Baumeister Soness

von Henrik Ibsen im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg

Baumeister Solness - Deutsches Schauspielhaus
Baumeister Solness - Deutsches Schauspielhaus
Wie Träume und Hoffnungen auf ein kleines Stück bürgerlichen Glücks an Ehrgeiz, Karrierewillen und Egozentrik zerbrechen können und vom "Schlechte Gewissen".

Ehrgeiz und die dadurch freigesetzten Energien haben ihren Preis. Der Begriff Energie sollte nicht positiv oder negativ belegt werden. Dennoch ergeben sich Umstände, in der der Ehrgeizige abwägen muss, ob die sich ihm eröffnenden Möglichkeiten den Ausgleich, zumeist für ihn selbst bringen, im Verhältnis zu dem, was man - hier aber nicht nur sich - sondern auch anderen Menschen, mehrheitlich anderen Menschen antut. Da kann es um den Entzug von Lebensfreude, Platzen von Träumen und Verlust von Hoffnungen auf womöglich jenes Leben gehen, das mit Sicherheit, Liebe, Geborgenheit und zudem der Gründung einer Familie zu tun hat und mit dem bürgerlichen Lebensglück weitläufig beschrieben wird. Diese Erfahrung machen mehr oder minder alle erfolgreichen Menschen. Nicht anders bei Baumeister Solness und Hendrik Ibsen, der Autor des Stückes, fragt sich, und natürlich lässt er den Protagonisten sich selbst immer und immer wieder die Frage stellen, welchen Preis Erfolg haben sollte, könnte oder würde. Mehr noch verschont er den Baumeister nicht mit jenen vermuteten Qualen, die dieser seiner Umgebung, zuallererst seiner Ehefrau, seinem Lehrmeister, ja seinen Angestellten und sonstigen Mitmenschen angetan hat, auch sich. Da ist das Gewissen, das plagt und treibt, den Baumeister Solness auf die Türme seines Erfolges, auf die Kuppeln seiner Städteplanungen, im Deutschen Schauspielhaus auf eine originelle Stapelung von weißbemalten Paletten treibt. Nebeneinander gestapelt, übereinander und hintereinander, nicht nur ein mit Modellen voll gestelltes Büro darstellend, sondern ein mit Aktenordnern überhäuftes Büro, eine Stadt mit Wohn- und Hochhäusern, Ausstellungsflächen und Türmen, sehr hohen Türmen, die Soness erklimmt, im Wahn, vielleicht in Wirklichkeit und sein nun doch so unbefriedigendes Dasein, weil im Schatten des Gewissens groß geworden, beendet.

Interessantes, aber störendes Bühnenbild

Und doch ist das interessante Bühnenbild störend, weil überdimensioniert, und weil der Regisseur Martin Kusej jede Szene ohne Bewegung der Schauspieler entstehen lässt, somit das Bühnenlicht aus- und angeschaltet werden muss und das neue Bild die Schauspieler bereits an die entsprechenden Plätze und Orte richtig stellt. Ist diese Unterbrechung zuerst noch originell und lässt Sekunden der Pause, vielleicht des Nachdenkens, wird aufgrund eben dieser auf der Bühne herrschenden Enge die “dunkle” Wartezeit ermüdend, die Brüche werden immer länger und die Spannung verliert.

Wenig Überzeugung bei der schauspielerischen Leistung

Werner Wölbern hat seine Rolle als der Baumeister gut verkörpert, wenngleich seine äußerliche Schmierenhaftigkeit und die sehr schlecht sitzende Garderobe als aussagekräftiges Element eben dieser Rolle und der sich damit verbindenden Problematik keinen Wert hatten, eher ablenkten. Auch konnte Michael Prelle, der ehemalige Architekt und nun todkranke Assistent, ja eigentlich erniedrigte Mitarbeiter, der nur noch seinem Sohn in den Sattel helfen will, auch einer der Mitarbeiter, überzeugte mit seinem Spiel, dagegen eben dieser Sohn als Karrierist nicht, Marek Harloff vermittelte das Gefühl, als wäre er zufällig an diese Rolle gekommen, nicht wegen seines schauspielerischen Könnens. Ute Hannig, als Ehefrau des Baumeisters, wirkt gut als starr und mit allen Konsequenzen Leidende, die das Schicksal erträgt, aber damit gleichzeitig auch nicht mehr leben kann, wenngleich man Ute Hannig nicht in zwei unterschiedlichen Stücken sehen darf, weil ihre Dominanz im Habitus und ihrer persönlichen Form der Auslegung einer Rolle (zuletzt gesehen in “Kabale und Liebe”) Gleichnisse erinnern lässt, wenig Flexibilität im Ausdruck und damit fast zu einer Verwechslung der Darstellungen in den Gedanken des Zuschauers animiert. Gut und einfach waren die Möglichkeiten, die Julia Nachtmann ihrer Nebenrolle verlieh. Katharina Schmidt konnte nur überzeugen, wenn sie nicht auf Teufel komm raus versuchen musste, das mannstolle Kindsweib zu spielen, denn ihr Ausdruck, ihre Figur und ihre Köperhaltung sind alles andere als erotisch oder verlockend, im Gegenteil, zudem ist sie bei weitem keine Brigitte Bardot, und es hilft dann auch nichts, sie mehr oder minder nackt auftreten zu lassen. Ohnehin erschleicht einen das Gefühl, dass das Schauspielhaus trotz des hohen Etats an Personalmangel leidet.

Überholte Inszenierung

Die viele Schreierei auf der Bühne, wie man sie heute so sehr schätzt, die Nacktheiten, der Versuch, Extreme auf die Bühne zu bringen, Effekthascherei hilft dem mittelmäßigen Schauspiel nicht, verhilft dem Stück nicht in die heutige Verständniswelt, die sich zudem auch anders darstellt und hatte ihre berechtigte Zeit bei Zadek, bei Marthaler, nur: das ist schon ewig her. Vielleicht so lange wie die sehr guten und bewegenden Aufführungen im Schauspielhaus.

François Maher Presley, Foto: David Eschrich, Fançois Maher Presley

Francois Maher Presley - François Maher Presley kam in Kuwait/pers. Golf zur Welt und lebte seit seinem sechsten Lebensjahr in Hamburg. Der Autor und ...

rss