
- Mussolini: Der Duce wollte die Mafia vernichten - George Grantham Bain; Library of Congress
Kann ein faschistischer Diktator eine kriminelle Organisation in seinem Land dulden, die sich über zahlreiche politische Kontakte als Staat im Staate präsentiert? Benito Mussolini musste sich mit dieser Frage auseinandersetzen, denn bis zu seiner Machtergreifung kooperierten zahlreiche italienische Politiker mit der Mafia Siziliens. Die "Ehrenwerte Gesellschaft" hatte mächtige Freunde. Die faschistische Machtübernahme 1922 veränderte nicht nur Italien grundlegend, sondern führte auch zu einer Kehrtwende in den Beziehungen zwischen dem italienischem Staat und der sizilianischen Mafia.
Der Faschismus entdeckt die sizilianische Mafia
Während Mussolini damit beschäftigt war, seine Macht zu festigen, kooperierten seine Faschisten ungeniert mit der sizilianischen Mafia. Das faschistische Regime wollte sich noch keine unnötigen Feinde machen. Der sizilianischen Mafia, ohnehin sehr stark dem Pragmatismus verfallen, hatte gegen eine Kooperation mit den neuen Machthabern herzlich wenig einzuwenden. Dabei reichten die Kontakte der Mafiosi bis nach Rom: "Ducino" Alfredo Cucco, sizilianisches Mitglied des Großen Faschistischen Rates, war ein enger Freund der Mafia. Doch nicht nur die Faschisten besaßen Kontakte zur organisierten Kriminalität. Auch deren Gegner versuchten die sizilianische Mafia für sich zu gewinnen. Der mächtigste sizilianische Politiker dieser Zeit, Vittorio Emanuele Orlando, ist nur ein Beispiel für diese Kontakte. Orlando war einst Premierminister und versuchte im Kommunalwahlkampf 1925, der letzten demokratischen Wahl vor der Etablierung der faschistischen Diktatur, die Mafia auf seine Seite zu ziehen. Jedoch ließen die Mafiosi ihr Klientel und ihre Familien in diesen Jahren bereits faschistisch wählen. Einige Mafiosi schlossen sich gar selbst der faschistischen Bewegung an.
Die große Inszenierung: Die Mafia wird verfolgt
Im Jahr 1925 kündigte Mussolini die Zusammenarbeit mit der Mafia. Seine Macht war gefestigt und die Bewegung brauchte einen Feind. Zudem musste Mussolini seinen uneingeschränkten Herrschaftsanspruch auch in Sizilien durchsetzen. Den Kampf gegen die Mafia führte Cesare Morie, der neue Präfekt von Palermo, an. Hierfür wurde er mit umfassenden Vollmachten ausgestattet. Mori versuchte die Mafia mit Härte, Durchschlagskraft und Intelligenz zu vernichten. Er erließ Verordnungen, die für den Kampf gegen die Mafia notwendig waren, und nutzte die Verfolgung der Mafia als Inszenierung der faschistischen Macht. Ganze Städte wurden umstellt und tagelang belagert. 11.000 Personen, darunter viele Unschuldige, wurden innerhalb von drei Jahren verhaftet und von faschistischen Gerichten schuldig gesprochen. Die Gerichte agierten unter dem Einfluss der Faschisten hart und oberflächlich. Oftmals wurden mehrere Personen des gleichen Verbrechens für schuldig befunden. Viele Bürger wurden per Dekret, ohne juristischen Prozess verbannt. Folterungen waren ein akzeptiertes Mittel im Kampf gegen die Omertà, dem mafiosen Schweigegebot vor staatlichen Behörden. Presseberichte wurden zensiert. 1929 wurde die Arbeit von Cesare Mori für beendet erklärt. Der "eiserne Präfekt" wurde seines Amtes enthoben. Mussolini wollte endlich die Vernichtung der sizilianischen Mafia verkünden. Die Mafia war allerdings nicht vernichtet, sie war nur in Deckung.
Giuseppe Genco Russo - mafiose Karriere trotz Faschismus
Die Machenschaften des Mafioso Giuseppe Genco Russo sind ein deutlichen Beispiel gegen die Vernichtung der Mafia. Genco Russo wurde mehrfach wegen Diebstahls, Erpressung, Bildung krimineller Vereinigungen, Gewalttaten und mehrfachen Mordes angeklagt, von den faschistischen Gerichte jedoch nie verurteilt. Insgesamt saß Genco Russo nur drei Jahre im Gefängnis und das in einer Zeit, in der die meisten Mafiosi durch ein einfaches Dekret verbannt wurden. In der Zeit von 1934 bis 1938 stand Genco Russo unter besonderer Aufsicht der Justiz, was ihn aber nicht daran hinderte, seinen kriminellen Tätigkeiten weiterhin nachzugehen. Es gilt als wahrscheinlich, dass er Verbindungen zu einflussreichen Persönlichkeiten besaß, die ihn vor einer Strafverfolgung schützten.
Die Mafia lebt weiter
In den 1930er Jahren, in denen die Faschisten ihr Interesse an der sizilianischen Mafia verloren hatten, verzeichnete Sizilien einen erneuten Anstieg der Korruptionsbereitschaft. Es muss kaum erwähnt werden, dass die Mafiosi hiervon besonders profitieren konnten. Die Justiz stand zwar unter faschistischem Einfluss, handelte allerdings bei kleineren Prozessen autonom. Freisprüche für Mafiosi waren daher keinesfalls selten, häufig erzwungen durch Zeugenbeeinflussungen. Die schnelle Genesung der Mafia nach der Befreiung Siziliens durch die Alliierten zeigt, dass die Mafia keinesfalls vernichtet wurde. Verbindungen unter den Mafiosi wurden in der Zeit des Faschismus gekappt und mit dem Einmarsch der Amerikaner wieder aufgenommen. Der angebliche Einfluss der amerikanischen Mafia unter Lucky Luciano ist hierbei allem Anschein nach ein weiteres Märchen. Schließlich waren die Mafiosi die Idealbesetzung der politischen Stellen im Nachkriegssizilien: Sie waren gegen Faschismus und Sozialismus, äußerst pragmatisch veranlagt und besaßen hervorragende Verbindungen zur katholischen Kirche. Die sizilianische Mafia benötigte also keineswegs Hilfe ihrer amerikanischen Freunde bei der Wiederbelebung der alten Strukturen.
Literatur
- Lupo, Salvatore (2005): Die Geschichte der Mafia; Düsseldorf
- Dickie, John (2006): Cosa Nostra - Die Geschichte der Mafia; Frankfurt am Main
- Müller, Peter (1990): Die Mafia in der Politik; München
- Arlacchi, Pino (1993): Mafia von Innen. Das Leben des Don Antonino Calderone; Frankfurt a. Main
