
- Biografie Sophie Scholl - c Hanser Verlag
Die Publizistin Barbara Beuys eröffnet definitiv einen neuen Zugang zu Sophie Scholl und geht dabei einfühlsam, aber auch nüchtern vor, wo es angebracht ist. Während in früheren Lebenserzählungen Mythos und Verklärung stets den Menschen verwischten, versteht es Beuys, der Person Sophie Scholl klare Konturen zu geben. Sie ergeht sich nicht in Spekulationen, sondern bleibt stets nahe an den Fakten und widersteht der Versuchung, Lücken in der Geschichte füllen zu wollen und Widersprüche wegzuerklären. Manches muss eben offen bleiben, und welche Lebensgeschichte ist schon frei von Widersprüchen? Beuys wurde dafür kritisiert, es sich mit dem Stehenlassen der Widersprüche und der offenen Fragen zu leicht zu machen. Wer aber dieses lesenswerte Buch in die Hand nimmt, wird feststellen, dass die Autorin es sich absolut nicht leichtgemacht hat.
Akribisch recherchiert, nüchterne Fakten, turbulente Liebesgeschichte
Barbara Beuys hat akribisch recherchiert und hatte dabei eine Menge bisher unveröffentlichtes Material zur Verfügung: Nach dem Tod von Sophie Scholls Schwester Inge Aicher-Scholl (sie starb 1998), ging deren gesamter Nachlass an das Münchner Institut für Zeitgeschichte und ist dort seit 2005 für die Forschung zugänglich: Ein wahrer Schatz an Briefen, Dokumenten und neuen Einsichten. Beuys präsentiert Fakten, Fakten und nochmals Fakten, was dieser Biografie etwas nüchtern-Dokumentarisches verleiht – sie hätte dieses Buch auch emotionalisierter, mehr wie einen Roman, verfassen können. Stoff dazu gibt es genug, nicht nur in der turbulenten Liebesgeschichte zwischen Sophie Scholl und dem Wehrmachtsoffizier Fritz Hartnagel, sondern auch aufgrund der Spannungen zwischen Sophie und Inge Scholl, die zeitweise um denselben Mann (Otl Aicher) kreisten. Ganz zu schweigen von der Festnahme der Scholls, dem skandalösen Gerichtsprozess und dem anschließenden „Heldentod“ der Geschwister Scholl.
Sophie Scholls Rolle beim BDM näher beleuchtet
Diese Biografie ist unglaublich detailliert, streckenweise etwas zu detailliert und mit dicht gedrängten Daten vollgestopft – was manchmal anstrengend zu lesen ist. Aber verständlich: Beuys hatte Unmengen von Material recherchiert und wollte so viel wie möglich auch unterbringen. Zudem handelte es sich um viele neue, bisher unberücksichtigte Quellen – eine kleine Sensation, also. Beuys scheut sich auch nicht, Scholls Vergangenheit als Scharführerin beim BDM genauer zu beleuchten. Dieses Kapitel in Sophie Scholls Biografie wurde selten so detailliert und kompetent aufgearbeitet. Viele scheuen sich, darüber zu schreiben, weil Scholls begeistertes Engagement beim BDM so gar nicht zu der Widerstands-Ikone passte, als die sie stilisiert wird.
Sophie Scholls letzte Botschaft: Freiheit
Beuys zeichnet das Bild einer jungen Frau mit vielen Facetten: Sophie Scholl liebt die Natur, die Musik, Literatur, Kunst; sie liest ununterbrochen, spricht ausgezeichnet französisch und englisch, ist künstlerisch begabt; sie raucht, fährt gern Auto und tanzt sehr viel und gut – obwohl sie nie in einer Tanzschule war. Gleichzeitig lernen wir aber auch ein zerbrechliches, stilles Wesen kennen, das oft kränkelt, aber wenn es hart auf hart kommt, auch ziemlich schroff sein kann. Und wir sehen eine junge Frau, die im Gefängnis, ihre Hinrichtung vor Augen, unbemerkt zweimal das Wort „Freiheit“ auf die Rückseite ihrer Akte kritzelt. In der folgenden Zeit dreht niemand die Akte um, und so wird ihre Botschaft auch erst Jahrzehnte später entdeckt. Eine Botschaft, heute so relevant wie damals.
Barbara Beuys: Sophie Scholl. Insel Taschenbuch, Berlin 2011, ISBN-10: 3458357491, ISBN-13: 978-3458357490, EUR 12,95
