
- Das Abzeichen des Vereins - Andrea Weber
Wenn am Abend das Gebetsläuten über Neufahrn bei Egling erklingt, dann nehmen die Burschen den Hut ab und die Madln sitzen andächtig da. Auch im Vereinsheim sind plötzlich alle still und einen Augenblick in sich gekehrt. Es ist der Zeitpunkt, an den man den Tag noch einmal Revue passieren lässt, sich einen Moment aufs Geschehene besinnt. Danach wird es wieder rührig. Nebenan im Saal poltert und rumpelt es, weil die Burschen die Tische und Stühle heraus räumen, während die Madln noch vergnüglich in der Wirtsstube verweilen, ratschen und lachen. „Derf i di auf ziang“, fragt Jugendleiter Florian Wiedenbauer seine Schwester Regina, und damit meint der Jugendleiter des Gebirgstrachten-Erhaltungsvereins „d’Veiglbergler Neufahrn“ nicht, dass er sie veräppeln will. Er bittet zum Tanz – genauer gesagt, er möchte, dass sie seine Dreherin beim Schuahplattln ist. Alle zwei Wochen treffen sich die „Aktiven“, so heißt die Erwachsenen-Gruppe der Trachtler, zum Plattln im Vereinsheim. Aktive deshalb auch, weil sie diejenigen im Verein sind, die regelmäßig auf Veranstaltungen auftreten und bei Brauchtums-Festen tanzen.
Die Tracht und den Volkstanz ehren
450 Einwohner leben in Neufahrn. Die Dorfgemeinschaft ist wie eine Großfamilie. Fast jeder hier ist in einem Verein aktiv – die Burschen im Burschenverein, die Frauen im Frauenkreis oder die Alten bei den Veteranen. 232 Mitglieder zählt der Trachtenverein im Ort, dessen Aufgabe neben anderen es ist, das „Gwand“ zu ehren – die Volltracht der Männer mit der Lederhosen und das Alltags-Dirndl oder den Schalk, das Festtagsgewand der Frauen. In der bayerischen Tracht gelten strenge Kleidervorschriften und exakt einzuhaltende Details, die über Jahrhunderte bis heute überliefert wurden. Die Veiglbergler Trachtlerinnen tragen einen Hut mit Gamsbart und Blumenschmuck. Das Haar wird zum Schopf hochgesteckt. Den Ausschnitt des blauen Miedergewandes schmücken rosa Blumen und Asparagus und das Tuch und die Schürze sind aus weißer Baumwolle. Die Frauen tragen als Schmuck eine Kropfkette eng um den Hals und die Miederkette um die Taille. Auf dem Miesbacher Hut der Herren steckt eine Adlerfeder. Unter der bekannten grauen Miesbacher Joppe tragen sie ein weißes Trachtenhemd und eine grüne Weste mit Uhrkette, dazu das blaue „Krawatt’l“. Die grünbestickten und handgestrickten Kniestrümpfe gehören zur Hirschlederhose. Wiedenbauer hakelt seinen Daumen unter den Steg seiner Lederhose und zieht ihn vor. „Das ist unser Vereinszeichen, unser Dorf Neufahrn“, erklärt er stolz. Die Trachtler kümmern sich nicht nur um den Volkstanz, sondern auch um das Brauchtum, um das Dorfleben und um die traditionellen Festlichkeiten. Es ist ihnen ein besonderes Anliegen die bayerische Tradition unverfälscht und im Original an die nächsten Generationen weiterzugeben. Die Trachtenvereine sind somit diejenigen, die dafür sorgen, dass das Brauchtum in Bayern auch in Zukunft nicht aussterben wird.
„Schuahplattln ist wie ein Dialekt, jedes Dorf hat seinen eigenen Tanzstil“
Michael Heinrizi ist der Vorplattler der Veiglbergler und hat gerade keine Zeit und schon gleich gar keine Ruhe um übers Schuahplatteln zu theoretisieren. Er ist der Mann fürs Praktische, schließlich sind er, die Plattler und die Dreherinnen, so werden die Damen bei diesem Volkstanz bezeichnet, heute Abend zum Proben gekommen, weil es nicht mehr lange hin ist, bis zum Preisplattln auf dem Gaufest. Heinrizi führt streng die Regie und sorgt dafür, dass alle den richtigen Platz einnehmen: „Du gehst da rüber und du kimmst herüber.“ Die Burschen stehen im Innenkreis und außen herum haben sich die Madln so postiert, dass jede ihren Tanzpartner vor sich hat. Dann geht es im Dreivierteltakt eines Landlers los. Die Burschen absolvieren eine bestimmte Folge von Sprüngen und schlagen sich synchron auf die Schenkel in der Hirschledernen und auf die Schuhsohlen, währenddessen drehen sich die Madln um sich selbst und gleichzeitig um den Innenkreis der Männer herum, so dass die Dirndlröcke schöne Glocke bilden.
Seit dem Mittelalter wird im Alpenraum geplattlt
Während drüben im Saal fleißig weiter getanzt wird, nimmt sich nebenan in der Wirtsstube Florian Wiedenbauer die Zeit, den berühmten Volkstanz zu erklären, der international zum Ausdruck bayerischen Kulturgutes geworden ist. Er weiß, dass das Schuahplattln im Alpenraum etwa in der Zeit des späten Mittelalters entstand und ursprünglich ein Ausdruckstanz der Männer war, die den Balztanz des Auerhahns imitierten. Je flüssiger ihre Bewegungen gewesen seien, je kraftvoller die Schläge waren, desto mehr hätten die Männer damals bei den Frauen Eindruck hinterlassen, erklärt Wiedenbauer. Die Form des Gruppentanzes, wie man ihn heute kennt, gibt es noch nicht so lange. Der Schuahplattler bestehe aus Schlagfolgen, wie den Neuner- oder Zwölferschlag, erklärt er weiter. Jedes Dorf habe hier seinen eigenen Ausdruck. „Plattln ist halt wie ein Dialekt“, so der Plattler. Und sie, die Veiglbergler Trachtler haben rund zwanzig verschiedene Schlagabfolgen in ihrem Repertoire. Florian Wiedenbauer tanzt seitdem er in die Schule kam. „Dieser Tanz ist schwer zu erlernen, bis die Haltung passt, die Bewegungsabläufe rund werden, die Balance gehalten wird und die Koordination stimmt“, erklärt er. Er ist der Jugendleiter und gibt sein Wissen gerne an den Nachwuchs weiter. „Unsere Kinder sind so begeistert, dass sie jetzt sogar ihren eigenen Plattler erfunden haben“. Und bald, auf dem Loisachgaufest, verspricht Florian Wiedenbauer, dürfen die Kinder ihren neuen Plattler dem Publikum präsentieren.
