Beschäftigung mit anderen Religionen – gefährlich oder notwendig?

Weltreligionen - Dieter Schütz / pixelio.de
Weltreligionen - Dieter Schütz / pixelio.de
Handelt es sich dabei um eine neue Offenheit oder besteht die Gefahr des Synkretismus? Die alte und neue Ganzheitlichkeit der Kirche.

Die Offenheit für andere Religionen und Kulturen kann durchaus positiv sein, weil sie den eigenen Horizont erweitern und am Ende sogar zu einem besseren Verständnis für die eigene Religion führen können. Zwischen den Religionen bestehen Gemeinsamkeiten und Unterschiede, jede Religion betont einen besonderen Aspekt des Spirituellen und ist sozusagen Spezialist für diesen Sektor. Die jeweils anderen können in dieser Beziehung sicher lernen.

Andererseits besteht natürlich sehr wohl die Gefahr des Synkretismus, wenn sich jemand aus jeder Religion und Kultur das herauspickt, was ihm/ihr zusagt und alles andere bleiben lässt. Damit geht auf jeden Fall die Ganzheit verloren, und das Ergebnis bleibt immer eine halbe Sache. Auch wenn das so entstehende Weltbild von allem etwas enthält, ein Ganzes ist es nicht, und damit auch keine Religion. Dadurch bleibt es ein subjektiver Ausschnitt zum Zweck der eigenen Bequemlichkeit, wenn alles Unbequeme ausgeblendet wird. Religionen sind nämlich vieles, aber nie bequem. Sie enthalten alle auch wichtige Aspekte, die dem Ego nicht besonders gefallen, und die bleiben dann natürlich unbeachtet.

Jede Religion hat verschiedenste Ausprägungen

Dazu kommt noch, dass Religionen für die unterschiedlichsten Menschen da sein müssen und daher einfache Menschen genauso wie Hochintellektuelle ansprechen, emotionale genauso wie rationale, Pragmatiker genauso wie Mystiker. Von der Volksreligion über trockene Theologie bis hin zur Mystik gibt es daher in allen Religionen verschiedene „Stufen“ und „Ebenen“. Es ist daher müßig, z.B. die volkstümliche Gläubigkeit auf Seiten des Christentums mit der magischen Pragmatik des tibetischen Buddhismus oder der Mystik der Sufis im Islam zu vergleichen. Andererseits ist die Intention des Zen-Buddhismus dem Christentum in gewisser Hinsicht näher als dem tibetischen Buddhismus. Weshalb vielen christlichen Mönchen erlaubt wurde, sich mit Zen zu beschäftigen.

Das Heil in und außerhalb der Kirche

Seit es Menschen gibt, gibt es wohl auch die Sehnsucht, die letzte Wirklichkeit zu ergründen. Darauf ist das 2. Vatikanische Konzil eingegangen und schätzt das Gute und Wahre, das außerhalb der Kirche findet. Aber schon Thomas von Aquin stellte fest, dass Jesus Christus nicht nur das Haupt der Kirche, sondern das Haupt aller Menschen sei. Er sagte sogar, dass Gott nicht an die Sakramente gebunden ist. (Summa theologiae, III.q.8,a.3. sowie 68 a.2.). Noch früher findet sich die Aussage des Hl. Augustinus, dass viele, die drinnen sind, draußen sind, und viele, die draußen sind, in Wirklichkeit drinnen sind.

Im Anschluss an diese Aussagen und an das Konzil betonte Papst Johannes Paul II. (in der Enzyklika Redemptoris missio, 28), der Hl. Geist sei als der Geist Jesus Christi überall, auch in den anderen Kulturen am Werk; er bewege die Herzen der Menschen zum Wahren und Guten hin. Allerdings betont Kardinal Kasper, dass damit kein Heilsrelativismus gemeint ist, sondern immer ist es das Heil durch und in Jesus Christus. Gemeint ist auch keine Allerlösung, sondern „ob ein konkreter Mensch das heil findet, entscheidet sich daran, ob er dem gnadenhaften Angebot Gottes, so wie er es in seiner Situation in seinem Gewissen vernimmt, tatsächlich folgt oder nicht folgt.“ (Kasper: Katholische Kirche, S. 178).

Mission: Lernen von anderen

Auch die Mission ist damit nicht aufgegeben, allerdings in einer völlig unerwarteten Sicht: Die Kirche sieht in den Religionen und Kulturen nicht nur Finsternis, sondern auch etwas von dem Licht leuchten, das Jesus Christus ist und das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt (Johannes1,9). Und das Alte Testament ist voll von den Verdunkelungen, von dem auch das auserwählte Volk nicht verschont blieb. Mission soll daher „alles anerkennen, was gut, wahr und edel ist; sie soll es aufgreifen und davon lernen, ihre eigene Botschaft tiefer zu verstehen“ (Kardinal Kasper). Mission ist also keine Einbahnstraße! Sie soll es aber auch reinigen und verwandeln, um die Menschen an der ganzen Fülle der Wahrheit teilhaben zu lassen. Ziel wäre das eine Volk Gottes, auf das alle Religionen mehr oder weniger hinweisen.

Die ganzheitliche Dimension: Einheit und Vielfalt

Kirche ist Vielfalt. Das Katholische hat eine ganzheitliche Dimension und ist nicht Ausdruck einer Konfession. „Katholisch“ ist nicht der Ist-Zustand, sondern eine dynamische Wirklichkeit. Für Kardinal Kasper ist klar, dass die Kirche immer unterwegs ist und dass sie immer hinter ihrer eigenen Vollendung zurückbleibt. Katholisch/ganzheitlich meint auch, dass Religiosität sich auf alle Dimensionen menschlichen Seins bezieht, und dass sie nur überzeugend gelebt wird, wo innerhalb der Einheit einer größtmöglichen Vielfalt Raum gegeben wird. Wer unvoreingenommen auf die Kirche zugeht und sich wirklich mit ihr beschäftigt, kann diese lebendige Vielfalt erleben. Auch wenn es – wie Kardinal Kasper durchaus bewusst ist – auch „ein pathologische Gestalt des Katholischen“ gibt, die bürokratisch alles reglementieren will und kultureller Vielfalt und charismatischer Freiheit keinen Raum gibt.

Pflicht, auf andere zuzugehen

Auch die Mission Jesus‘ hat sich langsam ausgeweitet. Sah er zunächst den Auftrag, die Schafe Israels zu sammeln, so hat er doch nie Staatsbürger gesucht, sondern Menschen und vor allem deren Glauben. Und starken Glauben hat er dann auch außerhalb Israels gefunden. Das heißt doch, so Bischof Helmut Krätzl, das Gute auch außerhalb der Kirche anzuerkennen und Allianzen zu schließen mit allen, die guten Willens sind. Da es ohnehin nicht offensichtlich ist, wer innerhalb und wer außerhalb der Kirche steht (siehe Augustinus), sollte es sogar Pflicht sein, sich mit anderen Religionen und Kulturen zu beschäftigen, um mit allen Menschen kommunizieren zu können.

Quellen:

  • Nostra Aetate. Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen
  • Helmut Krätzl: "...und suchen dein Angesicht. Gottesbilder – Kirchenbilder", DomVerlag 2010
  • Walter Kardinal Kasper: "Katholische Kirche. Wesen, Wirklichkeit, Sendung", Herder 2011

Bildnachweis: © Dieter Schütz / pixelio.de

Robert Harsieber, Robert Harsieber

Dr. Robert Harsieber - Vom Hauptberuf Fachjournalist (Wissenschaft, Wirtschaft, Medizin) betrieb ich einen kleinen Verlag (RHVerlag, spezialisiert auf ...

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