
- Jonas Jonasson "Der Hundertjährige..." - Carls Books Verlag
Der merkwürdige Titel „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" von Jonas Jonasson geistert inzwischen schon seit geraumer Zeit durch die Top 20 der Spiegel Bestseller. Sowohl Titel als auch Cover, welches das Porträt eines Elefanten ziert, das so gar nicht zu dem schwedischen Autorennamen passen will, erregen sofort die Aufmerksamkeit des Lesers. Nun, um es gleich vorweg zu nehmen: All jene, die ihrer Neugier nachgeben und den Roman lesen, werden nicht enttäuscht werden. Jonas Jonasson präsentiert eine äußerst ungewöhnliche Geschichte, die ebenso spannend wie unterhaltsam ist.
Beinahe ein Krimi
Allan Karlsson beschließt an seinem hundertsten Geburtstag aus dem Seniorenheim zu fliehen. Am Bahnhof seines Heimatstädtchens trifft er auf einen Mann, der ihn bittet, auf seinen Koffer aufzupassen, während er zur Toilette geht. Unglücklicherweise kommt der Bus, den Allan sich für seine weitere Flucht ausgewählt hat nur wenige Augenblicke später, sodass er kurzerhand beschließt, den Koffer mitzunehmen. Wie sich bald herausstellt, beinhaltet der Koffer 50 Millionen schwedische Kronen. Die kriminelle Organisation, der der junge Mann vom Bahnhof angehört, ist nicht bereit, diese leichtfertig aufzugeben. Sie nehmen die Verfolgung auf. Da ältere Herren nicht einfach so aus einer Seniorenanlage verschwinden sollten, ist auch die Polizei bald auf Allans Fährte. Kommissar Aronsberg ist schnell sicher, dass es sich bei dem Hundertjährigen um einen wahnwitzigen Kriminellen handelt.
Die Verfolgungsjagd um Allan Karlsson wird aus den Perspektiven des Fliehenden selbst, der kriminellen Vereinigung „Never Again" und der Polizei geschildert. Jonassons Roman könnte fast schon ein Kriminalroman sein, wenn nicht die Ausgestaltung des Figurenarsenals so ungewöhnlich wäre. Der Täter Karlsson ist ein höchst sympathischer Charakter, der sich mit nahezu allen Personen, die ihm begegnen sofort anfreundet und sie zu Komplizen macht. Ausnahme sind die Mitglieder von „Never Again", die sich allerdings als laienhafte Möchtegernganoven heraus stellen, die es nicht lange mit dem Alten und seinen Freunden aufnehmen können. Kommissar Aronsberg hat wenig gemein mit den Topermittlern anderer schwedischer Autoren. Er ist gefangen in den langsamen Mühlen der Beamtenbürokratie und kommt nur sehr langsam auf die Spur der Bande.
Das Jahrhundert des Allan Karlsson
Parallel zu den aktuellen Verwicklungen der Hauptfigur wird die Lebensgeschichte des Allan Karlsson erzählt. Wie zufällig ist er in zahlreiche weltpolitische Zusammenhänge involviert. Allan begann seine ungewöhnliche Karriere als Sprengstoffexperte in Schweden. Durch seinen Arbeitskollegen und besten Freund kommt er nach Spanien, wo er als Sprengmeister für die Kommunisten arbeitet. Dies ändert sich als Allan General Franco das Leben rettet. Von nun an bewegt sich der Schwede nahezu ununterbrochen in höchsten politischen Kreisen, ohne sich jedoch selbst im Geringsten für Politik zu interessieren.
Nach Franco freundet Allan sich als nächstes mit dem amerikanische Präsidenten Truman an, dem er geradezu en passant den entscheidenden Schlüssel zum Bau der Atombombe verrät. Später schickt dieser ihn nach China wo er für die Rebellen Brücken sprengen soll, um die Infrastruktur zu beschädigen. Da er die Gesellschaft allerdings allzu unsympathisch findet, befreit er lieber die Frau Maos aus den Händen der Aufständischen und flieht über den Himalaja. Doch nach Schweden kehrt er erst nach vielen Jahren, einer Gefangenschaft in Teheran und einem Treffen mit Churchill zurück. Er wird allerdings schnell wieder entführt, diesmal von den Russen, die nun ebenfalls eine Atombombe haben wollen. Auf ähnlich zufällige Weise trifft er im Laufe seines Lebens beinahe alle herausragenden politischen Entscheidungsträger, lernt den illegitimen (und strohdummen) Bruder Albert Einsteins kennen und arbeitet als CIA-Agent. Dass er es im Alter nicht ertragen kann untätig unter der Fuchtel einer strengen Oberschwester im Seniorenheim zu bleiben, versteht sich geradezu von selbst.
Ebenso intelligente wie witzige Unterhaltung
Jonas Jonasson macht in seinem Roman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" einen ausgedehnten Streifzug durch weltpolitische Zusammenhänge. Ähnlich wie Forest Gump, stolpert der Held in Situationen, deren Bedeutung er selber nicht nachvollziehen kann, die durch seinen Beitrag aber den Lauf der Geschichte maßgeblich prägen. Anders als der Autor von Forest Gump, der einen langatmigen und langweiligen Roman schuf, dessen Idee nur durch die filmische Umsetzung gerettet werden konnte, schafft es Jonasson jedoch die Neugier seines Lesers vom ersten Moment der Betrachtung des Buches zu fesseln und nicht mehr loszulassen. Er schreibt so leichtfüßig und mit so viel selbstironischem Witz, dass die Lektüre ausgesprochen kurzweilig wird.
Der Ideenreichtum, den Jonasson in sein Werk einfließen lässt, scheint eine unversiegbare Quelle zu sein. So kommt hin und wieder der Eindruck der Überfrachtung auf. Aus dem Stoff dieses Romans hätte er ebenso gut zwei schaffen können, ohne dass die Qualität des einzelnen darunter gelitten hätte. Die Rahmengeschichte wirkt als solche fast etwas zu üppig und wird zu einem gleichwertigen Erzählstrang. Doch der Unterhaltungswert der geschilderten Verwicklungen und die intelligente Art mit der Jonasson seine Charaktere ausschmückt, gleichen diesen kleinen Mangel mehr als aus. Die literarische Welt darf sehnsüchtig auf weitere Werke dieses schwedischen Debütanten hoffen, der sich so erfrischend von seinen nationalen Kollegen abhebt.
Jonasson, Jonas: Der Hunderjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand. Carl's Books; 978-3-570-58501-6; 416 Seiten; Klappenbroschur 14,99 Euro
