Bestandsaufnahme und Zukunftschancen des Hofgarten in Solingen

Turmhotel-Komplex v. Weyersberger Straße aus - Jörg Tilmes
Turmhotel-Komplex v. Weyersberger Straße aus - Jörg Tilmes
An der Stelle des Karstadt-Komplexes plant die Firma HLG Projektmanagement das Einkaufszentrum Hofgarten. Doch es bringt der Stadt Solingen keine Vorteile.

Nahezu vierzig Jahre lang waren das Kaufhaus Karstadt, das zu dessen Komplex gehörende Turmhotel sowie die Turmpassage – eine Untertunnelung der Kölner Straße mit zahlreichen Geschäften und gastronomischen Angeboten – Publikumsmagnet inmitten der City der Klingenstadt Solingen. Mit den Jahren verblasste der Glanz aber: Läden der Turmpassage wurden geschlossen, dann die Passage selbst. Als Karstadt den Standort zum 02. August 2008 aufgab, übernahm die Münsteraner Firma HLG die Immobilie mit dem Ziel, sie niederzureißen und dort ein neues Einkaufszentrum zu errichten. Doch bringt es, wenn es denn noch kommt, wirklich was?

Projekt Hofgarten Solingen: Die Ist-Situation in der City von Solingen

Nicht nur die Turmpassage musste in den letzten Jahrzehnten Federn lassen. Auch die wichtigste Einkaufsmeile der Stadt, die Hauptstraße, wandelte sich in den vergangenen Jahren von einer Flaniermeile mit teils alteingesessenen Modehandelshäusern wie Iserlohe und Appelrath & Küpper zu einer Ansammlung von Shops mit Ein-Euro-Artikeln und Handygeschäften. Die Warenhäuser Kaufhof und Peek & Cloppenburg präsentieren sich im Vergleich zu deren Dependancen im benachbaren Düsseldorf als lustlos geführt: Sanierungsbedarf, wohin der Besucher schaut. Die Clemens-Galerien am Mühlenhof sind nun einziges Highlight der City.

Da überrascht es nicht, dass Solinger ihr Einkaufserlebnis in den nahegelegenen Metropolen Düsseldorf und Köln suchen. Die Königsallee Düsseldorf bietet ein breiteres Angebot an Fachgeschäften, ohne teurer zu sein, was die Basics angeht. H&M gibt es auf der Kö wie auf der Solinger Hauptstraße, doch Düsseldorf bietet mehr Einkaufserlebnis, Freizeitwert und den Glanz der großen weiten Welt – und dies sogar kostenlos. In diesem Punkt hat das einst wegen seiner Vormachtstellung im Bereich der industriellen Messerfertigung als Klingenstadt bezeichnete Solingen nichts zu bieten. Daran ändert auch das Projekt Hofgarten nichts.

Projekt Hofgarten Solingen: Die Parteien dahinter und der Stand der Dinge

Es ist für einen Chronisten einfacher, auf die Münsteraner HLG Projektmanagement GmbH & Co. KG mit ihren Geschäftsführern Christian Diesen und Dirk Brockmann zu sprechen zu kommen, als etwas zum Stand der Dinge zum Hofgarten-Projekt zu schreiben. Der Baubeginn wurde mehrfach verschoben. Der Beginn der Abrissarbeiten wurde mehrfach angekündigt, aber nichts ist passiert. Die Genehmigungen liegen vor, aber es tut sich nichts. Aber mit der portugisischen Firma Sonae Sierra ist ein weiterer Partner in das Projekt eingestiegen. Beide Unternehmen haben langjährige Erfahrung im Bau und Betrieb von Einkaufszentren und gelten als seriös.

Sonae Sierra beispielsweise wurde in Deutschland mit dem 2007 eröffneten Alexa in Berlin bekannt. HLG gibt auf seiner Website 15 abgeschlossene Zentren als Erfolge in der Projektübersicht an und führt fünf weitere Projekte als abgeschlossen und drei als projektiert an. Der Hofgarten fehlt in dieser Auflistung, obwohl bereits seit 2008 Thema bei der HLG. Geschäftsführer Christian Diesen erklärte Ende Mai 2010 gegenüber der Rheinischen Post, dass man noch in Verhandlungen sei. Einen Zeitplan, wie es mit dem Abriss von Karstadt und dem Bau des Hofgartens mit seinen 70 Shops und 18.000 Quadratmetern weitergeht, könne keine der Beteiligten vorlegen.

Das Projekt Hofgarten ist scheinbar kein Opfer der Finanzkrise

In der lokalen Presse wurde immer wieder die Finanzkrise als Ursache für mögliche Schwierigkeiten bei der Finanzierung des 100 Millionen Euro teuren Projekts genannt, in dem 2.000 Quadratmeter für Gastronomie und Büros sowie 500 neue Arbeitsplätze zusammen mit den großen und kleinen Shops für 80 Millionen Euro Umsatz pro Jahr sorgen sollen. Investor HLG teilte kurz vor Weihnachten 2009 mit, dass noch im Dezember Verträge mit einer Großbank unterschrieben werden sollten. Auch die Auseinandersetzung um den Abbau und die Konservierung des denkmalgeschützten Hedderich-Pavillons vor dem Karstadt-Komplex wurde geregelt.

Es gibt Zweifel daran, dass das Projekt Hofgarten der Stadt Solingen etwas nütze

Somit scheint also alles klar, aber dennoch passierte nichts. Und selbst wenn: Was hat Solingen davon? Zum Ende Juli 2010 schlossen auch die alteingesessenen Fachgeschäfte M&S Mode und Raum & Form. Vor diesem Aussterben der Innenstadt schützt auch der Hofgarten nicht, denn selbst wenn Elektronikhändler Saturn und das Modehaus C&A ihre Stützpunkte in Richtung Hofgarten verlassen, vergrößert das nicht den Anreiz, in Solingen einzukaufen. Die Firmen gibt es ja schon; nur eine Antwort auf die Frage nicht, was dann aus den bisherigen Räumen dieser Einzelhändler wird. Und wenn ein paar neue Boutiquen im Hofgarten aufmachen – ein wenig gravierender Fortschritt.

Denn wie bereits oben erwähnt, wird durch die Eröffnung des Hofgartens weder der Erlebniswert des Einkaufens in Solingen gesteigert, noch kommt mehr Glanz in den Bereich um Graf-Wilhelm-Platz, Peter-Knecht-Straße und Neumarkt. Die ehemalige Hauptpost steht leer und schreckt Besucher ab; die Leerstände auf der Hauptstraße auch. Gefloppt ist auch die einst als innovativ bezeichnete City-Residenz am Stadteingang. Das Bachtor-Zentrum steht im Bereich der Ladenpassage fast leer; die ehemals wirklich vorbildhafte Turmpassage ließen die Stadtoberen sterben. Eine neue Ansammlung von Geschäften im Hofgarten-Projekt ist auch nichts besonderes.

Es gibt Ideen, die den Entwicklern des Hofgartens nicht gefallen dürften

Nach Ansicht eines ehemaligen Immobilienverkäufers sind die Stadtoberen Solingens nicht kreativ genug. Es fehle an Kraft, innovative Ideen zu entwickeln, die einen Erlebniswert schaffen, mit dem sich Solingen von Düsseldorf, Köln, Wuppertal und Remscheid abheben kann. In Remscheid gibt es eine ähnliche Situation in der City: Dort öffnet man versuchsweise die Fußgängerzone für den Autoverkehr, um zu testen, ob sich die Zone infolgedessen stärker belebt. Es gebe zahlreiche und wesentlich schlagkräftigere Ideen für Solingen; Ideen, die abrufbar seien, so der Fachmann. Aber der Abriss von Karstadt raube der City ein Wahrzeichen, mehr nicht.

Unverständnis für die Ideenlosigkeit der Stadtoberen

Er glaubt fest daran, dass der Hofgarten nur die Kassen der Macher und natürlich erfreulicherweise auch die der Handwerker füllen wird, sich aber nicht zum Magneten für Solingen entwickelt: „Der Flopp ist vorprogrammiert, weil das Drumherum nicht wirklich gründlich gestärkt wird.“ Sonae Sierra habe genug Erfahrung, um den Karstadt-Komplex zu erhalten und umzugestalten. Die bisher investierten 20 Millionen Euro wären nicht verloren. Aber ein Erhalt käme auch der Umwelt entgegen, der der umfangreiche Abriss dann erspart bliebe. Und die Maßnahmen, die nötig sind, um Solingen als Einkaufsstadt bundesweit interessanter zu machen, die ließen sich einkaufen, so der Fachmann aus Düsseldorf, der die Kurzsichtigkeit und Blauäugigkeit der Solinger Macher nicht versteht.

Klicken Sie hier zu einer Bildersammlung zu Karstadt-Komplex und Turmpassage

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