Betriebe ohne Betriebsrat

Merkmale von Unternehmen ohne Arbeitnehmervertretung

Betriebsrat - S. Hofschlaeger
Betriebsrat - S. Hofschlaeger
Es können ganz unterschiedliche Gründe dazu führen, dass ein Unternehmen keinen Betriebsrat hat. Häufig fehlen Betriebsräte aber gerade da, wo sie am nötigsten wären.

Welche Unternehmen haben keinen Betriebsrat? Soziologen der TU München sind dieser Frage nachgegangen und unterscheiden vier Unternehmens-Typen ohne Betriebsrat: etwa die Discounter-Filiale, in der die Geschäftsleitung die Gründung des dringend benötigten Betriebsrates möglichst verhindern möchte. Demgegenüber erfahren die Beschäftigten in einem erfolgreichen Industriebetrieb so viel Anerkennung, dass sie eine formale Vertretung in Form eines Betriebsrates kaum vermissen. Im jungen IT-Unternehmen ist der Interessengegensatz zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten hingegen noch nicht so aufgebrochen, dass ein Betriebsrat von den Beschäftigten gefordert wird.

Fehlender Betriebsrat bei Discountern

Ein Betriebsrat wird vor allem von den Beschäftigten von Discountern, Wachdiensten, Betrieben der Gebäudereinigung und dem Gastgewerbe vermisst. Somit existieren ausgerechnet in dem Bereich, in dem eine effektive Interessenvertretung besonders nötig wäre, nur in Ausnahmefällen Betriebsräte.

In der Regel wird das Fehlen eines Betriebsrates von den Arbeitgebern gewünscht. So ist bereits die Organisation des Betriebes darauf ausgerichtet, eine gemeinsame Interessenartikulation der Belegschaft zu behindern. Selbst bei Arbeitgebern wie Lidl oder Schlecker mit mehreren Tausend Beschäftigten zeichnen sich die Filialen durch eine kleinbetriebliche Sozialstruktur aus, in der jeder jeden kennt und Konflikte schnell zu persönlichen Auseinandersetzungen führen.

Besonders Teilzeitkräfte benötigen bei einer solchen Organisation ein gutes Verhältnis zu ihrem Chef, um ihre Arbeitszeit mit den Familieninteressen in Einklang zu bringen. Bei solchen Abhängigkeiten lässt man es lieber nicht auf einen Streit über Arbeitnehmerrechte und Betriebsräte ankommen.

Im Rahmen ihrer Untersuchungen haben die Soziologen der TU München, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt wurden, festgestellt, dass Mitarbeiter von ihren Vorgesetzten nicht selten sogar angeschrien, beleidigt oder mit einer Abmahnung bedroht werden. Nach den Erkenntnissen der Untersuchung gibt es nicht wenige Unternehmen, die mit legalen wie illegalen Mitteln versuchen, die Bildung eines Betriebsrates zu verhindern.

Betriebsräte in Familienunternehmen

Etwas besser sind die Bedingungen der Arbeitnehmer in patriarchalisch geführten Familienunternehmen ohne Betriebsrat, in denen die Gunst des Chefs häufig wichtiger ist als eine objektive Leistungsbewertung. Die Arbeitnehmer der untersuchten Unternehmen akzeptieren im Allgemeinen die speziellen Strukturen, solange sie glauben, das Beste für sich rauszuholen. Manchmal eröffnet die persönliche Gunst des Chefs auch ohne formale Qualifikation Aufstiegschancen, die in anderen Unternehmen nicht möglich wären.

Konflikte führen in diesem Klima leicht zu Kündigungen. Jede Form von Kritik wird von vorneherein stigmatisiert, so die Studie. Führungskräfte verstehen die Gründung von Betriebsräten als persönliche Beleidigung.

Betriebsrat in der New Economy

In der Computer-Branche sind Betriebsräte zurzeit noch dünn gesät. Das Management lehnt Interessenvertretungen in Form von Betriebsräten in der Regel ab. In einigen Software-Häusern geht das Management sogar davon aus, dass sie letztlich am besten weiß, was im Interesse der Mitarbeiter ist. Soweit es dem Unternehmen nützt, gewährt das Personalwesen den Beschäftigten weitgehende Autonomie.

Die Beschäftigten nehmen ihrerseits bereitwillig Phasen mit exzessiven Arbeitszeiten hin. Die Bereitschaft zu Gremienarbeit ist hingegen eher gering.

Betriebsräte in der hoch spezialisierten Industrie

Spezialisierte Industrieunternehmen, die eine Nische am Weltmarkt gefunden haben, stellen einen Sonderfall der Unternehmen ohne Betriebsrat dar. Die Unternehmen haben in der Regel kaum mehr als 100 Beschäftigte, überwiegend gut qualifizierte männliche Facharbeiter. Die Arbeitsverträge sind nicht tarifgebunden, lehnen sich aber durchaus an Tarifverträgen an. Auch die Beziehungen zwischen Management und Belegschaft orientiert sich an den Umgangsformen in mitbestimmten Unternehmen. Insgesamt agieren die beiden Seiten so, als ob es bereits einen Betriebsrat gebe.

Da Betriebsräte nach Auffassung der Arbeitgeber Abstimmungsprozesse verlängern, sprechen sie sich nicht für die Gründung eines Betriebsrates aus. Aber sie versuchen auch nicht, einen Betriebsrat mit allen (auch unerlaubten) Mitteln zu verhindern, sondern bieten den Beschäftigten stattdessen andere, informellere Formen der Interessenvertretung an.

Hier gibt es die vollständige Studie zum Betriebsrat als Download.

Michael Konetzny, Michael Konetzny

Michael Konetzny - Michael Konetzny, Porta Westfalica, ist seit etwa 20 Jahren vorwiegend in mittelständischen Unternehmen tätig und dort ...

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