Beim Umziehen entwickelte er eine ähnliche Leidenschaft wie beim Malen: Hokusai (1760 – 1849) wechselte in Tokio, das damals Edo hieß, permanent seinen Standort, um die optimalen Arbeitsbedingungen für sein vielschichtiges Werk zu finden. Schon als 19-Jähriger hielt er den Augenblick für gekommen, einen Schauspieler zu malen, der sich leicht kokett als Frau verkleidet präsentiert. Die Bandbreite war zunächst schmal, das Arbeitsprogramm reduzierte sich auf japanische Schönheiten, bei deren Ausformung er sich allmählich perfektionierte. Das auf einer Hängerolle angefertigte Bild Frauen aus allen Gesellschaftsschichten zeigt bereits eine erstaunliche Routine bei der Konturierung von Frauen, die sich durch Haltung und Gestik unterscheiden. Bevor das Greisenalter einsetzte, hatte Hokusai seine künstlerische Hochphase erreicht, die ihn zu erstaunlichen Werken inspirierte.

Von Kurtisanen zu Manga-Bildbüchern

Mit zunehmendem Alter ließ das Bedürfnis nach, Kurtisanen zu malen, die mit behäbiger bis lauernder Sinnlichkeit den Raum einnehmen. Dass unverhoffte Erotik so manchen aus der Bahn zu werfen vermag, zeigt ein Bild eines mit Zauberkraft versehenen Mannes, der hinter dem Rücken einer Frau schwebt. Als er ihrer Waden ansichtig wird, büßt er ruckartig seine Flugkünste ein und gerät in einen Sturzflug. Weniger dramatisch geht es in den ab 1812 erschienenen Bildhandbüchern zu, wo er seinen Einfällen und Schrullen freien Lauf ließ und ohne vorgefasste Ambitionen drauflosmalte. Manga nannte er dieses Verfahren, und zu sehen sind viele skizzenhafte Gestalten und skurrile Gesichter, die wie Vorstudien erscheinen. Hokusai beherrschte auch die Technik des Surimono: Farb- und Holzschnitte als Grußkarten, die für Einladungen und Bekanntmachungen verschickt wurden. Auf einem Papierbild sitzt ein zwar erschöpfter, aber seliger alter Fischer, dessen kahles Haupt nur von kräftigen Haarbüscheln über den Ohren bekränzt ist.

Entdramatisierung: Tiermalerei

Ein wesentlicher Bestandteil seines Schaffens war die Tiermalerei, die wohl zur Entspannung und Entdramatisierung seines Lebens diente. Einige Bilder sind mit etwas putzig wirkenden Schildkröten angefüllt, die erst bei näherem Hinsehen als solche identifiziert werden können. Konkreter wird Hokusai bei einem Fisch, dessen aus der Art geschlagener Kopf einer Kampfspezies anzugehören scheint, die jeden Alptraum bunter gestalten könnte. Die Fischbilder sind sicherlich keine Meisterwerke, weit eher ein Ausdruck des Ausruhens und der inneren Sammlung. China ist, wie allgemein bekannt, das größte Anbauland für Erdbeeren, aber für Hokusai war es ein wichtiges Anliegen zu zeigen, dass auch 1836 in Japan Eichelhäher und Würger scharf auf die Früchte waren. Angetrieben von unzähmbarer Gier, nähern sich die beiden Vögel in einem offensiven Flugmanöver den Erdbeeren. Als Greis war Hokusai offensichtlich milde gestimmt: 1846 entstand Ein Kranichpaar, das sich in wunderschöner Farbgebung neugierig beschnuppert.

Die bekannten Werke: Der Berg Fuji

Von den Ansichten des Berges Fuji soll es 36 geben, es sind aber wesentlich mehr. In Berlin ist die komplette Sammlung leider nicht vertreten, was bestenfalls den fundierten Kenner stört. Auffällig sind die aus Europa eingeführten zarten Blautöne, die in den unterschiedlichsten Schattierungen variieren. In der Welle, die magisch aufzulodern scheint und kristallene Schaumkronen aufwirft, kündigt sich der Schrecken der Natur an. Flachen Booten droht die Verschlingung unter der gigantischen Woge, deren kräftiges Blau eine gewisse Faszination ausübt. Einen ähnlicher Wellenkampf trägt sich in Kajikazawa zu, wo ein Fischer seinen Beruf als Überlebenskampf wahrnimmt. Ein wesentlicher Anziehungspunkt dieser Bilderserie sind die an eine Traumlandschaft erinnernden Blaustufen, die auch beim Suwa-See verzückte Rezipienten in ein behagliches Idyll eintauchen lassen. Gelegentlich wähnt man sich auf einem anderen Stern, wenn man zartgrün leuchtende Boote auf eine Insel zusteuern sieht. Mit derartigen Bildern sicherte sich Hokusai seinen Weltruhm, von dem für Japan freilich nur ein Abglanz übrig blieb.

Farbenfroh und losgelöst

Eins der schönsten Bilder der Ausstellung heißt Bambus und Windenblüten, im Grunde ein schlichtes Motiv, das aber einen ungewöhnlich starken Eindruck hinterlässt. Schenkt man dem Begleittext Glauben, so wurde der Bambusstock mit einem einzigen Pinselstrich hingeworfen und erst nachträglich verfeinert. Schade nur, dass das Bild (25,8 x 37,5 cm) keinen größeren Umfang aufweist. Neben schwächeren Arbeiten ist vor allem die Serie Reise zu den Wasserfällen in den verschiedenen Provinzen hervorzuheben. Hier präsentiert sich ein farbenfroher Hakusai, der mit allen Grundfarben hantierte und einen metallisch glitzernden Ono-Wasserfall in eine verklärte Welt wuchtete . Das Wasser fällt fächerartig herab, als sei es in kleinen Rohren angeordnet, um die Natur für ein ästhetisches Schauspiel zu strukturieren. Selbst als Greis stellte der arbeitswütige Japaner noch kriegerische Duelle dar, sowie martialische aussehende Heerführer, die mit siegesbewusster Geste in den Kampf ziehen. Ein in sich ruhender Pol war Hokusai wohl selten gewesen.

Hokusai - Retrospektive

26. August bis 24. Oktober 2011

Martin-Gropius-Bau

Niederkirchnerstr.7

10963 Berlin

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