
- Der Bundestag - G. Neske
In der 11. Etage des Bonner Hochhauses Tulpenfeld, wo Bundestagsabgeordnete aller Lager mit ihren Mitarbeitern zusammenhockten, wo Berlin- und Bonn-Fans aufeinander trafen, hatte es Tränen gegeben. Frust dazu – und Aggressionen. Die Entscheidung des Bundestags vom 20. Juni 1991, nach Berlin übersiedeln zu wollen, hatte bei vielen eine Stimmung ausgelöst, die durch Bonner sommerliche Schwüle noch weiter gedrückt wurde.
CDU-Ortsverbände hielten Beiträge zurück
Besonders die Christdemokraten in Bonn, in den angrenzenden Landkreisen Rhein-Sieg, in Ahrweiler, im Raum Unkel, in Neuwied und im Siebengebirge empfanden den Berlin-Beschluss, vom Parteivorsitzenden Helmut Kohl mitgetragen, als besonders bitterlich. Bis zum 5. Juli 1991 hatte Bonns CDU-Chef Alo Hauser 257 Parteiaustritte zu verzeichnen. Der Kreisverband Rhein-Sieg, einer der großen um Bonn herum, fasste den Beschluss, der Parteizentrale keine Mitgliedsbeiträge mehr zu überweisen. Die Begründung: „Mangelnde Solidarität durch die CDU-Bundesgeschäftsstelle“ bei der Berlin-Entscheidung des Bundestags. Der Bonner CDU-Ortsverband Auerberg stellte den Antrag an den Kreisverband der Partei, genauso zu verfahren.
„Forum Pro Bonn – Kräfte bündeln“
Tränen, Verbitterung, Demonstrationen: Am 5. Juli 1991 rief die Mittelstandsvereinigung der CDU zu einer Demonstration auf dem Bonner Marktplatz auf. „Bonn braucht Zukunft“, war das Motto. Außerdem gab es Foren, die oft aus Ratlosigkeit geboren waren und der Region Mut machen sollten. „Forum Pro Bonn – Kräfte bündeln“, hieß eines. In ihm wirkten Wirtschaftsverbände mit, die der CDU nahe standen. „Besonders enttäuscht sind die Mitarbeiter in den obersten Bundesbehörden insbesondere darüber, dass der Deutsche Bundestag sich seine Entscheidung so leicht gemacht hat“. Da sei ein Riesenprojekt beschlossen worden, ohne einen Finanzierungsplan vorzulegen. Nicht einmal ein Kostenvoranschlag sei eingeholt worden, kritisierten die Bonn-Befürworter. „Wer dies als Familienvater tun würde, dem würde man zu Recht verantwortungsloses Handeln vorwerfen“,. So sprach beispielsweise Hubert Voigtländer, der Personalratsvorsitzende im Bundesbauministerium.
Das Ende des „Rheinbundes“?
In Bonn – wo in der Tat eine gefährlich knisternde Atmosphäre entstanden war – wurde gar von der „Versuchung“ gesprochen, in Berlin eine „andere Republik“ zu errichten, von der die mutmaßlichen Berlin-Anhänger schon jetzt mit Häme schwärmten, sie sei „das Ende des Rheinbundes“ oder der „Adenauer-Republik“. Die Diskussion wurde irrational. „Die Regierung geht, ich bleibe. – Katholischer Theologe sucht Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnung in Kessenich“, hieß ein Kleinanzeige im Bonner General-Anzeiger. Auf dem Münsterplatz wurde für eine neue Partei geworben, die „Bonner Gedanken“ hieß. Von den verschiedenen Plätzen in der Stadt stiegen abends Luftballons auf; daran befestigt waren die Fotos jener Bundestagsabgeordneten, die für Berlin votiert hatten. Das Motto der Initiatoren: „Wer jon will, der flüch – mir bieven he“. (Wer gehen will, der fliegt – wir bleiben hier).
Helmut Kohl blieb nicht unbeeindruckt
Die Austrittswelle in den CDU-Kreisverbänden in Bonn und um Bonn herum – die SPD sprach lediglich von 14 zurückgegebenen Parteibüchern – ließ den CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl nicht unbeeindruckt. Er ließ ein „regionales Gipfeltreffen“ mit den CDU-Spitzen organisieren. Dazu Bonns CDU-Chef Hauser seinerzeit: „Wir wollen Kohl klar machen, dass die CDU in der Region von seiner Entscheidung für Berlin schwer getroffen ist“. Was Hauser diplomatisch verbrämt so sagte, artikulierten andere an der Basis anders: Sie sprachen von „verantwortungsloser Abstimmung“, von „Unbelehrbarkeit“, vom „Selbsttor des Jahres“ und einem „Meineid“ Bonn gegenüber.
Nobelkoch: Notfalls zurück in die Toskana
Drüben, auf der anderen Rheinseite, schwappten die Emotionen ähnlich hoch. Hier hätte es, auf der „Schäl Sick“, im Stadtbezirk Beuel, wo neue Ministerialbauten entstehen sollten, neuen wirtschaftlichen Aufschwung geben sollen. Die örtlichen Gremien forderten nun vom Bund Angebote zum versprochenen „einzigartigen Strukturwandel“. Wie der aussehen sollte, wusste niemand. Der Wirt des Nobelrestaurants Cäcilienhöhe oberhalb von Bonn, wo die Prominenz zu speisen pflegte, blieb trotz der Berlin-Entscheidung locker. Wenn nichts mehr gehe in Bonn, dann – gehe er zurück in die toskanische Heimat.
Weiterführende Informationen: Der Tagesspiegel
