Rund ein Drittel der Bundesbürger haben laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens GfK schon einmal über Ihre Wohnsituation im Alter nachgedacht: 66 Prozent von ihnen möchten bis zum Lebensende in ihrer gewohnten Umgebung bleiben und 75 Prozent haben Angst, im Altenheim schlecht behandelt zu werden. Zahlen, die vermuten lassen, dass viele Menschen nach Alternativen zur Heimunterbringung suchen.
Und so finden sich unter den Senioren immer mehr Gleichgesinnte, die in Wohn- oder Hausgemeinschaften zusammenziehen, um später nicht zu vereinsamen, um sich gegenseitig unterstützen oder leichter Hilfe organisieren zu können.
Demenzkranke werden von ihren Angehörigen in Demenz-Wohngemeinschaften untergebracht und dort von den Fachkräften beauftragter Pflegedienste rund um die Uhr betreut und versorgt – in einer familiären Atmosphäre mit individuell gestalteter Tagesstruktur.
Auch betreutes Wohnen ziehen mittlerweile viele Senioren einem Umzug in ein Alten- oder Pflegeheim vor. Diesen Trend haben auch Senioreneinrichtungen erkannt: Viele investierten in Neu- und Umbauten und nehmen diese Wohnform in ihr Angebot auf.
Betreutes Wohnen mit Familienanschluss hat Tradition
Im Alter zu einer Familie zu ziehen, mit ihnen zu leben, sich von ihnen versorgen zu lassen, das ist eine noch wenig bekannte Form von betreutem Wohnen im Alter.
Dabei gibt es diese Betreuung mit Familienanschluss schon viele Jahre. Sie war bislang aber eher unter einem anderen Begriff bekannt, der Familienpflege nämlich. Und sie ist ursprünglich eigentlich auch für eine andere Zielgruppe gedacht: Vor allem erwachsene Menschen mit Behinderungen oder/und mit chronischen psychischen Beeinträchtigungen erhalten durch Familienpflege die Möglichkeit, außerhalb von stationären Einrichtungen ein möglichst normales Leben zu führen.
Für viele kann Familienpflege auch ein erster Schritt sein zurück in ein eigenständiges Leben. So lernen psychisch kranke Menschen nach akuten Phasen ihrer Erkrankung in der behüteten Umgebung langsam, wieder mit den Anforderungen des Alltags klarzukommen und schrittweise ins Leben zurückzufinden.
Eine besonders lange Tradition hat die Familienpflege in Bremen und Umgebung. Dort kümmern sich seit rund 250 Jahren Pflegefamilien um solche Gastpatienten auf Zeit. Für deren Betreuung, Wohnraum und Verpflegung erhalten sie entsprechende Aufwandsentschädigungen.
Senioren in Gastfamilien, das ist eine neue Entwicklung
Dass sich dieses Betreuungsprinzip aber auch für Senioren eignet, die nicht mehr in der Lage sind, sich ausreichend selbst zu versorgen, auf diesen Gedanken kommen immer mehr Anbieter von Familienhilfe oder auch Projekte und Initiativen engagierter Bürger wie beispielsweise der Netzwerkerverein in Niedereschach bei Rottweil.
Denn eine individuelle Betreuung, wie sie in einer Gastfamilie geleistet werden kann, birgt eine Menge Vorteile gegenüber einer Unterbringung in einer stationären Einrichtung. Solche Gastfamilien können ganz unterschiedliche Strukturen aufweisen: Oft sind es Familien mit Kindern, aber auch Ehepaare, Lebensgemeinschaften oder Einzelpersonen bieten ihre Hilfe und ihr Heim Senioren, die
- sich nicht mehr alleine versorgen können
- pflegebedürftig geworden sind
- eine Rund-um-die-Uhr-Betreung brauchen
- an einer gerontopsychatrischen Erkrankung leiden (z.B. Depression, Demenz)
Gastfamilien zeigen großes Verantwortungsbewusstsein
Wer sich für eine solche Aufgabe entscheidet, tut dies aus Überzeugung und trägt eine große Verantwortung für den sich ihm anvertrauenden Gast. Gastfamilien müssen deshalb ganz bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Neben einer psychischen Belastbarkeit und einer gefestigten Familienstruktur wird eine grundsätzliche Bereitschaft erwartet, sich auf die besonderen Bedürfnisse des Dauergastes einzustellen.
Die Familienmitglieder müssen alle mit dieser Situation einverstanden und außerdem bereit sein, nicht nur ihren Alltag mit dem neuen Familienmitglied zu teilen: Gemeinsame Mahlzeiten, Freizeitbeschäftigung, Hausarbeiten, Besorgungen usw. Auch zusätzliche Hilfen wie Fahrdienste zu Arztterminen oder Veranstaltungen, die Förderung oder Erhaltung von sozialen Kontakten, Unterstützung bei Wäschepflege, Zimmerreinigung oder Medikamenteneinnahme gehören dazu.
Mitarbeiter der jeweiligen Projektträger begleiten die Familien
Gastfamilien sollten auch in der Lage sein, Pflegeaufgaben zu übernehmen und bereit seit, eng mit den Organisatoren, gesetzlichen Betreuern, dem Medizinischen Dienst der Kassen (MDK), Pflegediensten, Ärzten und Therapeuten zusammenzuarbeiten.
Ein ganz entscheidendes Kriterium aber ist, dass die Familie über ein gesichertes Grundeinkommen verfügt, also nicht finanziell abhängig ist von der monatlichen Aufwandsentschädigung, die sie für die Betreuung erhält. Außerdem sollte für den Gastsenior ein Zimmer bereitstehen, das mit eigenen Möbeln eingerichtet werden kann.
Vor der Aufnahme prüfen Mitarbeiter des jeweiligen Projektträgers diese Voraussetzungen, vermitteln einen passenden Gast und begleiten die Vertragspartner (schriftlicher Vertrag) über den gesamten Zeitraum des Gastaufenthalts.
Geborgenheit in einer Familie, viel Abwechslung und ein lebendiges Zusammenleben – den Wunsch danach haben viele Senioren. Wer ihn sich erfüllen will, kann sich vor Ort informieren: In vielen Gemeinden gibt es schon solche Projekte oder Vereine.
