere Unterschiede zum "großen Bruder": Melodieseite und Bassseite sind völlig unterschiedlich zu bedienen. Durch das Drücken eines Knopfes werden zwei Stahlzungen gedrückt, die exakt durch eine Öffnung passen und so den Luftstrom in Gang bringen – man spricht von der "durchschlagenden Zunge", deren Prinzip Kirnbauer in der Ausstellung an einem Modell erläutert. Ebenso zeigt sie Versuchsinstrumente zur Vereinfachung der Spielweise und die sogenannte "Wäscheleine-Notation", mit der man Stücke spielen konnte, ohne das Notenlesen zu beherrschen.1924 schließlich wurde das System vereinheitlicht, zu einem Instrument mit sage und schreibe 144 Tönen.
Bandonionvereine
Zu dieser Zeit hatte das Bandonion im Arbeitermilieu schon eine beachtliche Karriere gemacht. Es war seit 1870 zum Instrument des kleinen Mannes avanciert, man pflegte sein Spiel in Vereinen, die die neu aufkeimende Geselligkeit unterstrichen. Zentren waren vor allem die Bergwerksregionen des Ruhrgebiets (die letzte Bandonionvereinigung gibt es heute noch in Essen!), aber auch Sachsen, Hamburg und sogar die Schweiz. Um 1920 zählte man in Deutschland mehr Bandonionvereinigungen als Fußballvereine. Doch die Gleichschaltung des Vereinswesens durch die Nazis machte dem Boom ein Ende, und nach dem Krieg waren die Produktionsstätten in der DDR vom Westen abgeschnitten. Die Firma Hohner aus Trossingen setzte sich mit ihren Akkordeons durch. Hier endet die deutsche Geschichte des Instruments.
Zweite Karriere: Argentinien
Museumsleiter Kirnbauer hat die zwei Leben, den Wandel vom "Bandonion" zu "El Bandoneón" durch räumliche Trennung auch physisch umgesetzt. Die Karriere in Argentinien zeigt er mit Steinharts Exponaten zwei Stockwerke höher. Hier wird der Siegeszug im Tango anschaulich: Deutsche Auswanderer brachten es im Gepäck nach Übersee, wo es seit 1905 belegt ist. Schnell verdrängte das Bandoneón die Querflöte, weil es durchdringender und rhythmisch impulsiver war und sich nicht so leicht verstimmte. Schon ab 1915 musste jedes Tango-Ensemble ein Bandoneón haben. Die italienischen Immigranten stiegen von ihrer mitgebrachten Fisarmonica aufs Bandoneón um, wegen des "traurigen samtenen Klangs", wie Piazzolla einmal berichtete.
Die Tango-Modewelle
Durch Plattenaufnahmen in Paris schließlich wurde eine europäische Modewelle des Tanzes ausgelöst, die schließlich auch zur Akzeptanz des ehemaligen Gauner-Genres in Argentinien führte. Es gab Tango-Tee und sogar die Modefarbe "tango" für Kleider, ein Lachsrosa. Neben einigen prächtigen Instrumenten sind in Basel auch Bildschallplatten zu sehen und eine Werbung des berühmten Sängers Carlos Gardel für Radioempfänger, die die Tango-Popularität ebenfalls vorantrieben. Um große Tanzsäle akustisch zu füllen, stockte man die Besetzungen schließlich immer weiter auf, bis hin zu den berühmten Bandoneón-Orchestern.
Kagel, Piazzolla und Otros Aires
Die Ausstellung endet schließlich in einer Nische, die ansonsten dem argentinischen Komponisten Mauricio Kagel vorbehalten ist. Passend: Auch er hat mehrere Stücke fürs Bandoneón geschrieben, seine Notizen zum "Tango Alemán" können ebenfalls bewundert werden. Daneben laufen Filme über die Werkstätten in Carlsfeld, ein Interview mit Piazzolla und den heutigen Tango-Electrónico-Vertretern von Otros Aires.
Rahmenprogramm: OsterTango
Begleitet wird die bis Juli dauernde Ausstellung von einem reichen Rahmenprogramm. Führungen unter verschiedenen Aspekten sowie Konzerte im Jazzclub Bird's Eye mit dem Experimental-Projekt Tango Crash und den Trios von Michael Zisman oder Gabriel Rivano gehören dazu. Den Synergie-Effekt nutzt man auch mit dem alljährlichen Basler OsterTango-Festival: Vom 20. bis 24.März reihen sich dort neben diversen Tanzveranstaltungen auch Otros Aires als Protagonisten des futuristischen Tangos auf die Gästeliste.
