
- Camera Obscura im Wasserturm Broich - Britta Wülfing
"Weiß hier eigentlich jeder, was eine Camera Obscura ist?", eröffnet Museumsmitarbeiter Jörg Schmitz die Vorführung unter dem Dach des Wasserturms. Rund ein Dutzend Gäste hat sich an diesem regnerischen Sonntag in dem Museum eingefunden. Betretenes Schweigen, bis eine Frau schüchtern zugibt: "Na ja, so genau weiß ich das nicht...". Die Antwort überrascht Schmitz natürlich nicht, und so erklärt er amüsant und anschaulich, dass die Zuschauer ihn eigentlich spiegelverkehrt von der Decke baumelnd sehen müßten. So jedenfalls das grundlegende Funktionsprinzip des menschlichen Auges, und analog dazu die Funktionsweise der Camera Obscura.
Camera Obscura im Wassertank
In der Wortbedeutung eigentlich ein dunkler Raum, sei der Begriff tatsächlich nicht so eindeutig belegt, führt er aus, aber seit dem 18. Jahrhundert ein gebräuchlicher Begriff für eine Lochkamera. Folgend diesem Prinzip wurde 1992 in der Kuppel des Broicher Wasserturms nach einer Idee von Professor Wilhelm Nekes die größte begehbare Camera Obscura der Welt eingerichtet. Hierzu wurde in das Dach ein Periskop eingesetzt mit einem drehbaren Spiegelkopf. Der Spiegel kann gekippt und das Bild mit einem aufwendigen Objektiv Carl Zeiss aus Jena fokussiert werden. Die Turmkuppel bildet den lichtdichten Raum mit einer kleinen Öffnung, das eingefangene Licht wird auf einen runden Tisch mit 140 cm Durchmesser in der Mitte des Raums gespiegelt.
Akustische Effekte im Kuppelturm
Die Akustik im Dach des Wasserturms zeigt einen weiteren überraschenden physikalischen Effekt: Wegen der metallenen Kuppelkonstruktion des Wassertanks springt der Schall "wie ein Flummi", so Schmitz. Je nachdem, wo sich Sprecher und Zuhörer befinden, wird seine Stimme sehr laut oder nahezu unverständlich - "ein Effekt wie in den römischen Kirchen", wie der Kunsthistoriker erläutert.
Rundblick über Mülheim an der Ruhr
Bevor der Museumsmitarbeiter das Licht ausmacht, ruft er die Zuschauer zu sich an den runden, hell bespannten Tisch in der Mitte des Raums. Schnell heller werdend, erkennen die Besucher schnell die Stadtkulisse von Mülheim. Wirkt es auf den ersten Blick noch wie ein Foto, erscheinen bald erste Lichter von den Autos, die in den regennassen Straßen fahren. Ein Zoom auf eine Ampel und schon erscheinen die Fahrzeuge auf dem Bild zum Greifen nah. Und genau das versuchen die Kinder in der ersten Reihe: Am liebsten würden sie diese wie Spielzeugautos hin- und herschieben und in die Hand nehmen. Der Ausblick reicht vom Müga-Gelände bis zum Horizont und führt um die ganze Stadt Mülheim. Ein weiterer Zoom auf den Parkplatz vor dem Lokschuppen sorgt für überraschte Ausrufe: Das Pflaster ist zum Greifen nah, selbst einzelne Kieselsteinchen sind sichtbar.
"Wie Google Earth"
"Das ist ja wie bei Google Earth", so ein staunender Besucher. Jörg Schmitz kontert gelassen: "Nein, wir sind besser - wir sind in Lichtgeschwindigkeit". Der studierte Kunsthistoriker berichtet stolz, dass die Camera Obscura mit dem Museum zur Vorgeschichte des Films mit 22.000 Besuchern im Jahr das beliebteste in Mülheim an der Ruhr ist. Er sieht das Museum in einer Nische zwischen Film und Technik.
Museum zwischen Film und Technik
Im Jahr 2006 fand die Sammlung des Wuppertaler Filmemachers K. H. W. Steckeling ihren Platz in dem denkmalgeschützten Turm. In vier Stockwerken führen die Ausstellungsstücke unterhaltsam durch die Geschichte der laufenden Bilder. Vom Kaleidoskop über die Laterna Magica und Porzellanschattenbildern bis hin zum Daumenkino gibt es für große und kleine Besucher reichlich bewegtes Anschauungsmaterial und neue Perspektiven zu entdecken.
Ein tolles Erlebnis für Kinder und Erwachsene gleichermaßen gibt es immer Mittwoch bis Sonntag, 10:00 bis 18:00 Uhr. Der Eintritt kostet 3,50 Euro für Erwachsene, 2,50 Euro für Kinder, Schüler und Studenten.
