Bella Italia: Nicht alles Gold glänzt

Strassenveraeufer - Alexandra Barone
Strassenveraeufer - Alexandra Barone
Das Land der freundlichen Menschen ist passé. Dies ist zu mindestens die Meinung vieler Italiener, die über eine Verrohung der Gesellschaft klagen.

„Ich bin ich und ihr seid nichts!“ - Mit diesem frei übersetzten Satz aus dem Film „Il Marchese del Grillo“ ist laut Marco eigentlich alles gesagt. Für den 50-jährigen Strandkioskbesitzer steht fest: Den freundlichen Metzger an der Piazza die Fiori in Rom, den ehrlichen Taxifahrer in Mailand oder die hilfsbereite Gemüsefrau auf dem Markt in Venedig – das ist passé! “Jeder denkt nur noch an sich und schaut nicht zur Seite. Hilfsbereitschaft ist hier in Italien mittlerweile ein Fremdwort!“ Und Marco setzt noch einen drauf: „Ist man hier in Italien ehrlich, wird man sowieso bestraft – da das jeder ausnutzt!“ Dreimal die Woche kommen die Angestellten des Gesundheitsamtes oder der Rentenversorgung vorbei, um zu kontrollieren, ob an seinem Strandkiosk und dem dazugehörigen kleinen gepachteten Strand alles seine Ordnung hat. „Wenn die alle Besitzer am Strand so kontrollieren würden, ginge es uns besser als in der Schweiz!“

Politiker und Journalisten – Keine Moral

„In Italien geht es hauptsächlich darum, schlauer als der andere zu sein und diesen anzuschmieren. Das ist mittlerweile unser Volkssport“, erklärt auch Roberto. Der 72-jährige Rentner ist traurig und wütend zugleich. Die Gesellschaft verrohe immer mehr , erklärt er, und keiner schaue mehr weder nach links oder rechts. Eine Erklärung hat er bereits parat: „Dieses rücksichtslose Verhalten wird uns heute von unseren Politikern vorgelebt“, erklärt Roberto. „Früher wäre bei einem Finanz- oder Sex-Skandal der Politiker sofort zurückgetreten, heute ist dieser auch noch stolz auf seine Taten.“ Er bezieht sich vor allem aus Silvio Berlusconi, der mit seinem Sex-Skandal mit der minderjährigen Ruby vor einigen Monaten Schlagzeilen gemacht hat. Auch an der Journalisten lässt er kein gutes Haar. In Italien gehören sie mittlerweile zu einer Kaste, „die sowieso alle gekauft sind und mit den Politikern unter einem Hut stecken“.

Nur Verlierer verhalten sich sozial

Roberto ist manchmal erschüttert vom Verhalten seiner Landsleute. „Viele reden vulgär daher, Beschimpfungen sind an der Tagesordnung und einige überschreiten die Grenzen total“, erklärt der Rentner. „Wir reden nicht von Sozialfällen, Armen oder Ausländern – wie es gerne viele Italiener hinstellen möchten - sondern von studierten, kultivierten Menschen, die von einem Moment zum anderen jeglichen Respekt für den anderen verlieren!“ Soziales Verhalten, das haben nur Verlierer – nur die Ellbogennutzer sind die Gewinner! So oder ähnlich denkt mittlerweile die komplette Gesellschaft. Schlimm wäre das vor allem für die Jugendlichen! „Sie haben gar keinen richtigen Vorbild mehr, die meisten von ihnen können nicht mal mehr richtig Italienisch sprechen“, erklärt Roberto. Denn in die Schule gehen, etwas tun für die Zukunft, das sei nur etwas für Verlierer!“

Zunehmende Ausländerfeindlichkeit

Hinzu käme auch die zunehmende Ausländerfeindlichkeit. In dem Land, das im 19. Jahrhundert die höchste Auswandererquote zu verzeichnen hatte, werden immer mehr die Einwanderer aus dem Osten und Afrika mit großem Misstrauen beäugt. Ein Dorn im Auge sind auch die Zigeuner, die in Italien in so genannten „Campi Nomadi“ (in Deutsch= Nomandencamps) untergebracht sind. „Viele Italiener machen sich nicht mal die Mühe, uns von den Zigeuner zu unterscheiden“, erklärt Marika. Die 32-Jährige ist Rumänin, wohnt bereits seit zehn Jahren in Italien und spricht fließend Italienisch. Bei der Wohnungssuche vor einem Jahr hatte sie viele Probleme, erklärt sie. Die Mehrzahl der Italiener seien ausländerfeindlich und Marika erzählt von einer Szene, die sie erst kürzlich im Bus erlebt hat: Eine ältere Italienerin wetterte gegen alle Ausländer, sie seien alle Schmarotzer und keiner von ihnen hätte eine Busfahrkarte. „Am Ende kam heraus, dass sie selbst keine hatte“, lacht Marika. Vor allem hätten die Italiener Angst, dass ihnen die Einwanderer ihre Arbeit wegnehmen. „Dabei arbeiten die meisten der eingewanderten Afrikaner und Osteuropäer für einen Hungerlohn und ohne jegliche soziale Absicherung als Straßenverkäufer und Hilfsarbeiter!“

Alexandra Barone, Alexandra Barone

Alexandra Barone - Alexandra Barone arbeitet seit 1996 als Journalistin. Nach einem Volontariat im Pressebüro der Aktion Mensch, war sie vier Jahre lang ...

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