Beamtenprüfungen in China - Aufstieg zur Elite

Wie gelangte man in den "Gelehrtenwald"?

Während in Europa lange die Geburt über den Stand in der Gesellschaft entschied, mussten die Männer in China die Beamtenprüfungen bestehen, um zur Gentry zu gehören.

Das Prüfungssystem bildete sich in der Han-Zeit (202 vor bis 220 nach Christus) heraus und diente dazu, Beamte abseits des Erbadels zu rekrutieren. Während der Ming-Dynastie entstand jene Form des Prüfungssystems, die beinahe unverändert bis ins frühe 20. Jahrhundert bestehen blieb. Kernstück der Prüfungen waren Aufsätze mit Interpretationen der Schriften des neokonfuzianischen Kanons der Zhu-Xi-Schule.

Die langwierige Ausbildung begann im Kindesalter. Es gab Clan- und Dorfschulen, die Kinder reicher Eltern wurden aber auch von privaten Tutoren unterrichtet. Das berühmteste Schulbuch aus vormoderner Zeit ist der sogenannte Tausend-Zeichen-Klassiker, in dem jedes Schriftzeichen mit einem Bild erklärt wird. Erst dann ging man dazu über, die klassischen Schriften zu studieren, deren Kenntnis für die Prüfungen notwendig war.

Shengyuan – juren – jinshi – die Abschnitte der Beamtenprüfungen

Die Prüfungen gliederten sich in drei Teile, die mit den Titeln shengyuan, juren und jinshi abschlossen:

Etwa im Alter von 16/17 Jahren traten die Kandidaten zu den Vorprüfungen an. Die erste der drei Teilprüfungen zum shengyuan wurde in der Kreishauptstadt durchgeführt. Das zweite Vorexamen fand in der Präfektur statt, wo auch das eigentliche Hauptexamen unter der Leitung des staatlichen Provinzstudienkommissars durchgeführt wurde. Zweimal in drei Jahren fanden Shengyuan-Prüfungen statt. Durchschnittlich gelang es den Kandidaten im Alter von 24 Jahren, diese erste Hürde zu nehmen. Im Volksmund wurden die erfolgreichen shengyuan als xiucai – Strahlendes Talent – bezeichnet. Tatsächlich konnte man als shengyuan noch kein Amt bekleiden.

Erst wenn man die Prüfungen zum juren bestanden hatte, konnte man sich für einen Staatsposten in den unteren Rängen bewerben. Alle drei Jahre fanden diese Prüfungen statt. Das Vorexamen wurde in der Präfektur abgehalten, zum Hauptexamen mussten sich die Kandidaten in die Provinzhauptstadt begeben. Leiter dieser Prüfungen war der aus Beijing entsandte Prüfungskommissar. Die erfolgreichen Kandidaten waren im Durchschnitt 30 Jahre alt.

Den Abschluss bildeten die Jinshi-Prüfungen, welche ebenfalls in einem Dreijahreszyklus abgehalten wurden. Diese Prüfungen werden auch als Hauptstadtprüfungen bezeichnet, weil sie in Beijing abgenommen wurden. Den Jinshi-Grad erlangten die meisten etwa im Alter von 35 Jahren. Auch die Hauptstadtexamen bestanden aus mehrere Teilprüfungen, deren erste vom Ritenministerium durchgeführt wurde. Die zweite fand im Palast unter Vorsitz des Kaisers statt. Hatte man diese bestanden, bekam man den Titel jinshi (Doktor) verliehen. Die allerletzte Prüfung – ebenfalls unter Vorsitz des Kaisers – verhalf den erfolgreichen Kandidaten zu besonderen Ämtern in den obersten Reihen der Beamtenhierarchie.

Der Ablauf der Prüfungen

Bei all diesen Prüfungen mussten die Kandidaten Aufsätze über philosophische Themen und Fragen der Staatsführung verfassen, welche strengen formalen Regeln unterworfen waren. Der baguwen – der achtgliedrige Aufsatz – hatte sich an den großen Vorbildern zu orientieren, musste aber dennoch die Meinung des Autors wiedergeben.

Die Prüfungen bedeuteten für die Kandidaten nicht nur psychischen Stress. Sie mussten über mehrere Tage in winzigen Zellen sitzen, die nur mit drei Brettern ausgestattet waren, welche als Tisch, Sitz und Regal dienten. Am ersten Tag hieß es zu nachtschlafender Zeit aufstehen, stundenlang anstellen, und dann Leibesvisitation, bevor das Prüfungsgelände betreten werden konnte. Die Prüflinge durften ihren Platz nicht verlassen, nahmen ihr mitgebrachtes Essen in der Zelle ein und in der Nacht mussten sie sich in der Embryohaltung auf dem Brett zusammenrollen, weil die Zelle zu klein war, um ausgestreckt liegen zu können.

Beurteilung und Ergebnisse

Nach Ablauf der Prüfungen wurden die Arbeiten der Kandidaten eingesammelt und in den inneren Bereich des Prüfungsbezirks gebracht. Statt des Namens des Kandidaten waren die Prüfungsarbeiten nummeriert, um durch diese Anonymität einer etwaigen Bevorzugung durch die Prüfer zuvorzukommen. Bevor die Hauptprüfer (insgesamt drei bei den Provinzprüfungen) die Arbeiten der Kandidaten zu Gesicht bekamen, wurden sie von Kopisten abgeschrieben (das diente der Unkenntlichmachung der Handschrift) und von Vorprüfern korrigiert. Waren alle Prüfungen benotet und die Reihung vorgenommen, wurden die Ergebnisse auf einer Anschlagtafel vor dem Prüfungsgelände kundgemacht. Das Nadelöhr war klein. In der Provinz Zhejiang traten etwa bei jeder Prüfung bis zu 15.000 Kandidaten an, aber nur ein paar hundert kamen durch.

Für die Durchgefallenen war dies eine herbe Enttäuschung. Manche versuchten es jahrzehntelang, die Prüfungen zu bestehen. Der berühmte Schriftsteller Pu Songling schaffte es nie. Er schrieb eine Novelle über die Metamorphosen, die der Prüfungskandidat vom Beginn der Prüfungen bis zur Gewissheit des Scheiterns durchläuft. Das berühmteste Werk über die Prüfungen und die Menschen, die sich darum bemühten, in den Gelehrtenstand aufzusteigen, ist aber das Rulin waishi, zu deutsch: Inoffizieller Bericht über den Gelehrtenwald. Dieses Buch bietet Einblicke in das Leben und Wirken der Mandarine, die das gesellschaftliche Leben Chinas seit der Han-Zeit beherrschten, und ist eine wertvolle Quelle für viele Belange der Alltagsgeschichte Chinas.

Clementine Skorpil, Clementine Skorpil

Clementine Skorpil - CLEMENTINE SKORPIL Geboren in 1964 in Graz, studierte Sinologie und Geschichte an der Universität Wien. Während des Studiums ...

rss