
- Vatikanische Gärten - Sigrid Eckold
In Fichtes Religionslehre bilden fünf Ansichtsweisen der Welt die verschiedenen Entwicklungsgrade inneren geistigen Lebens für das Individuum. Sie sind ein Vermögen des Menschen, die Welt zu nehmen. Sie entstehen nicht in der Zeit, sondern sie existieren in "aller Ewigkeit in der Einheit des göttlichen Daseins". Der Mensch kann sie nicht erfinden, nur finden. Einige Begünstigte befinden sich gleich zu Beginn ihres Lebens in einem höheren Standpunkt: Dichter und Weise beispielsweise können dazu gezählt werden. Die weniger glücklichen aber müssen sich durch die Standpunkte hindurch- oder hoch-arbeiten. Im Gegensatz zu denjenigen, die durch Ansteckung in die niedrigste Ansicht verwurzelt sind und nicht dazu zu bringen sind "ihr Auge auch nur einen Augenblick über den Boden zu erheben", sind diese in der Lage, mit der Wahl ihrer Betrachtungsweise der Welt den Weg in die geistige Freiheit zu wählen.
Die erste Ansicht der Welt
Die erste Weise, die Welt zu betrachten, ist, das für da seiend zu halten, was in die „äußeren Sinne" fällt: dieser empirische Ansatz wird jedoch von Fichte negiert und auf die "erste, niedrigste, oberflächlichste und verworrenste" Ebene gestellt. Denn diese Art, die Welt zu beurteilen, impliziert, dass sinnliche Wahrnehmungen getrennt vom Bewusstsein und an sich möglich sind. Fichte ordnet jedoch das Denken dieser niederen Ausprägung dem eigentlichen, damit höheren Denken unter, das sich, ohne sich auf die „äußeren Sinne zu beziehen, rein geistige Objekte aus eigener Kraft erschafft".
Das eigentliche und wahre Sein zu denken, das aus sich selbst, durch sich selbst existiert, erfordert ein Denken, das sich nicht allein auf die Sinneswahrnehmung verlässt - das ist es, worum es Fichte geht. Das ist der Grund, warum ein empirischer Ansatz von ihm abgelehnt wird : denn das absolute Sein ist nicht zu erreichen, solange man sich vom Werdenden nicht erheben kann. Fichtes Seinserklärung und Kosmogonie ist somit das absolute Sein, das es nur im Denken, nicht im Wahrnehmen geben kann: "... die substantielle Form des wahrhaftigen Lebens, ist der Gedanke.-....Im Geiste, in der in sich selber gegründeten Lebendigkeit des Gedankens, ruhet das Leben, denn es ist außer dem Geiste gar nichts wahrhaftig da."
Die zweite Ansicht der Welt
Die zweite Ansicht ist, die Welt zu sehen als ein Gesetz der Ordnung und des gleichen Rechts, das in einem System vernünftiger Wesen herrscht. Für diese Weltansicht existiert in erster Linie das Gesetz, das im Anschluss Freiheit und freie Wesen erschafft, weil ein Gesetz der Freiheit dies notwendig bewirken muss. Die Sinnenwelt ist in diesem Konzept nur die Sphäre, in der die Menschen scheinbar frei handeln können. Diese Weise die Welt zu erklären, kann zwar eine Rechtslehre und eine Sittenlehre begründen, aber nicht der höchste - und im Fichteschen Sinne damit der Wahrheit am nächsten kommende - Standpunkt sein.
Die dritte Ansicht der Welt
Der Standpunkt der wahren und höheren Sittlichkeit ist die dritte Ansicht der Welt. Im Gegensatz zum zweiten Standpunkt erschafft dieser das Gesetz, ordnet nicht nur ein bereits vorhandenes. Während jenes nur negativ ist, weil es nur den Widerstreit zwischen den verschiedenen freien Kräften aufhebt, damit nur die Form der Idee darstellt, ist die dritte Ansicht der Welt die qualitative und reale Idee selber. Das wirklich Reale und Selbständige ist ihr das Heilige, Gute und Schöne: daraus abgeleitet werden: die Menschheit, das ordnende Gesetz in derselben, die Sinnenwelt als Sphäre für die innere und „äußere Moralität". Auf dieser Ebene finden wir die Kultur, die Kunst, alles Gute und Achtungswürdige.
Die vierte Ansicht der Welt
Die vierte Ansicht der Welt entspringt dem Standpunkt der Religion: Gott allein ist, außer ihm existiert nichts. Der Begriff "Gott", von Fichte als leerer Begriff bezeichnet, da er über das innere Wesen Gottes keinen Aufschluss gibt, repräsentiert für ihn den Anfang aller Dinge schlechthin. Das aus dem Göttlichen entstandene Leben findet seinen Ursprung in der Betrachtung dieses Göttlichen, das in jedem einzelnen existent ist. Diese Beurteilung der Welt aus dem Standpunkt der Religion führt nach Fichtes Ansicht zur klaren Erkenntnis.
Die fünfte Ansicht der Welt
Die fünfte Ansichtsweise der Welt aus dem Standpunkt der Wissenschaft geht über die Einsicht hinaus, dass nicht nur alles Mannigfaltige im Absoluten gründet - wie dies bereits der Standpunkt der Religion tat -, sondern ermöglicht ein Erkennen der Art und Weise dieses Zusammenhangs. Sie analysiert und erreicht Verstehen und damit Wissen. Ohne die Kenntnis der Zusammenhänge von Welt und Leben bleibt - auf der Stufe der Religion - nur der unerschütterliche Glaube. Die Wissenschaft jedoch hat die Möglichkeit, die Grenzen der Intuition zu überschreiten und Wahrheiten so zu benennen, dass sie von anderen - wenn auch nicht von allen - nachvollzogen werden können.
Wahres Bewusstsein und Sein
Der Weg zurück zum wahren Sein führt aber über den dritten Gesichtspunkt - den der höheren Moralität – der praktisch und zu einem Handeln treibend ist. Die Vollendung des Menschen wird durch praktizierte Sittlichkeit im Einklang mit dem Wissen um die Teilhabe am göttlichen Sein erreicht. Welche Ansichtsweise der Welt auch immer vom Einzelnen gewählt wird, wichtig ist, so betont Fichte, einen festen Blick zu entwickeln und sich für einen Standpunkt zu entscheiden; selbst wenn dieser der niedrigste sein sollte, sei dies besser als einen sich ständig verändernden Blickpunkt einzunehmen
Spricht Fichte in der "Bestimmung des Menschen" noch von einem individuellen Sein, das unveränderlich und fest für alle Ewigkeit ist, "denn dieses Sein ist kein von außen angenommenes, es ist mein eigenes, einiges wahres Sein und Wesen", so nimmt die Individualität in der Anweisung bereits einen anderen Stellenwert ein: "So lange nun aber irgend ein Ich noch in irgend einem Punkte der Freiheit steht, hat es noch ein eigenes Sein, welches ein einseitiges und mangelhaftes Dasein des göttlichen Daseins, mithin eigentlich eine Negation des Seins ist..." Die "Iche", sprich Individuen, die nach Glückseligkeitsweisen zu gestalten versuchen, sollen sich selbst als eben diese Negation des wahren Seins vernichten.
"Diese Selbstvernichtung ist der Eintritt in das höhere, dem niedern, durch das Dasein eines selbsbestimmten Leben durchaus entgegengesetzte Leben;" Die Selbstaufgabe des Individuums wird dann erreicht aus dem Standpunkte der dritten Weltansicht - der reinen und höheren Moralität: der Mensch hört auf, noch irgendetwas selbst sein zu wollen. Er ist sich nur noch Mittel für den Zweck, der Wille Gottes zu sein.
Quelle: Johann Gottlieb Fichte "Die Anweisung zum seligen Leben"
