Barfuß durch die Hölle: japanischer Antikriegsfilm-Klassiker

Barfuß durch die Hölle Filmplakat - Winkler Film
Barfuß durch die Hölle Filmplakat - Winkler Film
Der japanische Klassiker schildert die Erlebnisse eines jungen Japaners während des zweiten Weltkriegs und philosophiert über Gut und Böse im Menschen.

Unter dem noch frischen Eindruck des 2. Weltkrieges entstanden in den 50er und 60er Jahren einige der besten Antikriegsfilme, zum Beispiel Bernhard Wickis „Die Brücke“ (1961) und Stanley Kubricks „Wege zum Ruhm“ (1959). Zu den großen Antikriegsfilmen gehört auch Masaki Kobayashis „Barfuß durch die Hölle“ (engl. „The Human Condition“). Das Monumentalwerk mit insgesamt 569 Minuten kam 1959-1961 als Trilogie ins japanische Kino. Die deutschen Kinofassungen kürzte Synchronregisseur Bernhard Wicki auf 414 Minuten Gesamtlänge. Winkler Film hat im Dezember 2010 in einer Spezial Edition beide Fassungen auf 6 DVDs herausgebracht. (Dabei handelt es sich nicht um die gleichnamige Fernsehserie von Takeshi Abe, die das ZDF 1967 ausstrahlte.)

Produktionsnotizen zu „Barfuß durch die Hölle“

Vorlage von „Barfuß durch die Hölle“ ist der sechsbändige Bestseller „Ningen No Joken“ des Autors Junpei Gomukawa. Regisseur Masaki Kobayashi ließ seine eigenen Erfahrungen als Soldat in das Drehbuch einfließen. Gegen den Widerstand seines Studios setzte er den Stoff und seine Besetzung der Hauptrolle durch. Schauspieler Tatsuya Nakadei wurde durch seine erste Hauptrolle in Japan zum Star. Nicht nur die Dauer der Dreharbeiten war eine Herausforderung, Nakadei war in auch in fast jeder Szene der Trilogie zu sehen und musste seine Stunts selbst machen. Als Kameramann engagierte Kobayashi einen der besten japanischen Kameramänner des realistischen Stils, Yoshio Miyajima. Die durchkomponierten Schwarz-Weiß-Bilder im Breitwandformat sind ebenso sein Markenzeichen wie ungewöhnliche schräge Kameraeinstellungen mit Auf- und Untersichten.

„Barfuß durch die Hölle“: Die Handlung des ersten Teils

Um nicht zum Militär eingezogen zu werden, nimmt der junge Kaji einen Posten als Verwalter in ein Arbeitslager in der besetzten Mandschurei an. Kaji will die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der chinesischen Zwangsarbeiter verbessern. Aber seine idealistischen Theorien scheitern an maßlosen Produktionsvorgaben, korrupten Aufsehern, misstrauischen Gefangenen und brutalen Militärs. Durch ein Komplott der Aufseher wird Kaji als Kollaborateur verdächtigt und zum Militärdienst strafversetzt.

„Barfuß durch die Hölle“: Die Handlung des zweiten Teils

Kajis Militärausbildung ist geprägt von Gewalt und unbedingtem Gehorsam. Schwächere werden von Vorgesetzten und den eigenen Kameraden gequält, begehen Selbstmord oder Fahnenflucht. Unsinnige Befehle und miserable Ausrüstung machen Fronteinsätze zu Himmelfahrtkommandos. Kaji wird trotz seiner kritischen Haltung befördert und versucht, in seiner Kompagnie Menschlichkeit zu bewahren. Bei einem Fronteinsatz in der Mandschurei wird seine Kompanie fast völlig vernichtet. Kaji ist einer der wenigen Überlebenden.

„Barfuß durch die Hölle“: Die Handlung des dritten Teils

Kaji schlägt sich mit ein paar Soldaten durch die feindliche Mandschurei. Auf der Flucht vor Russen und Chinesen begegnet ihm überall das Leid der Zivilbevölkerung: Tote, Hunger, Vergewaltigungen. Er gerät in russische Gefangenschaft und tötet einen sadistischen japanischen Aufseher, der einen Kameraden in den Tod getrieben hat. Kaji bricht aus dem Lager aus und marschiert mitten im Winter halb verhungert und in Lumpen gekleidet Richtung Heimat bis er tot zusammenbricht.

„Barfuß durch die Hölle“: Wiederholung und Variation

Kaji ist ein Humanist, dessen hohe Ideale ständig mit den Sachzwängen des Krieges und dem Egoismus seiner Mitmenschen kollidieren. Immer wieder versetzt das Drehbuch Kaji in Situationen, die seine moralische Integrität auf die Probe stellen. Er gerät an ausgesprochene Bösewichte oder seine guten Absichten verkehren sich ins Gegenteil. Kaji versucht, an seinen Idealen festzuhalten, aber auch er verroht langsam und ist am Ende des Films zu Taten fähig, die er zu Beginn verabscheut hat.

„Barfuß durch die Hölle“: Sachzwänge und Engstirnigkeit

Kaji ist kein strahlender Held, er rebelliert nicht offen, sondern versucht sich mit den Umständen zu arrangieren. Aber im Gegensatz zu seinen Mitmenschen entscheidet er sich in Konfliktsituationen nicht für den Eigennutz. Seine Isoliertheit und Einsamkeit spiegelt sich in den Kameraeinstellungen. Vor Landschaftspanoramen und in Totalen verliert sich Kaji optisch. Andererseits sind die Figuren in „Barfuß durch die Hölle“ äußeren Zwängen und inneren Beschränkungen unterworfen, was in gerahmten Naheinstellungen dargestellt wird.

Kaji ist das Modell für ein besseres, modernes Japan

Kaji steht stellvertretend für die Kriegsgeneration, die unter den Werten des alten Japans gelitten hat: Militarismus, Nationalismus, Machismo, Autoritätsgläubigkeit. Aber in einer Gesellschaft, in der Gemeinschaft vor Individualismus geht, bringt kaum einer den Mut hat, offen zu rebellieren. Kaji ist die ideale Verkörperung des neuen, besseren Japaners. Die Psychologie und Individualität Kajis tritt zugunsten der Idealisierung und Symbolhaftigkeit zurück. Kobayashi schickt Kaji auf einen Passionsweg und lässt ihn einen Märtyrertod sterben, weil er seiner Zeit voraus ist. Damit gibt er den Zuschauern trotzdem einen kleinen Hoffnungsschimmer. Denn Kobayashis Menschenbild in „Barfuß durch die Hölle“ ist pessimistisch – der Mensch entscheidet sich in der Not eher für das Böse als für das Gute.

„Barfuß durch die Hölle“: Zeitloser Schwarz-Weiß Klassiker

Auch wenn nach über 50 Jahren „Barfuß durch die Hölle“ stellenweise altmodisch wirkt – der melodramatische Pathos mancher Szenen und Dialoge, eindimensionale Bösewichter – seine gesellschaftskritische Aussage ist zeitlos. Was „Barfuß durch die Hölle“ anprangert, findet auch heute noch statt: Profitgier, Nationalismus, Opportunismus, Egoismus. Der Film rief bei seiner Erstaufführung heftige Reaktionen hervor. Offene Kritik am Gesellschaftssystem war und ist bis heute in Japan unüblich. Auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Kriegsverbrechen ist bis heute ein Tabu. Kobayashis Filmtrilogie ist daher ein Meilenstein der japanischen Filmgeschichte, ein existenzphilosophischer Exkurs über das menschliche Wesen, ein erschütternder Antikriegsfilm und dank Miyajima Bildkompositionen ein zeitlos schöner Schwarz-Weiß Klassiker.

DVD-Extras

In der längeren japanischen Version (mit deutschen Untertiteln) nehmen die Nebenpersonen mehr Raum ein und so erklären sich manche Konflikte besser. Extras sind Interviews mit Regisseur Masaki Kobayashi, Cutter Keiichi Uraoka und Hauptdarsteller Tatsuya Nakadai.

Barfuß durch die Hölle. Japan 1959-61.Regie: Masaki Kobayashi, Winkler Film. 6 DVDs, 569 Min. (Jap. mit dt. UT) / 414 Min. (dt.). 2.35:1 anamorph (16:9) / PAL / SW

Brigitte Grahl, Brigitte Grahl

Brigitte Grahl - Nach meinem Studium der Germanistik und Publizistik an der FU habe ich als freie Journalistin bei Print- und Online-Medien ...

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