Berlusconi wettert über das "Scheißland" Italien

Müllproblematik - Alexandra Barone
Müllproblematik - Alexandra Barone
Nicht nur Silvio Berlusconi ist wütend, in ganz Italien wächst die Unzufriedenheit: Weniger Arbeit, keine soziale Sicherheit und die Preise steigen.

Anfang September ist der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi mal wieder ins Kreuzfeuer der Medien geraten. Dieses Mal ging es um eine Äußerung Berlusconis am 13. Juli in einem Telefongespräch mit dem Herausgeber Valter Lavitola. Laut Nachrichtenagentur Ansa soll Berlusconi sein Heimatland, sein eigenes Land als „Scheißland“ bezeichnet haben, dass er bald verlassen wolle, weil es ihn "ankotzen" würde. Aber was hat Berlusconi so in Rage gebracht? Wieder mal und immer noch geht es um die Vorwürfe der Förderung der Prostitution. Bei den zügellosen Partys des Ministerpräsidenten sollen unter anderem auch Minderjährige teilgenommen haben. Ausgerechnet Lavitola, der den Ministerpräsidenten in dieser Affäre als "Informant“ gedient hat, soll nun Berlusconi erpresst haben.

Was ist los in Italien?

Während sich Italiens Ministerpräsident vor allem über die Arbeit der Richter beschwert, die gegen ihn ermitteln, haben seine Mitbürger wirklich schwerwiegendere Probleme. Das Reformpaket der Regierung lässt viele Italiener um ihre Existenz bangen. Gespart wird vor allem an der Gesundheit und den Renten. In Italien gibt es mittlerweile einer Studie des Statistikamtes Istat zufolge über drei Millionen absolut Arme (5,6 Prozent der Gesamtbevölkerung). Menschen, denen es nicht mehr möglich ist, sich die Grundnahrungsmittel und – dienstleistungen zu beschaffen. Zudem gebe es insgesamt acht Millionen Menschen (13,8 Prozent der Gesamtbevölkerung), die mit rund 900 Euro im Monat auskommen müssten.

Ist Italien wirklich ein „Scheißland“?

„Das liegt außer Frage!“ - Der Grundtenor bei einer Umfrage in den Straßen Roms ist klar. In Italien gibt es nicht mehr genügend Arbeitsplätze, die Schwarzarbeit floriert, keiner bezahlt mehr Steuern, die Staatskassen sind daher leer. Und doch ist Italien nicht arm: Der Immobilienmarkt boomt, die Restaurants und Einkaufscenter sind voll! „Da hier jeder Zweite schwarz arbeitet, gibt es genügend Geld, doch was hier fehlt sind die Sozial- und Gesundheitsdienste“, erklärt Luigi Loberto. Der 61-Jährige ist seit einem Unfall blind und auf finanzielle Unterstützung angewiesen. „Doch woher soll der Staat das Geld nehmen, wenn nur 50 Prozent der Italiener mit einem regulären Vertrag arbeitet und Steuern bezahlen?“ Hinzu käme, dass die Steuergelder nicht wirklich für das Allgemeinwohl der Gesellschaft genutzt werden, sondern in fremde Taschen fließen. „Wie soll man denn sonst erklären, dass zwei Millionen Euro für einen Fahrradweg verwendet werden, der nicht nur in einem unbewohnten Bezirk gebaut wird, sondern nicht einmal fertig ist?“, fragt sich wiederum Sienna Brunelli. Für die 40-Jährige ist klar, die Gemeinden und der Staat haben nicht im geringsten Interesse daran, das Geld sinnvoll einzusetzen. „Da wird nur wieder einmal einem Freund der Auftrag zugespielt!“

Müllberge, fehlende Bürgersteige, kaputte Straßen - wer ist Schuld an der Krise?

„In Italien macht es keinen Sinn, Steuern zu bezahlen“, erklärt Gianluca. Die Steuergelder werden sowieso nicht für das Allgemeinwohl verwendet. Wie kann man sonst die kaputten Straßen, die fehlenden Bürgersteige und die mangelhaften Müllbeseitigung erklären?“ Für den 41-jährigen Neapoletaner liegt die Schuld ganz klar an der Regierung. „Hier gibt es keine Regeln, jeder macht, was er will! Daher liege auch der Müll auf der Straße – obwohl es in einigen Städten sogar getrennte Müllsammlung gebe. „In Italien gibt es bezüglich gar nichts Kontrollen, vor allem nicht was die Steuerflucht angeht, und wenn ja, trifft es immer den ehrlichen Kleinbürger.“ Auch für Grazia Orlando liegt es klar auf der Hand: „Die Regierung spart am falschen Ende“, beschwert sich die Mutter eines schwerbehinderten Kindes. Orlando kämpft tagtäglich um die finanzielle Unterstützung für ihren Sohn. „Diese Sparmaßnahmen treffen vor allem die schwächeren Gesellschaftsschichten im Lande hart.“ Während früher auf drei behinderte Kinder ein Stützlehrer kam, gibt es zum Teil überhaupt keine Stützlehrer mehr, die den eigentlichen Lehrer der Klasse unterstützen sollen. „Die Integration von behinderten Kindern in den Schulen, auf die Italien immer so stolz war, ist somit passé.“

Wie kam es dazu?

„In Italien gab es nie wirklich eine Revolution, Reform oder jegliche Änderung“, erklärt Cristiano. Daher ist das Land alt und unbeweglich geworden. Die Reichen werden immer reicher und die Armen ärmer. „Aber das Schlimmste ist, keiner wehrt sich“, erklärt der 38-jährige Angestellte hat bereits seine Koffer gepackt. In seiner Firma wurden in den vergangenen Wochen über 250 Mitarbeiter gekündigt. Wo soll das hinführen? „Ganz einfach: Dass Italien so geworden ist, haben sich die Italiener selbst zuzuschreiben.“ Für den 42-Jährigen Davide liegt klar auf der Hand: Der Italiener ist zu geduldig, er nimmt alles hin und passt sich an statt sich zu wehren. „Ein deutscher würde sein Land niemals als Scheißland bezeichnen, er würde vielmehr was dagegen tun, dass sein Land nicht so scheiße werden wird!“

Quellen:

Alexandra Barone, Alexandra Barone

Alexandra Barone - Alexandra Barone arbeitet seit 1996 als Journalistin. Nach einem Volontariat im Pressebüro der Aktion Mensch, war sie vier Jahre lang ...

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