Berlinale 2010 – Ehrenpreise für das Lebenswerk

Schygulla und Kohlhaase: Zwei Preisträger erhalten Goldenen Ehrenbär

Hanna Schygulla erhält den Goldenen Ehrenbär 2010 - Internationale Filmfestspiele Berlin / ARD
Hanna Schygulla erhält den Goldenen Ehrenbär 2010 - Internationale Filmfestspiele Berlin / ARD
Der Ehrenpreis der 60. Berlinale wurde zweifach vergeben: Schauspielerin Hanna Schygulla und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase erhalten den Preis für ihr Lebenswerk.

Zum 60. Geburtstag beschenken sich die Internationalen Filmfestspiele Berlin selbst, indem sie gleich zwei herausragende Künstler mit einem Ehrenpreis für ihr Lebenswerk auszeichnen. Die Schauspielerin Hanna Schygulla und der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase erhalten jeweils den Goldenen Ehrenbär. Schygulla und Kohlhaase haben über Jahrzehnte hinweg auf unterschiedliche Weise das deutsche Nachkriegskino maßgeblich beeinflusst.

Dazu der Intendant der Filmfestspiele, Dieter Kosslick: "Hanna Schygulla und Wolfgang Kohlhaase stehen beide gleichermaßen für Erneuerung und Aufbruch – im Westen und im Osten Deutschlands. Hanna Schygullas Name ist untrennbar mit den Filmen Rainer Werner Fassbinders verbunden. Wolfgang Kohlhaase schlug bereits in seinen ersten gemeinsamen Arbeiten mit dem Regisseur Gerhard Klein eine für die DEFA neue Richtung ein.“

Schauspielerin Hanna Schygulla im Kurzporträt

Schygulla wurde am 25. Dezember 1943 im oberschlesischen Königshütte geboren. Von 1945 an wuchs die Tochter des Holzhändlers Joseph Schygulla und seiner Frau Antonie in München auf. Das Abitur legte Schygulla am Luisengymnasium in München ab. Nach einem Jahr als Au-pair-Mädchen in Paris trat sie 1964 ihr Studium an. Sie belegte die Fächer Germanistik und Romanistik und nahm gleichzeitig den Schauspielunterricht am Münchener Fridl-Leonhard-Studio auf. Rainer Werner Fassbinder holte Schygulla 1967 an sein Action-Theater. Ihr Debüt beim Film feierte sie 1968 mit dem Kurzfilm "Der Bräutigam, die Komödiantin und der Zuhälter!“ in der Rolle der Lucy.

Von 1969 bis 1980 sollte Hanna Schygulla in zwanzig Filmen des unvergessenen Kultregisseurs Rainer Werner Fassbinder und in den meisten seiner Theaterinszenierungen mitwirken; beginnend mit "Liebe ist kälter als der Tod“. Mit den Fernsehfilmen "Baal“, "Das Kaffeehaus“, "Rio das Mortes“ aus 1970 sowie mit "Haus am Meer“, "Bremer Freiheit“ (beide 1972), "Wildwechsel“ und ihren Auftritten als Marion in der Fernsehserie "Acht Stunden sind kein Tag“ schrieb Hanna Schygulla Fernsehgeschichte. Im Jahr 1976 standen die Dreharbeiten zu "Ansichten eines Clowns“ und ein Jahr später diejenigen zu "Die Dämonen“ im Terminkalender der Schauspielerin.

Hanna Schygullas internationaler Durchbruch kam mit "Die Ehe der Maria Braun“

Mit dem Werk "Die Ehe der Maria Braun“ erlangte die Schygulla 1979 Weltruhm. Von diesem Zeitpunkt an spielte sie auch in französischen, amerikanischen und italienischen Filmen mit. In Deutschland arbeitete die Schygulla aber dennoch beim Fernsehen, wie beispielsweise 1979 in der Mini-Serie "Die große Flatter“ mit dem späteren Pfleger Mischa aus der "Schwarzwaldklinik“, Jochen Schröder. In Fassbinders "Berlin Alexanderplatz“ bekleidete Hanna Schygulla 1980 über zwölf Folgen die Rolle der Eva. Mit "Lili Marleen“ und "Die Fälschung“ setzte sie 1981 ihre Arbeit fort. "Peter der Große“, "Delta Force“ und "Barnum“ zeigten 1986, dass die deutsche Schauspielerin in allen Ländern und allen Genres zu Hause war.

In den 90er Jahren rezitierte und sang die Schygulla Werke von Berthold Brecht auf Spanisch und tourte damit als Chansonsängerin durch Europa. Die Zuschauer des ZDF konnten diesen Weltstar kürzlich in einer Episode der Serie "Kommissar Stolberg – Tod im Wald“ bewundern. In der französischen Fernsehproduktion "Clara, une passion française“ wirkte sie 2009 ebenso mit wie in dem italienischen Film "Faust“. Inklusive diesem umfasst ihre Filmografie 86 Einträge.

Junge Regisseure und Hanna Schygulla sowie eine Auswahl ihrer Auszeichnungen

Hanna Schygulla galt als Fassbinders Muse, wurde als Nachfolgerin von Marlene Dietrich gesehen und arbeitete mit namhaften Regisseuren wie Reinhard Hauff, Volker Schlöndorff, Margarethe von Trotta, Wim Wenders, Jean-Luc Godard, Carlos Saura, Ettore Scola sowie Andrzej Wajda. Schygullas Vielseitigkeit zeigt sich nicht zuletzt auch in eigenen Bühnenprojekten und Regiearbeiten. Ihre "Traumprotokolle“ (1976 / 2005) sind Teil eines Programms mit Videoarbeiten, die Hanna Schygulla realisiert hat und in Berlin präsentiert.

Schygulla stellte sich auch erfolgreich der Arbeit mit jüngeren Regisseuren: "Winterreise“ drehte sie 2006 mit Hans Steinbichler und "Auf der anderen Seite“ 2007 mit Fatih Akin. Die Arbeit mit Akin brachte Schygulla eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis 2008 als Beste Nebendarstellerin und in derselben Kategorie als erste deutsche Schauspielerin überhaupt den National Societey of Film Critics Award ein.

Die Liste der Auszeichnungen, die Hanna Schygulla bereits erhielt, ist lang. Das Filmband in Gold wurde ihr 1970 für "Liebe ist kälter als der Tod“ verliehen. Diesen Preis gewann sie auch 1971, 1975 und 1979. Sie bekam den Silbernen Bären der Berlinale 1979 für "Die Ehe der Maria Braun“, wurde per Bambi 1984 zur Frau des Jahres gekürt und erhielt fünf weitere, internationale Filmpreise. Sie lebt seit 1981 in Paris.

Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase im Kurzporträt

Der am 13. März 1931 in Berlin geborene und in Adlershof aufgewachsene Wolfgang Kohlhaase wurde 1947 Volontär und Redakteur bei der Jugendzeitschrift "Start“, wechselte dann als Mitarbeiter zur FDJ-Zeitung "Junge Welt“ und arbeitete von 1950 bis 1952 als Dramaturgie-Assistent bei der DEFA. Danach wurde Kohlhaase freischaffender Drehbuchautor und Schriftsteller. Er lebt in Berlin und Reichenwalde und ist mit der Choreografin Emöke Pöstenyi verheiratet.

Sein erstes Drehbuch lieferte er 1953 mit "Die Störenfriede“ ab. Je ein Jahr später folgten "Alarm im Zirkus“, "Eine Berliner Romanze“ und "Berlin – Ecke Schönhauser“. "Der schweigende Stern“ (1959), "Der Fall Gleiwitz“ (1961) und "Sonntagsfahrer“ (1963) machten ebenfalls Furore. Bei "Haus und Kind“ (2008) sowie "Whisky mit Wodka“ (2009) arbeitete Kohlhaase mit den Regisseuren Andreas Kleinert und Andreas Dresen. Kohlhaase veröffentlichte mehrere Bücher und erhielt erstmals 1974 mit dem Goethepreis der Stadt Berlin eine hochklassige Auszeichnung; ebenso wie in den Jahren 1977, 1980 und 2007 sogar das Bundesverdienstkreuz.

Dr. Rainer Rother zu Hanna Schygulla und Wolfgang Kohlhaase

"In Wolfgang Kohlhaase findet sich der seltene Fall eines Autoren, dessen Name stets in einem Atemzug mit dem des Regisseurs genannt wird. Das Gespür für Authentizität in seinen Figuren wie in seinen Geschichten, seine lakonische, sehr ökonomische Sprache und seine feine Ironie sind ein Glücksfall für das deutsche Kino. Mit Hanna Schygulla ehren wir eine Darstellerin, die, von Fassbinder in seinen frühen Filmen als Anti-Star inszeniert, mit ihrem sinnlichen Spiel und ihrer gefühlvollen Stimme zu einer der aufregendsten europäischen Schauspielerinnen wurde“, erklärt der die Hommage verantwortende Dr. Rainer Rother, Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek.

Anlässlich dieser Hommage werden Wolfgang Kohlhaase am 17. Februar und Hanna Schygulla am 18. Februar 2010 mit dem Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk in der Nachfolge von Maurice Jarre ausgezeichnet. Eine Auswahl von je fünf Filmen begleitet die Hommage.

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