Baudelaire-Hörspiel "Die künstlichen Paradiese": Kein Tiefenchill

Ein Hörspiel von Kai Grehn - Hörbuch Hamburg
Ein Hörspiel von Kai Grehn - Hörbuch Hamburg
Regisseur Kai Grehn hat den beliebten Baudelaire-Essay neu bearbeitet. Doch trotz Musik von Nouvelle Vague und Anne Clark schafft er keinen Ausnahmezustand.

Der französische Dichter Charles Baudelaire beschrieb 1860 in seinem leidenschaftlichen Essay "Die künstlichen Paradiese" verschiedene Stadien und Phänomene des Rausches. Er beschwor darin einen Ausnahmezustand des Geistes und der Sinne, der zum fruchtbaren Instrument für Kunst werden kann. Haschisch und Opium seien dabei für das künstlerische Ideal am besten. Die Zeit des Rausches sei "eine besondere Art von Sinnlosigkeit", die Genialität verleihe beziehungsweise steigere. "Schärfe des Denkens, Halluzinationen, Zweideutigkeiten, Sinnüberlagerungen, aus Farben wird Musik" – so hielt Baudelaire unter dem Einfluss jener Rauchmittelchen seine Beobachtungen fest und betrank sich gleichzeitig an den gewählten Worten seiner Poesie.

Jeanne Moreau und Nouvelle Vague mischen mit

Nun hat sich Regisseur Kai Grehn, dessen "Atemschaukel"-Hörspiel für den Deutschen Hörbuchpreis 2011 nominiert ist, der "Künstlichen Paradiese" von Baudelaire angenommen. Für den Schauspieler Alexander Fehling ("Inglorious Basterds") bearbeitete er den Essay und richtete ihn neu ein. Die französische Schauspielerin Jeanne Moreau ("Der Liebhaber") konnte er dafür gewinnen, Baudelaires Gedicht "Berauschet Euch" im Original zu sprechen. Außerdem bat er Musiker der verschiedensten Richtungen, sich vom Text der "Künstlichen Paradiese" inspirieren zu lassen und ein Klangerlebnis daraus zu schaffen. Ein Mix aus New Wave, Punk, Folk, aber auch Musik eines Balkan Brass-Orchesters und Easy Listening fanden Eingang in die 80-minütige CD, deren erklärtes Ziel es ist, den Hörer zu berauschen.

Dies gelingt recht gut. Nur anfangs ist das Hörspiel ein bisschen schrecklich, weil dissonant, ist stressig fürs Ohr und überkünstlert; damit kontraproduktiv. Gegen Mitte und Ende wird es jedoch immer besser, zum Beispiel wenn Nouvelle Vague "La Musique" singt. Ein Flow entsteht. Aber am besten wirken "Die künstlichen Paradiese" von Charles Baudelaire, wenn die CD vorbei ist. Ein wirklicher Tiefenchill (innerste Ruhe), erhöhte Kreativität, ein Lösen von Verspannungen oder schlicht ein "Zustand, in dem ich wahrhafte Gnade erblicke", wie der französische Dichter die Rauschwirkung benannte, wird verhindert. Denn das Hörspiel setzt alles daran, dass dem Hörer immer wieder bewusst wird, dass er gerade ein Hörspiel nach Baudelaire hört.

Kai Grehn überfordert das Ohr

Wer sich wie Baudelaire "nur auf unmittelbaren Genuss bedacht" an das auf dem CD-Cover bescheinigte "einzigartige Klang- und Hörerlebnis" macht, wird enttäuscht. Gerade weil man sich "mit erhöhter Schärfe in allen Sinnen" auf das Spiel einlässt, überfordern "Die künstlichen Paradiese" von Kai Grehn das Ohr durch seine musikalische Auswahl am Anfang. Erst spät tragen Text und Klang einige Bewusstseinsschichten ab, aber nie ausreichend genug, dass der "Gedankenstrom einen davonträgt".

Hörspielkonzert in der Berliner Volksbühne am 10. Oktober 2011

Die Intensität des von Baudelaire angestrebten Rausches, durch den man "mehrere Menschenleben in einer Stunde lebt", durch den man verschmilzt mit Dingen, die man wahrnimmt, eine Ich-Vergessenheit erreicht à la man sieht einen Baum oder einen Vogel und schon ist man der Baum, der Vogel – nein, diese Intensität bietet das Hörspiel nicht.

Aber am 10. Oktober 2011 findet um 20 Uhr in der Berliner Volksbühne live ein gleichnamiges Hörspielkonzert statt mit ausgewählten Elementen der CD. Sehr wahrscheinlich, dass die Zusammenstellung des Abends in einen "zauberhaften Zustand" trägt, "überraschende Wirkungen hervorruft" und "genussvolle Analysen" evoziert, um noch einmal mit Baudelaire zu sprechen. Mit dabei sind: Anne Clark, die an diesem Montagabend ihr einziges Deutschlandkonzert in diesem Jahr geben wird, Tarwater, Mariahilff und Alexander Fehling. Die Tickets kosten im Vorverkauf 18 Euro / 14 Euro erm. (zzgl. Gebühren), an der Abendkasse 18 Euro / 14 Euro erm.

Kai Grehn: Charles Baudelaire - Die künstlichen Paradiese. Mit den Sprechern: Alexander Fehling, Jeanne Moreau und Jule Böwe sowie Musik von Anne Clark, alva noto, Gevorg Dabaghyan, Matt Elliott, Mariahilff, Nouvelle Vague, Helmut Oehring, Original Kocani Orkestar, Sandow, Tarwater, Tuxedomoon und Ulver. Hörbuch Hamburg 2011. 1 CD, 80 Minuten. Euro 16,95.

Caroline Stern, (c)

Caroline Stern - Veröffentlichungen u. a. in: People Management, Time Out London und auf: morgenpost.de, stern.de, welt.de. Aufgewachsen in Plauen ...

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