Jede Nation verarbeitet seine historischen Erfahrungen in Filmen. Für den 2. Weltkrieg bedeutet dies, dass ein Land einen bewaffneten Konflikt vorwiegend aus seiner Perspektive schildert, wie etwa der Einsatz der US-Soldaten in "Der Soldat James Ryan". Oder man nehme die Darstellung der deutschen Niederlagen in "Der Untergang" oder "Stalingrad". Wenig bekannt sind hingegen die russischen Filme über den 2. Weltkrieg. Am wichtigsten sind vor allem die 5 Filme von Juri Oserow, welche zusammen das Kriegsepos "Befreiung" bilden.

Hintergründe

Die Filmreihe wurde Ende der 60er bis Anfang der 70er Jahre in der UDSSR gedreht und stellt wichtige Schlachten im 2. Weltkrieg dar, welche zwischen Hitlerdeutschland und der Sowjetunion geführt wurden. Erzählt wird allerdings erst ab Sommer 1943 mit der Schlacht von Kursk. Dies mag damit zusammenhängen, dass die erfolgreichen Gegenfeldzüge Russlands und die endgültige Wendung des Kriegsglückes zugunsten der Alliierten erst in diesem Jahr stattfanden. Zur Zeit der späten 60er Jahre wollte die Führung der Sowjetunion anscheinend noch keine Filme darüber drehen lassen, wie Deutschland 1941 und 1942 tief in Russland einfiel.

Stilmittel

Die Filme von "Befreiung" stechen aus allen anderen russischen Filmen über den 2. Weltkrieg vor allem durch den großen Aufwand hervor, mit dem sie gedreht wurden. Die Schlachten sind sehr aufwändig in Szene gesetzt, mit teilweise minutenlangen Einstellungen von rollenden Panzern aus der Vogelperspektive oder Kämpfe mit tausenden von Statisten. Neben den Schlachten gibt es auch noch Szenen in Schwarz-Weiß, die die Handlungen bekannter Persönlichkeiten wie Stalin, Hitler, Churchill, Roosevelt und anderen porträtieren. Das Abwechseln zwischen den "bunten" Schlachten und den farblosen Politszenen ist ein Markenzeichen der Filme, welche einen Kontrast zwischen Kriegsführung und Politik des 2. Weltkrieges setzt.

Die Inhalte einzelnen 5 Folgen der Filmreihe Befreiung sind:

  1. Der Feuerbogen: 1943: Sieg der Sowjetunion bei der Panzerschlacht von Kursk, Scheitern der deutschen Operation "Zitadelle". Gefangenschaft von Stalins Sohn im deutschen Konzentrationslager.

  2. Der Durchbruch: 1943: Mussolini wird in Italien abgesetzt. Partisanen kämpfen in Polen gegen die deutsche Besatzung. Deutsche Operation zur Befreiung Mussolinis. Sowjetische Truppen überqueren den Dnepr. Befreiung Kiews. Alliierte Konferenz in Teheran.
  3. Die Haupstoßrichtung: 1944: Sowjetische Sommeroffensive. Operation "Bagration". Befreiung von Minsk und Weißrussland. Scheitern des Stauffenberg-Attentats.
  4. Die Schlacht um Berlin: 1945: Alliierte Konferenz in Jalta. Befreiung Polens. Schlacht bei den Seelower Höhen. Einkesselung Berlins. Straßenkämpfe in Berlin.
  5. Der letzte Sturm: 1945: Kämpfe in den Straßen und U-Bahnschächten von Berlin. Letzte Ereignisse im Führerbunker. Tod Hitlers. Stürmung des Reichstages. Ende des 2. Weltkrieges.
Sehenswert

Verglichen mit früheren sowjetischen Filmen über den 2. Weltkrieg ist "Befreiung" weitaus weniger propagandistisch, dafür mehr dokumentarisch und dramatisch. Feste Schauspieler, deren Charaktere in mehreren Teilen des Epos vorkommen, verstärken manchmal den Eindruck eines Spielfilms. Für die Darsteller der deutschen Politiker wurden DEFA-Schauspieler aus der DDR engagiert. Frietz Dietz spielte Hitler. Eine Stimme aus dem Off erklärt dazu immer die Vorgänge.

Auffällig zu früheren Werken der UDSSR über den 2. Weltkrieg ist vor allem auch die Rolle Stalins, und das Verhältnis zu seinen Generälen. Frühere Propagandawerke stellten Stalin als den Urheber der erfolgreichen russischen Angriffe dar, welche den Sieg Russlands zur Folge hatten. In "Befreiung" wird Stalin diesbezüglich in den Hintergrund gerückt, wo er sich die Pläne seiner Generäle wie Schukow, welche auch tatsächlich die wahren Sachverständigen des Krieges waren, anhört und absegnet. Im Gegenzug fehlt auch nicht die Darstellung des gestörten Verhältnisses Hitlers zu seinen Generälen.

Kritikwürdig

Dennoch ist auch Kritik gegen Oserows Filme vorzubringen, wenn man wirklich Wert auf eine vollständige Dokumentation der Ereignisse legt, vor allem heute. So wird bei den Politikern natürlich Stalin als der Besonnene unter den alliierten Staatschefs dargestellt, während man Roosevelt oft nur als kränklichen Mann im Rollstuhl wahrnimmt, Churchill so mürrisch und grantig erscheint, dass er fast schon lustig wirkt, und Hitler meist nur den Eindruck eines tobenden Wüterichs macht, welcher am laufenden Bande Fehlentscheidungen zu treffen scheint.

Auch was das Vorgehen der roten Armee angeht, kann man "Befreiung" nicht vollkommene Ehrlichkeit bescheinigen. Gemeint sind natürlich die Greueltaten der Rotarmisten beim Vorstoß Richtung Westen, denen unzählige unschuldige Zivilisten zum Opfer fielen. Die systematischen Vergewaltigungen deutscher Frauen in Ostpreußen und Berlin finden daher keinerlei Erwähnung. Es wäre allerdings auch zu viel erwartet, wenn man glaubt, dass das kommunistische Russland mitten im kalten Krieg an einer vollständig kritischen Bewertung seiner roten Armee interessiert gewesen wäre.

Fazit

Wer sich "Befreiung" (mittlerweile in einer DVD-Box erhältlich) ansehen will, kann sicher sein historisches Wissen über den 2. Weltkrieg auffrischen und ergänzen. Die schon sehr fortgeschrittenen Spezialeffekte der 60er und 70er Jahre ermöglichten bereits eine authentische Rekonstruktion der Schlachten, und die Inszenierung verspricht auch heute noch einen Unterhaltungswert. Jedem Geschichtsinteressierten, der nicht vergisst, dass auch hier eine gewisse ideologische Färbung bei der Produktion der Filme seitens der Sowjetunion nicht von der Hand zu weisen ist, kann "Befreiung" empfohlen werden.

Quellen: