Kinder und Jugendliche bewegen sich zu wenig, sie haben zunehmend motorische Defizite, sie schneiden bei Gleichgewicht, Sprungkraft oder Feinmotorik schlechter ab als frühere Generationen. Dieser These begegnet man immer wieder, ob im Alltag oder in den Medien. Meist beruht sie auf den Beobachtungen von Pädagogen oder Ärzten. Wissenschaftlich zu belegen war sie bisher nur schwer, ganz einfach deshalb, weil die geeignete Datenbasis aus vergangenen Jahrzehnten fehlte.
Gesundheitszustand der Null-bis 17-Jährigen untersucht
Das ist in Zukunft anders: Die bundesweite Studie 'Kinder- und Jugendgesundheitssurvey', kurz KiGGS, durchgeführt von Mai 2003 bis Mai 2006 vom Robert-Koch-Institut, untersucht den Gesundheitszustand der Null- bis 17-Jährigen in Deutschland. Themenfelder waren unter anderem die allgemeine körperliche Verfassung, chronische Krankheiten, Allergien, Ernährung, Essverhalten, Gewicht, psychische Gesundheit, Impfungen, Mundhygiene – und eben auch Bewegung: Dieser Bereich wurde im Rahmen des MotorikModuls MoMo unter die Lupe genommen. 4529 Kinder im ganzen Bundesgebiet haben ihre motorische Leistungsfähigkeit testen und sich befragen lassen.
Mehr als 4000 Kinder zu Bewegungsverhalten befragt
Die Testkinder gaben zum einen Auskunft über Dauer und Intensität ihrer körperlichen Aktivitäten, zum anderen führten sie verschiedene, standardisierte Übungen aus. Sie sollten zum Beispiel eine Minute lang auf einem drei Zentimeter breiten Vierkantholz stehen, was 86 Prozent von ihnen nicht gelang. 35 Prozent der Getesteten konnten auf derselben Vorrichtung keine zwei Schritte rückwärts balancieren, 43 Prozent erreichten bei einer Rumpfbeuge nicht mit den Fingerspitzen den Fußboden.
Motorische Leistung um gut zehn Prozent verschlechtert
Ob diese Werte dramatisch sind, ist für Laien schwer einzustufen. Und an systematischen Erhebungen aus der Vergangenheit fehlt es ja gerade. Professor Dr. Klaus Bös, Leiter des Institutes für Sport und Sportwissenschaft an der Universität Karlsruhe, hat aber im Jahr 2003 insgesamt 54 Studien von 43 Autoren ausgewertet. Er kommt zu dem Schluss, dass "die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen in den vergangenen 25 Jahren um durchschnittlich mehr als zehn Prozent abgenommen hat". Das gelte besonders für Laufausdauer und Beweglichkeit. Bei einer einzigen Übung im Rahmen des MotorikModuls, dem Standweitsprung, lagen Vergleichswerte aus dem Jahr 1976 vor. Die Ergebnisse belegen den von Bös festgestellten Abwärtstrend: So sprangen Kinder vor 30 Jahren im Durchschnitt um 14 Prozent weiter als heute.
Stadtkinder motorisch benachteiligt
Verwunderlich ist der Leistungsrückgang nicht. Das Umfeld der meisten Kinder weist heute weniger Anreize zum Bewegen und Draußenspielen auf als vor einigen Jahrzehnten. Bäume zum Klettern, Mauern zum Balancieren, Hügel zum Runterkullern und wilde Ecken zum Verstecken sind selten geworden. Die Straßenkindheit früherer Generationen ist weitgehend verschwunden. Stattdessen bietet das häusliche Umfeld eine Menge verlockender Beschäftigungen, bei denen allenfalls die Finger in Bewegung sind: Fernsehen, Computer, Gameboy oder Handy üben eine Anziehungskraft aus, der sich auch Erwachsene nicht entziehen können. Übrigens gibt es Hinweise darauf, dass Landkinder körperlich ähnlich fit sind wie in früheren Jahren, während bei den jungen Stadtbewohnern die motorischen Auffälligkeiten zunehmen.
Datenbasis für weitere Studien
Mit den MoMo-Daten liegen nun Referenzwerte für zukünftige Untersuchungen vor. Verknüpft mit den anderen Bereichen, die die KiGGS untersuchte, kann man auch nach Zusammenhängen zwischen Sportaktivitäten und Gesundheit suchen. Und man kann gezielt Bewegungsförderprogramme für Kindergärten, Schulen, Vereine entwickeln. Denn die sind auf jeden Fall notwenig, ganz unabhängig von der Leistungsentwicklung über die Generationen hinweg.
Täglich 60 Mintuen Bewegung
Die 'Activity Guidelines' (Bewegungs-Richtwerte) der Weltgesundheitsorganisation gehen davon aus, dass Kinder mindestens 60Minuten am Tag körperlich aktiv sein sollen. Gemeint ist damit nicht der Schulweg in gemütlichem Tempo, sondern Aktivitäten, die auch mal ins Schnaufen und Schwitzen bringen: flottes Radfahren, Federballspielen, eine Treppe hoch rennen. Die geforderte Bewegungszeit erreicht nach den Ergebnissen von KiGGS weniger als ein Drittel der Kinder in Deutschland; der Durchschnittswert beträgt 50 Minuten am Tag. Wehgeschrei wird allerdings niemandem weiterhelfen: Gefragt sind bewegungsfreundlichere Städte und Schulen, gefragt sind auch erwachsene Vorbilder, die vormachen, dass man viele Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen kann.
