
- Bert Brecht über dem Gewühl - Steffen Kassel
Wer dermaßen viele Einladungen verschickt, braucht sich nicht zu wundern, wenn sich vor dem Eingang eine etwas gereizte Menschenschlange bildet. Endlich ins Innere gelangt, fällt der Blick automatisch auf ein Bild von Bert Brecht, der mit wissendem Lächeln die Szenerie zu beobachten scheint. Parterre soll normalerweise gespeist werden, in allen Räumen, aber bei der anberaumten Selbstglorifizierung der Kunstszene wird ausschließlich getrunken. Für ausreichend Nachschub sorgt ein Weinstand, der in der Nähe zum Eingang des „Kosher Classroom“ platziert ist, wo man zukünftig erlaubte (koschere) Tiere essen kann. Nun, etwas Wein kann nicht schaden, wenn man sich in den ersten Stock begibt, um sich die Arbeiten von Robert Polidori anzusehen.
Viel Platz für Robert Polidori
In der ersten Etage ist der Sitz der „Camera Work Contemporary Gallery“, die über 500 Quadratmeter verfügt und serienweise Polidori-Fotoarbeiten ausgebreitet hat. Nicht die bekannten Katastrophenbilder aus Tschernobyl sind zu sehen, sondern die Innenarchitektur von Schlössern und Prachtbauten, etwa Versailles oder der im Moskauer Kreml befindliche St. Alexander’s Room (2005). Während man noch Überlegungen anstellt, ob in der scheinbaren Verherrlichung auch eine versteckte Subversion liegt, wird der Blick auf einige Havanna-Bilder gelenkt. Ein dunkelgrünes Auto, ästhetisch, aber nicht sonderlich funktionstüchtig, steht vor einer Häuserfront; ein anderes Foto zeigt eine von Verfall bedrohte Wand, an der verschlissene Sicherungskästen zu hängen scheinen. Zu den Höhepunkten dieser Bilderserie gehört ein Theatersaal in Havanna, der nach dem kubanischen Dichter Alejo Carpentier benannt wurde. Ein sorgfältig arrangierter Raum mit leicht brüchig wirkender Decke, beseelt von der Aura eines bedeutenden Vertreters der Weltliteratur, aber kaum wahrgenommen vom vergnügungssüchtigen Kunstbetrachter.
Kniefall vor der Geschichte
Der Galerist und Hausherr Michael Fuchs hat für den aufwändigen Umbau eine Stange Geld ausgegeben, für 3.300 Quadratmeter etwa 5 Millionen Euro, die er in einen 30-jährigen Mietvertrag investiert hat. Der Macher will für eine kraftvolle Belebung der Kunstszene sorgen, deshalb hat er von der Aula Besitz ergriffen, um speziell seinen Galerieraum in gediegener Atmosphäre präsentieren zu können. Beim Betreten eines Raumes vollzieht sich sogleich ein Kotau vor der preußischen Geschichte: zwei Warhol-Bilder vom großen Fritz prangen an den Wänden, stark verfremdet durch die Farbgebung und ein kolossal adriges Auge. Eine futuristische Skulptur des US-Künstlers Frank Stella bildet die gewollt grandiose Abrundung des ansonsten leerstehenden Raumes, dem durch die vielen Kunstliebhaber trotz seiner Kahlheit eine künstliche Fülle verliehen wird. Ebenfalls ein Werk beigesteuert hat der Berliner Jonas Burgert, der mittlerweile als Shooting Star gilt und für seine Bilder hohe Preise erzielt. „HaltStand“ zeigt einen jungen Mann von erhabener Würde, der in einer von Zweigen durchzogenen Flower-Power-Kleidung steckt, aber über dem Bauch windet sich eine Art Gasmaske entlang. Im dritten Stock hat sich auch die Galerie Eigen & Art mit einem zusätzlichen Standort eingenistet, sie startet ab dem 29. März mit dem Künstler Ryan Mosley.
Das Reich der Gourmets
Das mit der Kraft der Einfühlung einigermaßen in seinen Originalzustand zurückversetzte Gebäude soll alte Lebensgefühle, die man selbst nie empfunden hat, wieder heraufbeschwören. Der „Kosher Classroom“ beispielsweise verbindet Exklusivität mit Nostalgie: im Vorraum befinden sich schwere Ledercouchen, eine Bilderserie und eine Bücherwand, während im Verköstigungsraum nach allen Regeln der Kunst getafelt werden kann. Wer bei der Eröffnung in den Pauly-Saal gehen wollte, hatte es schwer, denn am Eingang lauerte ein Türsteher, pyknisch, kräftig und zupackend. Hier residiert nun die Grill-Royal-Truppe mit dem Sternekoch Siegfried Danler, der in einem etwas vornehmen Interieur die Heimatfreunde unter den Gourmets beglücken möchte. Nach Bewältigen des lästigen Selektionsverfahrens geriet man in einen extrem sauerstoffarmen Raum, der mit weintrinkenden Kunstliebhabern und ihren Begleiterinnen überfüllt war, die, partiell knusprig, sich auch mal mit Busengewalt Platz verschafften. In dieser ehemaligen Sporthalle hängen raumgreifende Kronleuchter herab, und zwar so tief, dass man das schillernde, irisierende Glas gar nicht zu übersehen vermag. Unter den fulminanten Lüstern werden sich von nun an Galeristen, Sammler und kunstinteressierte Halbgebildete treffen, um sich über die Entdeckungen in der Berliner Kunstszene auszutauschen.
Ehemalige Jüdische Mädchenschule
Auguststr. 11-13, Berlin-Mitte, Tel. 030/22002550
Galerie:
· Camera Work Contemporary: Mo-Sa 11-20 Uhr
· Michael Fuchs Galerie: Di-Sa 11-18 Uhr
· Eigen & Art Lab: ab 29. März 2012. Di-Sa 11-18 Uhr
Pauly Saal und Bar: täglich ab 12 Uhr
The Kosher Classroom: Donnerstag & Samstag ab 18 Uhr, Freitag ab 19.30 Uhr, Sonntag: Brunch ab 11 Uhr.
Bildnachweis: © Steffen Kassel
