Berliner Ensemble: Gert Voss, sein Buch, Peymann und Beil

Was Gerd Voss nie sein wollte - Pascal Schmitt/Pixelio
Was Gerd Voss nie sein wollte - Pascal Schmitt/Pixelio
Am 16. Oktober stellte Gert Voss seine Autobiografie "Ich bin kein Papagei" vor. Der Schauspieler nutzte den Abend für diverse Showeinlagen.

Erstaunlich, wie viele Menschen kamen, nur um eine Buchpräsentation mitzuerleben. Aber wahrscheinlich wären die Zuschauer auch ohne dieses Werk einer Theaterreise erschienen, denn es wurde ein lebendiger Theaterabend präsentiert, bei dem sich der Intendant Claus Peymann und sein Dramaturg Hermann Beil freiwillig zu Assistenten degradierten. Beil war es dann auch, der im Stil eines Adlatus einige einleitende Worte über Gert Voss sprach. Offenkundig war es das Bestreben Beils, sich gestisch und verbal zurückzuhalten, um dem Meister umso mehr Raum zu gewähren. Was wie das Absitzen einer unausweichlichen Pflichtübung aussah, war vielleicht nur vornehme Zurückhaltung – schließlich war dies der Abend von Voss, der bezaubern und das Publikum für sich einnehmen wollte. Außerdem hatte er noch den Verkauf seines Buchs anzukurbeln...

Filmausschnitte und Pannen

Filmausschnitte sollten gezeigt werden, und so geschah es denn auch. Die Techniker blendeten Inszenierungen ein, bei denen Voss die Hauptrolle spielte: Voss mit Barett in der Hermannsschlacht, als greiser König Lear neben Birgit Minichmayr, als schwarz eingeschmierter Othello oder als Rosmer neben Peter Fitz. Für die Rolle des Richard III. machte sich Voss besonders hässlich: er wartete mit einer über den Ohren abrasierten Nazi-Frisur auf und hatte eine umwickelte Holzkugel im Schuh, was einen schiefen Gang erzeugte. Irgendwann kam es zu einer ersten Betriebsstörung, der Film hielt an, sprang kurz weiter und hielt dann wieder an. Die Techniker arbeiteten fieberhaft und gaben Zeichen, aber Peymann wurde ungeduldig: „Was soll die Pantomime, ihr könnt doch sprechen!“ Wenig später ertönte endlich die Stimme einer Technikerin, aber der Film streikte. Also wurde weiter geplaudert, von großen und kleinen Dingen, bis Beil sich wieder an den Film erinnerte: „Pannen sind das Größte am Theater – haben wir noch eine Chance?“ Ein flüchtiges Aufflackern von Sprachwitz, der kurzzeitig auch den Film zu beflügeln schien, bis er endgültig seinen Geist aufgab. Unmut und Enttäuschung im Publikum – aber der Bühnenvirtuose wickelte es wieder ein.

Fegefeuer in Stuttgart

Wer das Buch schon gelesen hat, wird wenig Neues erfahren haben. Voss, auf den die Eitelkeit des gastgebenden Regisseurs nachhaltig abgefärbt ist, konzentrierte sich weitgehend auf die ausschmückende Wiedergabe des Buchinhalts – eine Wiedergabe freilich im theatralischen Sinne. Das Dreigestirn oder, pompöser ausgedrückt: das hierarchisch geordnete Triumvirat setzte 1974 in Stuttgart seine gemeinsame Theaterarbeit ins Werk. Für Beil war das ein Fegefeuer, das ausgerechnet mit der Hermannsschlacht entscheidende Pforten aufstoßen sollte. Traugott Bure sollte den Hermann spielen, lehnte aber ein solches Nazi-Stück ab und plauderte mit Voss darüber, der als mitfühlender Kollege für die Ablehnung viel Verständnis aufbrachte. Am nächsten Tag hatte Voss eine Audienz bei Peymann und Beil – und hatte die Rolle. Als Bure dies erfuhr, war er konsterniert. „Mir haben sie das ganz anders erklärt“, sagte Voss dazu lapidar. Der Erfolg war immens und Peymann hatte eine einleuchtende Begründung: „Wir gingen nicht in die historisierende Falle.“

Die Lust am Spiel

Der Abend war für Voss ein Selbstgenuss, sein Beruf sei deshalb so herrlich, weil er „Könige und Massenmörder glaubhaft darstellen“ kann. Ja, auch während des Gesprächs konnte er es nicht lassen, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Den langweiligsten Teil des Buches fand Peymann am interessantesten – Voss’ Kindheit in China. Vielleicht mag es an der Herkunft liegen, wenn sich Voss’ Augen mitunter zu Schlitzen verengen, um dann im nächsten Augenblick wieder aufzuspringen. Peymann, der viel zum Schauspieler, aber wenig zum Publikum hinblickte, würde die Autobiografie am liebsten in Schauspielschulen verteilen lassen, als eine Art von geistigem Anschauungswerk. Dem Intendanten, der sich nach einer Akklimatisierungsphase warm geredet hatte und sein von Talk-Shows bekanntes dröhnendes Lachen erklingen ließ, ist es um die Formung zu schaffen, um die Heranbildung des Nachwuchses. Als Voss noch zu dieser Gruppe gehörte, lehnte er Nebenrollen kategorisch ab und musste statt im Schiller Theater in der Provinz spielen. Die hieß Konstanz, und seiner Mutter fiel dazu nur ein: „Wieso gibt es in Konstanz ein Theater?“

Die Kampfhähne in der Burg

Irgendwann landete das Trio im Wiener Burgtheater, wo, so Beil, wahre Glaubenskriege ausgefochten wurden. Mitunter griff Voss zu seinem Buch und las für ihn wichtige Passagen, zum Beispiel ein Gespräch zwischen Peymann, ihm und George Tabori. Es handelte sich um einen massiven, von Voss mit verschiedenen Stimmen vorgetragenen Streit, den Peymann naturgemäß „ganz anders erlebt“ hatte. Für Peymann war das ein kleines Gefecht gewesen, aber keine Meuterei, und richtigen Ärger habe es weit mehr mit Schleef gegeben. Immerhin, Richard III. war ein Sieg, fast eine Eroberung der Burg. Kurioserweise enerviert, warf Voss dennoch seinem Chef den Arbeitsvertrag vor die Füße. Doch die Kampfhähne hielten durch und Voss arbeitete mit weiteren Großregisseuren zusammen. Dazu Peymann: „Das waren doch alle Egomanen. Bondi, Tabori, das sind doch genauso Diktatoren wie ich, bloß auf andere Art“. Dann fiel auch noch, scheinbar en passant, der Name Ostermeier. Kurz darauf schilderte Voss vergnügt seine erste Zadek-Begegnung, die ausgerechnet beim Pissen im Klo stattfand. Am Ende bekam Voss ein Tablett mit Brandteigkrapferln serviert, deren Anblick einen gesundheitsbewussten Menschen eher erschauern lässt. Dies sollte an Ritter, Dene, Voss erinnern: Zeit für eine letzte theatralische Soloshow, die im Hineinstopfen des angeblichen Gourmet-Gebäcks kulminierte. „Wir müssen nach einem Sinn suchen“, hörten die Zuschauer Voss murmeln, dann war der Abend beendet.

Gert Voss: „Ich bin kein Papagei“. Eine Theaterreise. Wien/Graz/Klagenfurt: Styria Premium 2011, 25 Euro.

Berliner Ensemble

Bildnachweis: © Pascal Schmitt/Pixelio

Steffen B. Kassel, Steffen B. Kassel

Steffen Kassel - Magister in Germanistik, Geschichte und Philosophie (1994) Relevante Stationen: Auswertung von Fernsehsendungen (Institut für ...

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