Belinda Bauer – Das Grab im Moor

Belinda Bauer - Das Grab im Moor Buchcover - Goldmann Verlag
Belinda Bauer - Das Grab im Moor Buchcover - Goldmann Verlag
Der fesselnde Thriller handelt von einem verzweifelten Jungen, der sich auf ein perfides Psychospiel mit einem pädophilen Serienkiller einlässt.

Die britische Autorin Belinda Bauer hat mit „Das Grab im Moor“ ein bemerkenswertes Thrillerdebüt geschrieben, dass zu Recht mit dem CWA Gold Dagger Award 2010 ausgezeichnet wurde. „Das Grab im Moor“ besticht durch lebendige Charaktere, Atmosphäre und Psychologie statt auf Schockeffekte zu setzen.

Die Handlung von "Das Grab im Moor": Ein perfides Psychospiel

Der 12jährige Steven lebt in einer Familie, die nie über den Verlust seines Onkels Billy hinweggekommen ist. Vor 18 Jahren ist Billy als Kind das Opfer des Serienmörders Arnold Avery geworden. Avery hat nie verraten, wo er die Leiche begraben hat. Steven gräbt seit drei Jahren heimlich und vergeblich im Moor danach. Frustriert wendet er sich schließlich an Einzigen, der die Antwort kennt: Avery. Nach Anlaufschwierigkeiten kommt zu einem codierten Briefwechsel, der Averys unterdrückte Triebe neu entfacht. Als der Pädophile entdeckt, dass er es mit einem Kind zu tun hat, hat er nur noch ein Ziel: so schnell wie möglich aus dem Gefängnis zu kommen, um Steven zu seinem Opfer zu machen.

Der kindliche Protagonist Steven: Verlassen in einer traumatisierten Familie

In „Das Grab im Moor“ zeigt Belinda Bauer eindrücklich, wie eine Familie noch Generationen später unter den Folgen eines Verbrechens leidet. Steven ist zu jung, um die Dynamik seiner dysfunktionalen Familie, die in Groll und Schmerz erstarrt ist, zu verstehen. Seine Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe ist herzzerreißend. Einerseits besitzt er, bedingt durch seine Familiengeschichte, eine Reife, die ihn über seine Altersgenossen erhebt. Andererseits besitzt er aber auch noch die unschuldige Naivität eines Kindes. Seine Verletzlichkeit steht im Kontrast zu seinem erbarmungslosen Gegenspieler und lässt den Leser um Steven bangen.

Der pädophile Serienkiller Avery: Neue Hoffnung für den Psychopathen

Gleichermaßen überzeugend ist Belinda Bauers Charakterisierung des Kindermörders Arnold Avery. Belinda Bauer hat gut recherchiert, ihr Portrait eines Serienkillers ist psychologisch stimmig und verursacht beim Lesen Gänsehaut. Die Autorin greift nicht zu dem einfachen Mittel, seine Taten in blutigen Details zu schildern. Sie erzeugt Grauen, indem sie den Leser an Averys Gedanken und Gefühlen teilhaben lässt. Avery ist ein Raubtier, ohne Reue und Mitgefühl. Er ist ein typischer Psychopath, überheblich, intelligent und manipulativ. Seit 18 Jahren muss er von den Erinnerungen an seine Taten zehren. Der Briefwechsel mit Steven weckt seine schlummernden Triebe. Die Erkenntnis, dass er es mit einem Kind zu tun hat, erzeugt einen „Tsunami betäubter, würgender, altvertrauter Erregung, ...die ihm das Blut in den Unterleib und Speichel in den Mund schießen ließ.“

Katz-und-Maus-Spiel: Bedürftige Antagonisten

Ungleicher könnten die Antagonisten nicht sein: auf der einen Seite steht ein verwundbares, verzweifeltes Kind, auf der anderen Seite ein pädophiler, psychopathischer Serienkiller. Und trotzdem ähneln sie sich: Beide sind sie Underdogs, beide besitzen eine ausgeprägte Fantasie, beide sind von etwas besessen. Was sie aneinander bindet ist die Hoffnung, dass der Andere ihnen ihren größten Wunsch erfüllen kann. Beide besitzen etwas, was der andere begehrt. Deshalb funktioniert das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden ungleichen Hauptfiguren, obwohl Steven eindeutig der Schwächere ist. Steven besitzt, ohne es zu wissen, Macht über Avery. So wie Avery ihm Hoffnung macht auf eine Antwort, macht ihm Steven Hoffnung auf die Erfüllung seiner Fantasien, die Stevens Briefe in ihm auslösen.

Das Grab im Moor: Spannender Thriller und überzeugendes Psychodrama

An Belinda Bauers Debüt ist nahezu perfekt. Die Charaktere überzeugen, die Handlung entwickelt sich logisch, alles wird am Ende zusammengeführt und befriedigend aufgelöst. Die Spannung nimmt stetig zu und mündet in einem nervenaufreibenden Finale. „Das Grab im Moor“ ist sowohl gelungenes Familien-Psychodrama als auch spannender Psychothriller. Sprachlich überzeugt Bauer mit einer bildhaften, ausdrucksstarken Prosa, die den Figuren Tiefe gibt, den Schauplätzen Atmosphäre und die stellenweise schwarzen Humor aufblitzen lässt trotz des düsteren Themas. „Das Grab im Moor“ ist ein Buch, von dem man sich eine Verfilmung wünscht. Belinda Bauer ist eine Autorin, deren Namen man sich merken sollte.

Belinda Bauer: Das Grab im Moor. Goldmann Verlag. Taschenbuch. September 2010. 352 S. 8,95 €.

Brigitte Grahl, Brigitte Grahl

Brigitte Grahl - Nach meinem Studium der Germanistik und Publizistik an der FU habe ich als freie Journalistin bei Print- und Online-Medien ...

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