Bewegung in Nordafrika verteuert Nahrungsmittelpreise

UNO als Nothilfe gegen knappe Lebensmittel - UN Photo/WFP
UNO als Nothilfe gegen knappe Lebensmittel - UN Photo/WFP
Die Revolten in arabischen Staaten bereiten schlaflose Nächte in Präsidentenpalästen, doch auch die Preisentwicklung für Lebensmittel erfordert Wachsamkeit.

Viele sorgen sich angesichts der Unruhewelle in Nordafrika um steigende Ölpreise, doch wirklich besorgniserregend sind die Auswirkungen auf die Preise für Lebensmittel. Diese haben nach Informationen der Nahrungs- und Landwirtschaftsbehörde (FAO) der Vereinten Nationen bereits ein sehr hohes Niveau erreicht.

Die FAO und Weltbank-Chef Robert Zoellick befürchten, dass die Preise weiterhin unverändert hoch bleiben oder sogar noch weiter ansteigen. Eine langfristige Lösung der Lebensmittelkrise kann nur durch Fortschritte in der Nahrungsgüterproduktion, der Lagerung und beim Transport in den Entwicklungsländern erreicht werden.

Teuerster Warenkorb für Lebensmittel seit 1990

Im Januar 2011 stiegen die monatlichen Preise für Lebensmittel zum siebten Mal in ununterbrochener Reihenfolge auf ein Rekordhoch. Nach dem jüngsten Nahrungsmittel-Preis-Index der FAO erreichte der Warenkorb zur monatlichen Feststellung der Preisentwicklung im Januar 231 Punkte und lag damit um 3,4 Prozent höher als im Dezember 2010. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Erhebungen durch die FAO im Jahre 1990. Diese Statistik verweist auch darauf, dass die Preise aller Warengruppen im Januar erheblich anstiegen, mit Ausnahme der Kosten für Fleisch, die unverändert blieben.

Die neuesten Zahlen zeigen deutlich, dass der weltweite Aufwärtstrend für Lebensmittelpreise nicht nachlässt. „Diese Tendenz hält mit hoher Wahrscheinlichkeit in den kommenden Monaten an”, sagt Abdolreza Abbassian, ein FAO-Ökonom und Getreidespezialist. Er verweist auch darauf, dass hohe Nahrungsgüterpreise besonders bedenklich für Niedriglohnländer mit einem Lebensmitteldefizit seien, die schnell Finanzierungsprobleme für Importe bekommen. Speziell die ärmeren Haushalte, die einen großen Teil ihres Einkommens für Lebensmittel aufwenden müssen, sind der Teuerungswelle hilflos ausgeliefert. Lebensmittel-Lieferungen der UNO können jedoch nur eine zeitweilige Nothilfe sein und nicht zum Dauerzustand werden.

Unruhen als Warnsignal für Nahrungsmittelkrise ernst nehmen

In diesem Zusammenhang müssen die Unruhen in den nordafrikanischen Ländern als Warnsignal für eine neue Nahrungsmittelkrise ernster genommen werden als bisher. Das Problem der Lebensmittelsicherheit steht wieder auf der Tagesordnung, und zwar in der Dimension von 2008, als schätzungsweise in 30 Ländern gewaltsame Ausschreitungen durch Nahrungsknappheit ausgelöst wurden.

Abbasian nennt aber auch den sofern einzigen Lichtblick, der aus einer Reihe von Ländern kommt, in denen gute Ernten die heimischen Preise für einige Güter im Vergleich zu Weltmarktpreisen niedrig hielten. Dem gegenüber stehen Missernten in verschiedenen Provinzen Chinas, die Getreidepreise in Größenordnungen weiter ansteigen lassen.

Rechtzeitig auf härtere Zeiten für Lebensmittelhandel einstellen

Bereits Ende 2010 machte die FAO darauf aufmerksam, dass der globale Gesamtumsatz für Nahrungsmittelimporte die Trillionen-Dollar-Grenze überschreiten würde, da die meisten Güter erheblich teurer als 2009 gehandelt wurden. Die Vereinten Nationen warnten schon zu dem Zeitpunkt die internationale Gemeinschaft, sich auf härtere Zeiten einzustellen, falls sich die Nahrungsgüterproduktion in 2011 nicht entscheidend erhöht.

Die UNO-Spezialorganisation hatte ihren Nahrungsmittel-Preis-Index umgestellt, um weitestgehend die Änderungen des Fleischpreis-Index widerzuspiegeln. Die rückwirkende Revision erbrachte neue Zahlen für alle Indizes, wobei jedoch die generellen seit 1990 gemessenen Trends unverändert blieben.

So betrug der durchschnittliche Wert für Getreidepreise im Januar 245 Punkte – ein Anstieg von drei Prozent gegenüber Dezember 2010 und der höchste Preis seit Juli 2008, der allerdings noch elf Prozent unter dem absoluten Hoch von April 2008 lag. Laut FAO wurde der Anstieg durch höhere internationale Kosten für Weizen und Mais bei geringerem Angebot verursacht. Gleichzeitig gäbe es eine leicht fallende Tendenz für Reis, da der Jahresbeginn zugleich die Erntezeit für wichtige Kulturen in den wesentlichen Exportländern ist.

Preise für die meisten Nahrungsgüter noch unter Rekordhoch

Beim Öl- und Fettpreis-Index war eine Steigerung um 5,6 Prozent auf 278 Punkte zu verzeichnen, die sich dem Rekordpreis vom Juni 2008 nähert. Dies ist besonders auf größere Nachfrage bei sinkendem Angebot an Ölsaaten zurückzuführen. Die Preise für Milchprodukte stiegen im Januar um über sechs Prozent gegenüber Dezember, liegen aber noch um 17 Prozent unter den Höchstwerten vom November 2007. Die FAO registriert eine starke globale Nachfrage nach Milchprodukten, der ein normaler saisonbedingter Rückgang in der Produktion der südlichen Hemisphäre gegenüber steht, so dass die Milchpreise weiterhin ein Steigerungspotential haben.

Auch der Preisindex für Zucker zeigt eine Steigerung um 5,4 Prozent auf 420 Punkte. Hier bleiben die Weltmarktpreise durch ein gespanntes Verhältnis von Angebot und Nachfrage ebenfalls weiterhin hoch. Im Gegensatz dazu stagnierte der Index für Fleisch, da die durch den Futtermittelskandal rückläufigen Preise in Europa durch leicht erhöhte Preise für Exporte aus Brasilien oder den USA kompensiert wurden.

Kandidat für FAO-Chefposten: Spekulanten das Handwerk legen

“Gesetze und Regulierungen sind erforderlich, um internationale Spekulationen mit Nahrungsgütern einzudämmen”, sagte der österreichische Kandidat für den Top-FAO Posten, Franz Fischler, gegenüber der Zeitung “Kurier” und verweist damit auf eine weitere Ursache steigender Lebensmittelpreise. Er hält wie in 2008 eine Blase für Rohstoffe an den Finanzmärkten für möglich. Wenn diese platzt, würden die Preise in den Keller fallen, wobei nach Fischlers Meinung die Verbraucherpreise auf lange Sicht jedoch weiter eine leicht ansteigende Tendenz hätten.

Bereits Anfang Februar 2011 hatten Politiker während eines Weltrohstoff-Forums der UNO-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) gefordert, schnellstens Schritte einzuleiten, um die Preise für Grundnahrungsmittel, Erdöl und Industrierohstoffe zu reduzieren, deren Sprunghaftigkeit die ärmsten Bevölkerungsschichten besonders hart treffe.

Der Autor an der UNO-Mission in Sierra Leone, Foto: UNIOSIL

Christian Holger Strohmann - Mehr als 20 Jahre lang habe ich für die Vereinten Nationen (United Nations Organisation - UNO) auf allen Kontinenten als Journalist, ...

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