Von Prof. Dr. Mintken

Aktualisiert: 2013-09-10

Das menschliche Zusammenleben sowie die Schaffung, Erhaltung und Veränderung sozialer Strukturen bilden den wesentlichen Inhalt der Soziologie als Wissenschaft von der Gesellschaft. Diese allgemeinen Themen betreffen die Lebensbedingungen aller Mitglieder der betrachteten Gesellschaft, ihre Institutionen wie Ehe und Familie sowie die privaten und öffentlichen Organisationen.

Fast alle Menschen einer Gesellschaft sind Angehörige einer Organisation oder werden von dem Handeln einer Organisation betroffen. Eine Organisation umfasst nach DIN EN ISO 9000 eine Gruppe von Personen und Einrichtungen mit einem Gefüge von Verantwortung, Befugnissen und Beziehungen. Die Organisationen wie Vereine, Dienststellen und Betriebe verfolgen Organisationsziele, dabei beachten sie die in der Gesellschaft bestehenden Regeln und Bedingungen. Mit ihren Zielen wenden sich die Organisationen an ihre Mitglieder, an bestimmte Gruppen oder an die gesamte Öffentlichkeit. Organisationen müssen daher die für sie bedeutsamen gesellschaftlichen Bedingungen sowie den Bedarf und die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe kennen. Es liegt folglich auch nahe, Grundinformationen zu den sozialen Strukturen der Gesellschaft und der Wirkungsweise von Organisationen sowie bestimmte spezielle Themen aus der Soziologie in die Fortbildung für Organisationsangehörige und in die Kataloge der Studien- und Ausbildungsinhalte aufzunehmen.

Soziologische Informationen zur Struktur der Gesellschaft

Grundlage des Zusammenlebens als Gesellschaft in einem Staat sind die in dem Staatsgebiet lebenden Menschen, die Bevölkerung. Informationen über Umfang, Struktur und Entwicklung der Bevölkerung liefert die amtliche Statistik. In Deutschland wurden 2011 rund 80,5 Millionen Menschen statistisch erfasst, davon rund 6,6 Mio. Ausländer. Ende 2009 lebte die Bevölkerung in gut 39 Mio. privaten Haushalten. Rund 39 % der Haushalte sind 1-Personen-Haushalte, die durchschnittliche Haushaltsgröße beträgt gut 2 Personen. Ende 2009 waren etwa 19 % der Bevölkerung jünger als 20 Jahre, etwa 21 % mindestens 65 Jahre alt. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist hoch. Sie betrug nach den Angaben des Statistischen Bundesamtes 2011 für einen Jungen bei der Geburt 78,4 Jahre und für ein Mädchen bei der Geburt 83,2 Jahre. Bevölkerungsvorausberechnungen weisen für die nächsten Jahrzehnte einen Rückgang der Bevölkerung bei einer Zunahme des Durchschnittsalters der gesamten Bevölkerung aus. Bereits diese Strukturdaten und der erkennbare demografische Wandel liefern ein erstes Bild von der Bevölkerung, das bei Bedarf verfeinert werden kann, so dass wirtschaftliche, private, soziale und politische Organisationen ihre Vorhaben insoweit bedarfs- und bedürfnisgerecht gestalten können.

Zur Beschreibung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Bevölkerung werden sozioökonomische Merkmale wie Bildung, Erwerbstätigkeit, Einkommen und Vermögen genutzt. Für alle Merkmale sind in Deutschland überwiegend hohe Werte in der Bevölkerung erkennbar, aber auch eine deutliche Streuung der Merkmalswerte. Neben diesen Merkmalen sind Struktur, Wandel und Funktion wichtiger sozialer Gruppen wie Ehe und Familie für die Mitglieder der Gesellschaft ebenso von Bedeutung wie auch Schulen, Betriebe, Vereine sowie die Siedlungsstruktur.

Der ausländische Bevölkerungsteil in Deutschland unterscheidet sich bei fast allen sozioökonomischen Merkmalen von der deutschen Bevölkerung. Defizite in der schulischen und beruflichen Qualifikation, fehlende Erwerbstätigkeit oder Arbeit in wenig angesehenen Berufen sowie niedriges Einkommen bei fehlendem Vermögen sind in der ausländischen Bevölkerung deutlich stärker verbreitet als in der deutschen Bevölkerung. Für diesbezügliche Veränderungen ist die Auswertung sozioökonomischer Merkmale zweckmäßig, denn diese erlaubt verbesserte wirtschaftliche, pädagogische, soziale oder politische Angebote an die jeweilige Zielgruppe.

Sozialisation als Chance

Um allen Individuen Chancen zu einer möglichst intensiven Beteiligung am Leben in der Gesellschaft zu eröffnen und zugleich die Stabilität und Funktionsfähigkeit der gesellschaftlichen Strukturen zu sichern, betreibt der Staat ein geeignetes Bildungswesen. Mit Qualifizierung und Erziehung wird absichtsvoll versucht, das Potential der zu betroffenen Menschen dauerhaft zu verbessern. Zugleich wirken durch die Beteiligung am gesellschaftlichen Leben je nach Alter und Lebensstil der Individuen mehrere andere Institutionen wie Familie, Gleichaltrige, Kirche, Medien, Vereine, Betriebe und verschiedene staatliche Dienststellen zumeist ohne spezifische Feinziele auf jeden Einzelnen ein. Beeinflusst werden können dadurch das Wissen, Werte und Normen, Moral, Anschauungen, Überzeugungen und Gewohnheiten, allerdings nicht in beliebigem Umfang.

Insgesamt wird auf diese Weise das Hineinwachsen eines Menschen in die Gesellschaft gefördert. Allen Individuen wird durch diese kontinuierliche Sozialisation die Chance gegeben, sich zu einem handlungsfähigen und handlungsbereiten Mitglied der Gesellschaft zu entwickeln. Dies betrifft auch den beruflichen Bereich. Die persönliche und berufliche Betroffenheit und Beteiligung von Individuen sowie der Aufbau und die Wirkungsweise berufstypischer Organisationen dienen folglich zur Begründung für die Aufnahme soziologischer Informationen in die Lehrpläne von Studien- und Ausbildungsgängen, ebenso wie Inhalte zur berufsbezogenen Psychologie. So können in Kursen und Seminaren Informationen verbreitet werden, um mit ihrer Hilfe sowohl die Möglichkeit zu bieten, die eigene Situation im Geflecht der Sozialisation besser zu verstehen und diesem Verständnis entsprechend zu handeln, als auch berufliches Handeln auf soziologische Gegebenheiten und Trends abzustimmen. Zudem können dadurch Impulse zur Verbesserung der Potentiale der bislang weniger erfolgreichen Mitglieder der Gesellschaft gegeben werden.

Literatur- und Quellenhinweise

Geißler, Rainer: Die Sozialstruktur Deutschlands. 7. Aufl. VS-Verlag Wiesbaden 2013

Statistisches Bundesamt: Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, Vorläufige Ergebnisse der Bevölkerungsfortschreibung auf Grundlage des Zensus 2011. Wiesbaden2013

Statistisches Bundesamt u.a. (Hrsg.): Datenreport 2011. Bonn 2011

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