
- Berufsbezogene Psychologie - Prof. Dr. Mintken
Psychologische Erkenntnisse und psychologisch begründete Erwägungen könnten im Kontext verschiedener beruflicher Situationen bedeutsam sein. Zu denken ist dabei vor allem an die verschiedenen Aspekte der Kommunikation im beruflichen Zusammenhang, aber auch an Ergebnisse aus der Wirtschaftspsychologie sowie der Arbeits- und Organisationspsychologie. Wegen der möglichen beruflichen Bedeutung dieser Fachgebiete sind entsprechende Themen auch in verschiedenen Regelungen zur Ausbildung und zum Studium vorgesehen.
Im Mittelpunkt psychologischer Ausbildungsinhalte stehen Informationen über das Verhalten und Erleben der Individuen unter Beachtung der jeweiligen Handlungsbedingungen. Diese Informationen können neue Sichtweisen ermöglichen und eine Erweiterung des eigenen Horizonts der Erkenntnisse bewirken. Aufgrund dieser Erweiterung der eigenen Kenntnisse können das eigene Verhalten und das eigene Erleben reflektiert und positiv beeinflusst werden.
Psychologische Erkenntnisse für das Verhalten in Organisationen
Individuen können ihr Verhalten in Organisationen nicht beliebig gestalten. Die Organisation stellt nach DIN EN ISO 9000 eine Gruppe von Personen und Einrichtungen mit einem Gefüge von Verantwortung, Befugnissen und Beziehungen dar. Sie kann als soziales Gebilde aufgefasst werden, das gegenüber der Umwelt offen ist, zeitlich überdauernd existiert, bestimmte Ziele verfolgt und eine bestimmte Struktur aufweist. Beispiele für Organisationen sind Wirtschaftsbetriebe, Gefängnisse, Krankenhäuser, Hochschulen oder Vereine. Die Möglichkeiten des Handelns von Individuen in Organisationen und insbesondere die selbständige Arbeitsweise sind durch formale Zwänge und strukturelle Vorgaben mehr oder weniger begrenzt. Dadurch ergibt sich ein Konfliktpotential zwischen Individualzielen und Organisationszielen. Derartige Zielkonflikte und mögliche Varianten des Umgangs mit ihnen können unter Nutzung von Erkenntnissen der Arbeits- und Organisationspsychologie bearbeitet und verbessert werden.
Belastungen führen zu Beanspruchungen
Arbeiten in Organisationen ist mit spezifischen Belastungen verbunden, die auf die Individuen einwirken. Diese Belastungen führen zu körperlichen und mentalen Beanspruchungen der Individuen. Mit einer arbeitspsychologisch fundierten Gestaltung der Arbeit und der Arbeitsbedingungen in der Organisation kann versucht werden, die Arbeit an die für Menschen typischen Erlebens- und Verhaltensweisen anzupassen, um dadurch die Beanspruchung zu reduzieren. Produktivitätsnachteile müssen damit nicht verbunden sein. Mögliche Formen einer zufriedenstellenden Arbeitsgestaltung in konkreten Organisationen können unter Nutzung von Erkenntnissen der Arbeits- und Organisationspsychologie realisiert werden.
Zur Reduzierung unnötiger Beanspruchung tragen ferner die anforderungsgerechte Personalauswahl, die zeitgemäße Personalführung sowie die zielorientierte Weiterbildung der Organisationsangehörigen bei. Personalauswahl, Personalführung und Personalentwicklung können durch Erkenntnisse aus verschiedenen psychologischen Teilbereichen fundiert gestaltet werden.
Betriebsklima beeinflusst Individuen
Das Zusammenwirken der Menschen in einer Organisation führt zu einem bestimmten Betriebsklima. Das Betriebsklima stellt die Wahrnehmung und Bewertung der Organisationsgegebenheiten durch die Beschäftigten dar. Es ist abhängig von persönlichen Bedingungen wie den Erwartungen und der Wahrnehmungsfähigkeit sowie von betrieblichen Bedingungen wie der Führungspraxis, der Informationspraxis, den Beteiligungsmöglichkeiten, betrieblichen Leistungen, der betrieblichen Interessenvertretung und den praktizierten Umgangsformen. Ein gutes Betriebsklima begünstigt das Leistungsverhalten der Organisationsangehörigen, reduziert die Wahrscheinlichkeit eines Arbeitsplatzwechsels. Zudem können unnötige Fehlzeiten reduziert werden, weitere positive Einflüsse auf andere Situationen sind möglich. Betriebspsychologische Untersuchungen und Beratung zum Betriebsklima sowie darauf beruhende Entwicklungsvorschläge können sowohl die Zufriedenheit der Organisationsangehörigen als auch die Produktivität verbessern.
Kommunikation und Leistungsprozesse
Jeder planmäßige Leistungsprozess in einer Organisation erfordert in Abhängigkeit von dessen Art und Umfang Kommunikation wie Anweisungen und Aufträge, Zielvereinbarungen und Verträge, Rückfragen und Reklamationen. Hierzu ist ein wirksames organisationsspezifisches Kommunikationssystem aufzubauen und zu betreiben. Handelt es sich bei dem Leistungsprozess um eine Dienstleistung, ist im Vergleich zur Sachgüterproduktion in der Regel eine insgesamt umfangreichere Kommunikation mit Kunden erforderlich. Dies ist auf die besonderen Merkmale von Dienstleistungen zurückzuführen. Wegen der großen praktischen Bedeutung ist Kommunikation auch ein wesentlicher Untersuchungsgegenstand der wissenschaftlichen Psychologie. Soll der Erfolg von Kommunikationsprozessen gesteigert werden, kommt es darauf an, Kommunikationsstrukturen effektiver zu gestalten, praktizierte Kommunikationsformen zu verbessern und neue Kommunikationsformen zu nutzen. Hierzu können die wissenschaftlichen Kenntnisse aus den Hochschulen beitragen.
Praxisbasierte Aneignung psychologischer Kenntnisse
Bereits diese wenigen Beispiele signalisieren, dass berufsbezogene Informationen zu den einschlägigen Teilbereichen der Psychologie nützliche Wirkungen entfalten und daher als Inhalt beruflicher Bildung begründet werden können, ebenso wie Inhalte zur berufsbezogenen Soziologie. Allerdings sind für die praktische Anwendung Lehrbuchinformationen zur Sozialpsychologie sowie zur Wirtschaftspsychologie oder zur Arbeits- und Organisationspsychologie alleine nicht ausreichend. Die Basisinformationen und die fachlichen Strukturen aus den Teilgebieten der Psychologie müssen für eine erfolgreiche Seminargestaltung und die berufliche Nutzung durch lehrreiche Fallstudien, kleine Projekte oder andere Praxiserfahrungen ergänzt werden.
Literatur- und Quellenhinweise
- Gerrig, Richard; Zimbardo, Philip: Psychologie. 18. Aufl. Verlag Pearson Studium München u.a.O. 2008
- Mintken, Karl-Heinz: Kommunikation und Konfliktlösung. 3. Aufl. Verlag Monsenstein & Vannerdat Münster 2005
- Rosenstiel, Lutz von; Nerdinger, Friedemann: Grundlagen der Organisationspsychologie. 7. Aufl. Verlag Schäffer-Poeschel Stuttgart 2011
