Doron Rabinovici und der jüdische Heimat-Roman "Andernorts"

Doron Rabinovici: Andernorts - Suhrkamp Verlag
Doron Rabinovici: Andernorts - Suhrkamp Verlag
Was bleibt vom deutschsprachigen Bücherjahrgang 2010? Die klügsten, witzigsten Romane des Deutschen Buchpreises. Beste Erzähler, z. B. Doron Rabinovici.

Schenken Sie sich auch immer zu Weihnachten und zum Geburtstag selbst ein schönes Buch – für alle Fälle, falls Ihnen Ihre Geschenke nicht gefallen oder Sie gar kein Buch bekommen sollten? Wenn die Tage kürzer, die kuscheligen Sofaabende häufiger werden, kurz: im Winterhalbjahr – dann schlägt die Stunde der Leseratten und Bücherfreunde. Endlich Zeit für gute Literatur! Unabhängig von den großartigen Juryentscheidungen und Literaturpreisvergaben fragen wir uns vielleicht ganz schlicht, welches neue Buch so witzig, unterhaltsam, klug und lesenswert ist, dass wir es keinesfalls verpassen sollten?

Die besten sechs Autoren des deutschsprachigen Bücher-Jahrgangs 2010

Die unter diesen Aspekten besten Bücher aus der Longlist des Deutschen Buchpreises 2010 wurden von folgenden sechs Autoren geschrieben: Alina Bronsky, Michael Köhlmeier, Mariana Leky, Kristof Magnusson, Olga Martynova – und Doron Rabinovici.

Der Roman "Andernorts" von Doron Rabinovici

Der Roman "Andernorts" von Doron Rabinovici schafft es locker auf die Alternativliste der witzigsten und unterhaltsamsten Titel aus der Auswahlliste des Deutschen Buchpreises. Dieser Roman, der in Wien und Tel Aviv spielt, gehört zu den sehr seltenen Texten, die eine Geschichte über die Folgen des Holocaust und das komplizierte deutsch-jüdische Verhältnis heutiger Tage auf unterhaltsame, intelligente und vor allem humorvolle Art erzählen.

Irene Dische und Leon deWinter

Doron Rabinovici gehört damit in die Liga von Irene Dische und Leon de Winter. Der Roman kann durchaus das Niveau des spannenden, aber eher düsteren Israel-Romans "Das Recht auf Rückkehr" des niederländischen Bestsellerautors Leon de Winter halten, hat aber den Witz und Schalk eher mit der Deutsch-Amerikanerin Irene Dische gemeinsam.

Ein israelischer Wiener Historiker

Doron Rabinoci wurde nicht im deutschsprachigen Raum geboren, sondern in Tel Aviv (Jahrgang 1961). Er wuchs in Wien auf, wo er bis heute arbeitet. Für seine Studie "Instanzen der Ohnmacht" über die erzwungene Kooperation von Juden mit dem NS-Regime erhielt der Historiker und Essayist den Jean-Améry-Preis. Er ist außerdem Träger des Clemens-Brentano-Preises. Sein Name sei die rumänische Schreibweise eines hebräischen Namens, erklärt er.

Schauplatz Tel Aviv

Der Roman "Andernorts" spielt in Israel und Wien. Rabinovici bettet das tragische Thema der Shoah in eine witzige jüdische Familiengeschichte ein, es geht um Familiengeheimnisse, Lügen, Erinnerung und Politik. Im Zentrum steht der Wiener Kulturwissenschaftler Ethan Rosen, der zu seinem sterbenden Vater nach Israel reist und dort allerhand Verblüffendes erlebt.

Familiengeheimnisse und andere Probleme

Zum Beispiel wird er mit der Begründung, das Erbgut Jesu in sich zu tragen, um eine Samenspende gebeten. Was will der merkwürdige Rabbiner Berkowitsch damit? Zum Dank soll Ethans Vater an eine Nierenspende kommen. Außerdem steht plötzlich ein vermeintlich leiblicher Bruder am Bett des Vaters, sein beruflicher Rivale Rudi Klausinger aus Wien. Ethan selbst "lebt vom Wechsel der Identitäten", gerade durch diese Eigenart gewinnt er aber eine wunderbare Frau für sich und verliert sie auch beinahe wieder. Er verspielt seinen guten Ruf als Wissenschaftler, und seine Karriere droht total zu scheitern.

Die jüdische Frage nach Heimat

Die ganze Geschichte durchzieht als roter Faden die Frage nach Heimat, Zugehörigkeit, Identität und Bindung – geistiger, sprachlicher, familiärer und geografischer Art. Ein wunderbarer Roman, spannend, intelligent, ironisch, gefühlsecht!

Doron Rabinovici: Andernorts. Suhrkamp Verlag 2010. Gebunden. 285 Seiten. 19,90 Euro

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

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