Für die 6-Jährige Jolina ist die Welt noch in Ordnung. Dass ihre Omi keine Beine mehr hat, stört sie nicht, denn Jolina ist sich sicher, dass diese Beine nachwachsen. Carla Pöschl (54) läßt ihre Enkelin in dem Glauben, denn derzeit kämpft sie bei ihrer Krankenkassen um die Genehmigung von Prothesen – guten Prothesen.
Eine Darmdehnung mit unerwarten Folgen
„Weil ich über 50 und in Rente bin, sollen einfache Prothesen genügen“, erzählt Carla und es klingt bitter. Kein Wunder, denn die früher so agile und mobile Frau ist völlig überraschend zu einem Pflegefall geworden. Während einer ambulant durchgeführten Darmdehnung fiel Carla ins Koma. Was danach genau passierte, werden wohl Gerichte klären müssen. Ehemann Günther (58) erfuhr in den nächsten Stunden nur so viel: Der Darm war porös gewesen und an der Dehnstelle gerissen, der Darminhalt ergoss sich in den Bauchraum. Carla musste in ein anderes Krankenhaus verlegt werden. Dort wurde sie sofort in ein künstliches Koma gelegt, aus dem sie sieben Wochen nicht mehr erwachen sollte. „In dieser Zeit wurde ich 26 Mal operiert, erlitt vier Schlaganfälle und einen Herzinfarkt!“
Doch das schlimmste waren die beiden Beinamputationen, die nötig wurden, als eine Blutvergiftung (Sepsis) zu einem Nierenversagen und einem Arterienverschluss führte. Carlas Beine wurden nicht mehr durchblutet. „Ich musste mein Einverständnis zu den Amputationen geben“, erzählt Günther Pöschl. „Zunächst wurden die Beine unterhalb des Knies abgetrennt, doch das reichte nicht aus. Wenige Tage später amputierten sie bis zum Oberschenkel. Diese Operationen retteten Carlas Leben, aber ich hatte Angst vor dem Moment, in dem sie aufwachen und sehen würde, dass sie keine Beine mehr hat!“
Wo vorher die Beine waren, war die Bettdecke ganz flach
Als es endlich soweit war, dauerte es noch ein paar Tage, bis Carla wirklich verstand, was mit ihr geschehen war. Die Schlaganfälle hatten aus ihr einen Pflegefall gemacht. Carla war komplett gelähmt und konnte selbst einfachste Dinge nicht mehr. „Ich lag auf dem Rücken und sah an mir hinunter. Da, wo sonst meine Beine waren, war die Decke ganz flach“, beschreibt Carla den Moment, in dem sie sah, dass sie nun für immer behindert sein würde.
Das war im März 2008. Noch im Jahr zuvor war Carla beim Frankfurter Flughafen angestellt und mit anspruchsvollen Aufgaben betraut. Sie war verwitwet und Mutter einer erwachsenen Tochter, als sie im August 2007 ihren Günther heiratete. Kein halbes Jahr später fand die verhängnisvolle Darmoperation statt. „Ich wollte meinen Mann freigeben“, sagt Carla. „Er sollte dieses Schicksal nicht teilen müssen.“ Doch davon wollte Günther nichts wissen. Im Gegenteil: Noch während seine Frau im Koma lag, baute er das Bad in ihrem gemeinsamen Haus behindertengerecht um. „Sie hätte für mich das gleiche getan“, sagt er.
In der Reha lernte Carla, sich ins Leben zurück zu kämpfen
Carla ist im Sternzeichen des Löwen geboren und wie eine Löwin kämpfte sie von Anfang an darum, mobiler zu werden. In der Reha lernte sie nach und nach, ihre Arme wieder zu bewegen. „Viel Hoffnung machten mir die Ärzte nicht. Sie gingen davon aus, dass ich ein Pflegefall bleiben würde.“ Doch Carla kämpfte sich zurück. „Mein Mann und meine Tochter haben jeden Moment an mich geglaubt. Ohne ihre Hilfe hätte ich das nicht geschafft“, weiß sie. Die Familie redet offen miteinander, beschönigt nichts. „Aber ich will kein Mitleid. Als mir klar wurde, dass meine Beine weg sind und ich daran nichts mehr ändern kann, habe ich es akzeptiert. Ich wollte einfach nur nicht bettlägerig bleiben!“
Langsam lernte Carla, sich aufzusetzen und sich selbst in den Rollstuhl zu hieven. Auch der Umgang mit dem Rollstuhl selbst musste erst einmal gelernt werden. Immer wieder gab es Rückschläge: neue Lähmungserscheinungen oder heftige Phantomschmerzen. „Es fühlt sich so an, als würde Ihnen jemand mit dem Messer ins Bein stechen!“ Wirklich depressiv wurde die Kämpferin aber nicht. „Nur manchmal sitze ich da und mir laufen die Tränen über das Gesicht. Da kommt noch einmal hoch, was alles passiert ist und ich falle in ein tiefes Loch!“
Carla gründete eine Selbsthilfegruppe, die sich einmal im Monat trifft
Carla weiß, dass es anderen Amputierten genauso geht. Deshalb wollte sie sich einer Selbsthilfegruppe anschließen. Doch in der Nähe ihres Wohnorts gab es keine. Carla setzte sich mit dem Paritätischen Verband in Darmstadt zusammen und gründete selbst eine Selbsthilfegruppe, die sehr schnell angenommen wurde. 18 Betroffene sind ihr derzeit angeschlossen. „Wir treffen uns einmal im Monat zum Reden, einmal zum Kegeln und einmal zum Schwimmen. Es gibt schließlich noch immer sehr viele Dinge, die wir zusammen machen können.“
Dass ihre fehlenden Gliedmaßen Blicke auf sich ziehen, stört Carla mittlerweile nicht mehr. Sie hat ein neues Ziel: Laufen lernen! Doch die Prothesen müssen zwei Gelenke überbrücken, das Fuß- und das Kniegelenk. Das braucht viel Übung einerseits und gute Prothesen andererseits. Für sie kämpft Carla bei der Krankenkasse. „Ich möchte schließlich mit meiner Enkelin einen langen Spaziergang durch den Wald machen können. So, als wären meine Beine nachgewachsen!“
Weitere Infos:
Die neue Selbsthilfegruppe für Amputierte trifft sich einmal im Monat beim CBF Darmstadt, Pallaswiesenstraße 123 a. Informationen gibt Carla Pöschl unter den Telefonnummern 06151 592570 und 0176 32155482.
