
- Effizienz durch Umverteilung - Initiative Grundeinkommen
Die Idee, jedem Bürger zur Wahrung seines Grundrechts auf Leben und Gesundheit einen monatlichen Geldbetrag zukommen zu lassen, erscheint im ersten Augenblick als Utopie. Zu schön, um wahr zu sein? Wirtschafts- und Finanzexperten entwickelten Rechenmodelle, die zeigen, dass die Einführung eines Grundeinkommens möglich ist. Das Karlsruher Institut für Entrepreneuership beschäftigt sich mit solchen Berechnungen. Veränderte Geldflüsse im Besteuerungssystem und Einsparungen durch ein Sozialversorgungssystem mit geringerem Verwaltungsaufwand lassen keinen Zweifel, dass das Bürgergeld ein klarer Fortschritt wäre.
Kann denn Arbeit Mangelware sein?
Die aktuelle Diskussion wirft die Frage auf, ob unsere Wirtschaft weiter funktionieren würde, ob die Menschen noch arbeiten würden. Die Berufstätigkeit hat heute für einen hohen Prozentsatz aller Erwachsenen den scheinbar höchsten Stellenwert in ihrem Leben. Sie sichern durch ihre Arbeit den Wohlstand unseres Landes und damit die Zukunft kommender Generationen. Doch anders als zu Beginn der Industrialisierung wird dem Menschen heute ein Großteil der Arbeit von Maschinen und computergesteuerten Produktionsanlagen abgenommen. Die Vorsorgung mit allen Bedarfsgütern ist mit einem Bruchteil des früheren Aufwands an menschlicher Arbeit gewährleistet und das im Überfluss. Massengüter werden in solcher Vielfalt produziert, dass die Nachfrage angekurbelt werden muss, indem durch Werbereize zusätzliche Bedürfnisse geweckt werden. Wer ein gutes Einkommen hat, kann die Vorteile des Überflusses nutzen.
Andererseits ist ein nie dagewesener Mangel eingetreten: Der Mangel an Zeit. Stress im beruflichen und privaten Alltag ist ein Massenphänomen. Wurden nicht Maschinen erfunden, um dem Menschen Arbeit abzunehmen und Zeit zu gewinnen? Die Maschinen arbeiten kostengünstig, steuerfrei bei einem Vielfachen an Produktivität und bringen maximale Gewinne. Güter und Geld sind in Fülle vorhanden. Wo die gewonnene Zeit bleibt, ist eine offene Frage. Wer durch einen Einkommensplatz am Wohlstand teilhat, sieht von ihr nichts. Wer keinen Einkommensplatz findet, hat zwar Zeit, ist aber gezwungen, sie unproduktiv zu verbringen, denn Armut verdammt zur Handlungsunfähigkeit. Arme müssen Aktivitäten vermeiden, denn wer das Haus verlässt, muss Geld bezahlen, um irgendwo dabei zu sein. Kontakte zu Personen, die einen Einstieg ins Berufsleben ermöglichen könnten, unterbleiben aus Geldnot. Die Vorstellung, materielle Not wirke als Arbeitsmotivation, geht an der Erfahrung der Betroffenen vorbei.
Wirtschaftswachstum als Lösungsweg?
Während des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das Wirtschaftswachstum positive Effekte auf den Wohlstand der breiten Bevölkerung, denn es war mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze verbunden. Heute bewirkt es das Gegenteil, denn heute bedeutet Wirtschaftswachstum Steigerung der Produktivität bei Rationalisierung und Arbeitsplatzabbau. Die Schaffung von Einkommensplätzen durch weiteres Wirtschaftswachstum bleibt eine Illusion. Auch ein aufgeblähter Dienstleistungssektor mit kommerziellen Freizeitangeboten stößt an die gleichen Grenzen wie ein Überangebot an Waren. Hoher Leistungsdruck durch Konkurrenz bestimmt als Stressfaktor für viele Erwerbstätige den beruflichen Alltag, obgleich wir das Ziel, für den Menschen Zeit zu gewinnen, eigentlich schon erreicht haben.
Im Prinzip brauchen weniger Menschen erwerbstätig zu sein, um unsere Wirtschaft am Laufen zu halten. Andererseits muss verhindert werden, dass plötzlich niemand mehr arbeitet, falls ein gewisser Druck, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, entfiele. Die Frage, was man denn unter Arbeit genau verstehen soll, wird bei diesen Überlegungen leicht vergessen.
Der Arbeitsbegriff im Wandel
Jeder der in einer Gesellschaft in irgendeiner Form zur Wertschöpfung beiträgt, arbeitet. Das gilt für materielle und finanzielle Wertschöpfung ebenso wie für kulturelle, soziale und geistige Wertschöpfung unabhängig davon, ob er dabei in eine Erwerbstätigkeit involviert ist und im Dienste eines Vorgesetzten handelt oder nicht, unabhängig davon, ob er für seine Tätigkeit eine Entlohnung erhält oder finanziellen Gewinn erzielt oder nicht. Beitrag zur Wertschöpfung in einer Gesellschaft ist das Kennzeichen echter Arbeit. Deshalb sollte man den Begriff der Arbeit von dem der Erwerbsarbeit beziehungsweise Lohnarbeit trennen. Ohne die Erfüllung auch solcher Aufgaben, die nicht in einem Entlohnungssystem vorgesehen sind, kann eine Gesellschaft nicht funktionieren. Entlohnungssysteme in Form bezahlter Planstellen sind nicht flexibel genug, um jede Tätigkeit, die spontan als notwendig erkannt und ausgeführt wird, zu vergüten. Arbeit in fester Koppelung an bezahlte Stellen und festgelegte Arbeitsstunden trägt das aus der sozialistischen Planwirtschaft bekannte Merkmal der fehlenden Flexibilität in der Bedarfsanpassung. Dennoch wird im Wertempfinden die Erwerbsarbeit über die Arbeit im Sinne gesellschaftlicher Wertschöpfung gestellt. Nur wenn sich das ändert, wird man die Früchte der Modernisierung ernten können.
Diese Früchte sollen nicht nur denen zuteil werden, die freigestellt werden können, sondern auch denen, die das Funktionieren unserer Wirtschaft mittragen. Daher die Idee, dass auch jeder berufstätige Bürger, der ein Erwerbseinkommen hat, das bedingungslose Grundeinkommen erhalten soll. Grundrechte Artikel 3, Absatz 3: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, … oder seiner politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.
Wie funktioniert das Grundeinkommen?
Berufstätige können durch ihr Erwerbseinkommen ihren Lebensstandard erhöhen. Die Gehälter fallen niedriger aus, denn sie werden zum Grundeinkommen hinzu addiert, so dass dasselbe Endgehalt heraus kommt. Der Verdienst kann abzugsfrei behalten werden, da Arbeit nicht mehr besteuert werden soll. Das erhöht die Motivation, Geld zu verdienen. Der Anreiz für Arbeitgeber, einzustellen, steigt durch Senkung der Lohnkosten. Der Trend, Firmen und damit Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern, wird abgebremst. Auch ein einfacher Job wird attraktiv, wenn der Verdienst abzugsfrei zum Grundeinkommen hinzu addiert werden kann.
Steuereinnahmen wird der Staat durch Besteuerung des Konsums erzielen. Nur beim Verkauf der Erzeugnisse soll besteuert werden in dem Stadium, in dem bereits Gewinn erzielt wird, nicht bei den zur Wertschöpfung erforderlichen Tätigkeiten. Die Freude am Schaffen wird nicht mehr gedämpft. Ein Unsicherheitsfaktor ist die Entwicklung der Märkte, wenn sich das Konsumverhalten ändert, wobei man auf die Regulation durch Nachfrage und Angebot vertrauen kann. Die Herstellung nur durch penetrante Werbung absetzbarer Erzeugnisse vernichtet den Zeitgewinn und damit die Lebensqualität.
Da das Grundeinkommen ein humanes Existenzminimum sein soll, wird der Anreiz, durch Erwerbsarbeit seinen Lebensstandard zu erhöhen, genauso stark bleiben wie heute.
Artikel zum Thema: Bedingungsloses Grundeinkommen und Emanzipation
Quellen:
Kulturimpuls Grundeinkommen. Ein Film-Essay von Daniel Häni und Enno Schmidt.
Goetz Werner: Einkommen für Alle.
