Was macht einen Ort zum Wallfahrtsziel? Oftmals sind es Gräber von Heiligen, Schauplätze von Wundern und Erscheinungen sowie Aufbewahrungsstätten heiliger Reliquien, die Gläubigen anziehen. Und da der Weg das Ziel ist, sind viele Wallfahrtsorte obendrein mit einem Netz von Pilgerwegen verbunden – eine Wallfahrt sollte nach aalgemeinem Verständnis zumindest teilweise zu Fuß zurückgelegt werden. In früheren unmotorisierten Zeiten eine Selbstverständlichkeit: damals entstand eine spezielle Infrastruktur aus Kirchen, Hospitälern und Herbergen entlang stark frequentierter Pilgerwege.
Motive einer Wallfahrt – Selbstfindung und religiöser Akt
Heute ist der Aspekt des Wanderns ein nicht zu unterschätzendes Motiv für Wallfahrten. Der moderne Pilger tritt aus der Hektik des Alltags und sucht nach innerer Ruhe, Besinnung und Einsicht. Die aus einem Gefühl von Verlorenheit und Leere motivierte Wallfahrt ist oftmals ein Versuch der Selbstfindung. Aber auch traditionelle Pilgergründe sind immer noch aktuell: die Wallfahrt als religiöser Akt der Buße, als Ersuchen um Hilfe, Ausdruck der Dankbarkeit oder Erfüllung eines Gelübdes. Daneben spielt sicherlich für viele die Erfahrung von Gemeinschaft eine Rolle – in Form von Prozessionen zu den sowie in der Zusammenkunft zahlreicher Gläubiger in den Wallfahrtsstätten. Einige der berühmtesten Wallfahrtsorte sind Jerusalem, Guadalupe, Lourdes und Santiago de Compostela.
Die Heilige Stadt Jerusalem – Grabeskirche und Via Dolorosa
Die Hauptstadt Israels ist ein spirituelles Zentrum dreier Weltreligionen: von Judentum, Islam und Christenheit. Im Mittelalter war Jerusalem das Ziel bewaffneter Pilgerfahrten – der Kreuzzüge. Heute wird die Region immer noch von Konflikten beherrscht. Nichtsdestotrotz besuchen jedes Jahr unzählige Menschen die heiligen Stätten ihres Glaubens: Muslime den Felsendom und die El-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg, Juden den Tempelberg selbst und die Klagemauer. Christen dagegen die Grabeskirche mit dem Heiligen Grab Jesu, die Via Dolorosa mit den Stationen der Passion Christi, die Erlöserkirche und den Garten Gethesemane mit der Kirche der Nationen.
Berühmte Wallfahrtsorte: die Jungfrau von Guadalupe
Auf dem Berg Tepeyac im Vorort Villa de Guadalupe von Mexiko-Stadt befindet sich die Basilika der Jungfrau von Guadalupe, der größte Marienwallfahrtsort der Welt: Die Jungfrau von Guadalupe gilt als Schutzpatronin von Lateinamerika. Ihre Verehrung geht zurück auf das Jahr 1531, als dem Azteken Juan Diego auf jenem Berg Maria in Gestalt eines Indiomädchens erschienen sein soll. Dreimal begegnete sie Juan, und beim letzten Mal schuf sie mitten im Winter einen prächtigen Rosengarten um sich. Juan wickelte die Blumen in seinen Umhang und brachte sie dem zuvor skeptischen Bischof der Stadt. Als er den Umhang öffnete, war darauf das Antlitz der heiligen Muttergottes. Das Tuch befindet sich heute im Untergeschoss der Basilika und wird jährlich von Millionen Pilgern besucht. Juan Diego selbst wurde im Jahr 2002 als erster Indio heilig gesprochen.
Pilgerziel in Frankreich: die Quelle von Lourdes
Der 1933 heilig gesprochenen Bernadette Soubirous erschien Maria im Jahr 1858 in einer Grotte bei Lourdes. 17 weitere Begegnungen folgten, und bei einer zeigte die Erscheinung der jungen Müllertochter eine Quelle. Deren Wasser sagt man heilende Kräfte nach – viele der vier bis sechs Millionen Pilger im Jahr kommen auf der Suche nach Heilung in die südfranzösische Stadt. Es gibt zahlreiche Berichte von Wunderheilungen, die von der katholischen Kirche systematisch geprüft werden: bisher wurden mehr als sechzig Heilungen als Wunder anerkannt. Der Marienverehrung dienen drei große Basiliken. Jedes Jahr pilgern vier bis sechs Millionen Gläubige nach Lourdes.
Über den Jakobsweg zur Kathedrale von Santiago de Compostela
Von Lourdes ist es nicht weit nach Spanien. Die galicische Stadt Santiago de Compostela war der bedeutendste Wallfahrtsort des Mittelalters und erlebt in den letzten Jahren eine Renaissance. Viele Gläubige pilgern über den aus ganz Europa zusammenlaufenden Jakobsweg in die Stadt, in deren weltberühmter Kathedrale die Gebeine des Heiligen Jakobus – eines der zwölf Apostel – liegen sollen. Diese sollen einst nach Spanien geschafft und dort 813 auf wundersame Weise wieder gefunden worden sein. Einer um 900 erbauten Kirche folgte im elften Jahrhundert der Bau der Kathedrale von Santiago de Compostela, die heute noch das Ziel der Jakobspilger darstellt.
Wallfahrtsorte sind Stätten religiöser Begegnung. Die Besucher eint ihr Glauben, zumindest jedoch die Suche nach spiritueller Erfahrung. Pilgerwege und Wallfahrtsorte erleben in unserer von Orientierungslosigkeit und Entwurzelung geprägten Zeit eine Renaissance – sie verkörpern eine andere Form des Reisens, in dessen Mittelpunkt der Weg zu sich selbst oder zu Gott steht.
