
- Sonne und Schatten - Sigrid Stephenson
Ein behindertes Kind als Segen? Das klingt fast sarkastisch, oder? Aber das ist es nicht. Wird ein behindertes Kind in eine Familie hinein geboren oder erwirbt ein bis dahin gesundes Kind eine Behinderung, etwa durch einen schweren Unfall, wird zwar alles anders. Und doch ist dieses zu Beginn als so schrecklich und irgendwie ungerecht empfundene Ereignis eine Bewährungsprobe und zugleich eine große Entwicklungschance für jeden einzelnen in der Familie.
Starke Bindung zwischen Müttern und behinderten Kindern - Maria Montessoris Grundsätze helfen
Besonders Mütter werden bestätigen können, dass sie zu ihrem behinderten Kind ein ganz besonderes Verhältnis haben. Ein solches Kind loszulassen ist viel schwieriger, als das bei einem gesunden Kind zu tun, obwohl es bekanntlich bei allen flügge werdenden Kindern eine besondere Herausforderung ist.
Doch Familien mit behinderten Kindern sind stark. Viele Eltern und Geschwisterkinder entwickeln eine ganz besondere Kraft und Gelassenheit, eine neue Einstellung zum Leben schlechthin. Sie können auch für kleine Freuden dankbar sein und über viele Ärgernisse, über die ihre Mitmentschen mit hochrotem Kopf in Wallung geraten, nur lächeln. Welch eine positive Entwicklung. Die Gefahr, sich selbst nicht mehr ernst genug zu nehmen oder grundsätzlich die eigenen Bedürfnisse zurück zu stellen, ist jedoch groß. Damit die positive Kraft erhalten bleibt, gilt es einiges zu beachten.
Treten Sie innerlich ein wenig zurück. Beobachten Sie. Erlauben Sie sich, dass Ihre Gedanken - was Ihr Kind und ihr eigenes Schicksal angeht - in alle denkbaren Richtungen gehen. Auch behinderte Kinder sind keine Engel, man darf sie kritisch betrachten. Was genau sind Ihre Sorgen? Wo liegen Ihre Sehnsüchte? Möchten Sie Ihr Kind ein wenig mehr los lassen als bisher und trauen sich nicht?
Bedenken Sie: Kinder brauchen Schutz, behinderte Kinder in der Regel mehr als gesunde. Das Risiko einer Überbehütung liegt nahe. Bestimmte Risiken darf und sollte man jedoch auch bei Kindern mit Handicaps eingehen. Maria Montessori hat es in einem berühmt gewordenen Satz auf den Punkt gebracht: Hilf mir, es selbst zu tun. Das ist wichtig für das Kind und wichtig für die ganze Familie.
Selbstbewusstsein und Selbständigkeit bei behinderten Kindern adäquat fördern
Trauen Sie Ihrem behinderten KInd etwas zu. Achten Sie aufmerksam auf seine Signale. Behinderte Menschen legen großen Wert darauf, so viel wie möglich selbst zu tun. Sie haben Ressourcen. Vieles können sie nur schlecht oder gar nicht, aber auch sie haben Stärken, die es auszubauen gilt.
Hören Sie ganz bewusst darauf, was es sich selbst zutraut, wieviel Selbständigkeit es einfordert. Fragen Sie, was es gern ausprobieren möchte, was es einmal - ohne Ihre Hilfe - versuchen will. Natürlich gilt das nur, wenn es alt genug ist, um adäquat auf Ihre Fragen zu antworten und seine allgemeine geistige und psychische Leistungsfähigkeit das erlaubt.
Fordern und fördern sie dieses Kind ebenso wie Ihre anderen Kinder. Gewöhnen Sie es ebenso wie die anderen an Regeln. Damit gewinnt Ihr Alltag an Zuverlässigkeit und Struktur.
Auch Eltern haben Rechte - Familienleben in einem Haushalt mit einem Kind mit Handicap
Vergessen Sie als Eltern Ihr Recht auf ein eigenes Leben nicht. Auf Dauer geben kann nur, wer auch nimmt, sich selbst liebt und für sich sorgt. Holen Sie sich Hilfe, Vertretung. Vergessen Sie nicht, Ihr Leben zu genießen, oder lernen Sie es - mit gutem Gewissen - neu zu tun.
Kinder dürfen in einem gesunden Familienleben darauf vertrauen, dass ihre Wünsche erfüllt werden, wenn es irgend möglich ist. Dazu gehört aber auch, dass sie verzichten lernen, wenn der Erfüllung ihrer Wünsche die Bedürfnisse anderer Menschen entgegen stehen. Selbstverständlich gilt das auch für behinderte Kinder. Zitat einer erfahrenen Schwester im Kinderkrankenhaus: "Behinderte Kinder sind nicht einfach. Verwöhnte behinderte Kinder sind schrecklich." Das gilt für sie selbst und andere. In diesem Sinne: Üben Sie liebevolle Konsequenz.
Geschwisterkinder behinderter Kinder dürfen nicht zum Vaterersatz oder Mutterersatz werden
Geschwister behinderter Kinder entwickeln sich oft zu ganz besonderen Menschen. Schon früh haben sie lernen müssen, Rücksicht zu nehmen, zu verstehen, zu unterstützen. Oft müssen sie häufiger auf etwas verzichten, als Gleichaltrige das tun, deren Brüder und Schwestern gesund sind.
Ein behindertes Kind steht sehr oft im Mittelpunkt. Das kann bei gezielter Förderung, wie etwa bei Kindern mit Down Snydrom, richtig sein, aber auch - bei aller Liebe - zu brennender Eifersucht bei gesunden Geschwistern führen. Sie fühlen sich ständig im Schatten, ungesehen. Das kann so weit gehen, dass sie lieber selbst behindert wären, als weiterhin unberücksichtigt zu bleiben. Überfordern Sie Geschwisterkinder nicht. Auch sie müssen Kinder bleiben dürfen - mit einem gesunden Egoismus. Stellen Sie ganz bewusst immer wieder einmal das behinderte Kind hintenan, so dass die anderen Kinder zu ihrem Recht und zu eigenen Chancen kommen.
Ältere Geschwister können durchaus helfen und werden das in der Regel auch tun. Auch sie lieben das behinderte Kind. Dennoch dürfen sie bei Alleinerziehenden nicht zum Vater- oder Mutterersatz werden. Wenn man ihnen ausdrücklich das Recht auf ein eigenes Leben zugesteht, werden sie umso bereitwilliger einspringen, wenn wirklich Not am Mann ist.
