Barockes mit der Cappella Gabetta im Herkulessaal München

HWV 295 - G. Bachleitner
HWV 295 - G. Bachleitner
Mit einer Silvestergala 2011 gastierte die Cappella Gabetta im Herkulessaal München.

Am Silvesterabend gastierte im münchner Herkulessaal die Cappella Gabetta mit einem gut abgewogenen Programm aus Unbekanntem und Populärem.

Illustrative Spielereien...

Mit einem Concerto grosso Nr. 8 in A-Dur des heutzutage wenig gespielten Francesco Durante führte Andrés Gabetta, der Bruder der bekannten Cellistin, als Geiger und Ensembleleiter gleich richtig in die Vielgestaltigkeit des Barocks ein: eine Spielwiese für verrückte Formen und ungewöhnliche Besetzungen. Schon nach wenigen Einleitungstakten steht der Hörer einem Duett für Bratschen gegenüber; wo bleibt hier der orchestrale Rahmen? Der Schlüssel liegt im Beinamen des Konzerts, La pazzia, die Verrücktheit. Man mag hier manisch-depressive Zustände vermuten. Der heutige Hörer begreift angesichts dieser Bizarrerien verblüfft, wie mühelos hier Programmusik und strenge Form zusammengefunden haben.

Der folgende Händel war nicht weniger verwegen. In seinem Orgelkonzert F-Dur, HWV 295, das Giorgio Paronuzzi an einem bescheidenen Positiv ausführte, macht er das Soloinstrument zum Tierstimmenimitator. Ein Kuckuck meldet sich mehrmals zu Worte, und eine Nachtigal erwidert ihm. Solche Genrestücke liebte das Barock, wie ähnliche Piecen in der Klaviermusik zeigen. Händel selbst hatte das Konzert ursprünglich als Triosonate für zwei Violinen und b.c. op. 5/6 (HWV 401) veröffentlicht.

Gewissermaßen als Rückblick auf das soeben vergangene Fest wurde Corellis Concerto grosso op. 6/8 geboten, besser bekannt als Weihnachtskonzert. Die abschließende Pastorale ist damit gemeint, doch der Rest ist ein ganz "normales" Concerto. Einen weiteren Barockschlager ließ sich Gabetta ebenfalls nicht nehmen, Pachelbels Kanon und Gigue D-Dur. Leider wurde der Kanon im Tempo unnötig forciert, so daß die Artikulation der kleinen Notenwerte litt, wie überhaupt alle raschen Tempi bis an den Rand der Aufführbarkeit gehetzt wurden. Diese Unart der historischen Aufführungspraxis sollte allmählich überwunden werden, nicht zuletzt, wenn man in vergleichsweise großen Sälen spielt, die mit diesem Instrumentarium nicht zu füllen sind. Was ein Hörer in den vordersten Reihen vielleicht noch bei angestrengtem Hinhören aufzulösen vermag, versickert weiter hinten zu einem schwachen Gemurmel, das mit der gemeinten Musik nicht mehr viel zu tun hat. Doch selbst vorne war beispielsweise von dem ohne reflektierenden Schalldeckel gespielten Cembalo nichts mehr zu vernehmen.

...und anspruchsvoll Virtuoses

Die Strenge des Barocks verkörpert wie kein anderer J. S. Bach, dessen Kantate Nr. 51 Jauchzet Gott in allen Landen hier erklang. Die kontrapunktische Meisterschaft war vor allem in der Arie Sei Lob und Preis mit Ehren zu bewundern, in der zwei Violinen und das Cello ein höchst geistvolles Trio bildeten. Die Trompete in den Ecksätzen verbreitete Glanz, ohne gleich einen größeren Orchesterapparat zu erfordern. Die Sopranistin Nuria Rial realisierte ihren Solopart sehr beweglich und mit schönem Timbre. Ähnlich beweglich ist sie auch als Person auf dem Podium, so daß man teilweise etwas irritiert an die Bach-Kantate von den Flattergeistern, Nr. 181, denken mochte. Auch mit der Textverständlichkeit stand es nicht zum Besten.

Der Auftritt der Blockflötistin Dorothee Oberlinger war im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend, auch für sie selbst. Daß sich das heutzutage nur mehr als langweilig-langsames Schulinstrument verwendete Instrument derart furios und virtuos spielen läßt, muß man gehört haben, um es zu glauben. Telemanns a-Moll-Konzert TWV 55:a2 bietet in seiner Suitenform auch abwechslungsreiche musikalische Charaktere und verstand sich zur spätbarocken Entstehungszeit zweifellos als höfisch-elegante Unterhaltung auf höchstem Niveau.

Eine weitere Facette der Blockflöte stellte Oberlinger mit dem abschließenden Duett mit Sopran von Vivaldi vor, RV 749. Das Sopranino, zu dem sie hier griff, schien zur Vogelstimmenimitation wie geschaffen. Tatsächlich aber ging es laut Text um säuselnde Winde, Zeffiretti che sussurrate. Die Flötistin imitierte die Sopranistin und duellierte sich um die brillantesten Koloraturen und die durchdringendsten Spitzentöne. In dieser ebenso seltenen wie aufregenden Besetzung ließen die Musiker zum Glück noch ein weiteres Stück als Zugabe folgen.

Portrait, Autor

Gerhard Bachleitner - Musikkritiken siehe: www.online-musikzeitung.de Fotografien siehe: www.fotocommunity.de/pc/pc/mypics/838794

rss