
- Garratt-Lokomotiven fuhren durch ganz Afrika - Beyer-Peacock Company
Im Jahre 1907 betrat William Herbert Garratt die Geschäftsräume der Beyer-Peacock Ltd. in Gorton bei Manchester. Der junge Mann hatte seine Sporen bei der Eisenbahn von New South Wales (Australien) verdient und war als Qualitätsinspektor nach London geschickt worden – denn wie so viele Eisenbahnen des Empires bezog auch diese australische Gesellschaft ihr Material noch immer aus England.
Garratts Gelenklokomotiven: Wie die Eisenbahn die Kurve bekam
Die Eisenbahnen der britischen Kolonien standen vor dem Problem, ungewohnt lange Strecken mit großer Geschwindigkeit überwinden zu müssen. Da mehrmaliges „Nachladen“ unwirtschaftlich und mangels Brennstoff oftmals auch unmöglich war, mussten die Maschinen riesige Vorräte an Kohle und Wasser mit sich führen. Doch allzu groß und allzu schwer durften die Maschinen nicht werden – erstens hätten das auf Dauer weder die Schienen noch ihr Gleisbett ausgehalten, zweitens wäre ein solches Vehikel kaum um die engen Kurven gekommen, die in gebirgigen Gegenden (Südafrika, Neuseeland etc.) genommen werden mussten.
Herbert Garratt hatte die rettende Idee: Er schuf die Gelenk-Lokomotive aus drei Teilen, deren Mittelteil (Führerhaus und Dampfkessel) selbst keine eigenen Räder besaß und so durch enge Kurven „schweben“ konnte. Hinter dieser „Lok ohne Räder“ rollte der Kohle-Tender auf diversen Achsen, vorn tat der Wassertank dasselbe – und die Lok war mit Drehzapfen auf beiden Waggons verankert, ähnlich wie ein moderner Reisezugwagen auf zwei Drehgestellen ruht.
Dieses System erlaubte es sogar, extrem lange Loks mit jeweils mehr Achsen zu bauen: Längere Kessel brachten mehr Leistung, größere Tanks fassten mehr Vorräte, mehr Achsen verringerten das Gewicht pro Achse und verhinderten Schienenbrüche. Die Chefs von Beyer Peacock waren begeistert und stellten Herbert Garratt als Konstrukteur ein. Denn Beyer Peacock waren bekannt dafür, das Ungewagte zu wagen.
Charles Frederick Beyer: Deutscher Ingenieur im englischen Maschinenbau
Karl Friedrich Beyer war ein Weber aus Plauen im Königreich Sachsen, der am Polytechnikum in Dresden zum Ingenieur ausgebildet worden war und 1834 von seinem König nach Manchester geschickt worden war, um die englische Textilindustrie in Augenschein zu nehmen: Sachsen war eine Textilhochburg und wollte vom teuren Handwerk auf günstige „Industrie“ umstellen, um im Wettbewerb nicht ruiniert zu werden.
Fasziniert von der englischen Industrie, kam Beyer bald nach England zurück und arbeitete in einer Maschinenbaufabrik, die sich auf Textilmaschinen (Drehspindeln, Webstühle) spezialisiert hatte, sehr bald aber ein neues Geschäft witterte – Dampflokomotiven für das neue Verkehrsmittel Eisenbahn. „Charles Frederick“ (wie er sich nun nannte) Beyer konstruierte robuste und leistungsstarke Maschinen, die auf dem Kontinent sehr begehrt waren – die Eisenbahn von Sachsen etwa bestellte vorrangig bei „Sharp & Co.“.
1953 tat sich Beyer mit Richard Peacock zusammen, einem bekannten Ingenieur aus Leeds, der sich in Yorkshire und Lancashire einen Namen als Qualitätsinspektor gemacht hatte. Gemeinsam hoben sie „Beyer & Peacock“ aus der Taufe und errichteten eine Fabrik, „Gorton Foundry“, in Gorton östlich von Manchester. Dieses Werk entstand vis-a-vis zum Betriebswerk der „Manchester, Sheffield & Lincolnshire Railway“, mit der es anfangs oft verwechselt wurde.
Die erste Londoner U-Bahn kam aus Gorton
In den 1860er Jahren wurde in London, damals größte Stadt der Welt mit einem für damalige Verhältnisse chaotischen Verkehrsaufkommen, eine innerstädtische Eisenbahn gebaut – unter der Erde. Die „Metropolitan Railway“ benötigte für die erste U-Bahn der Welt spezielle Lokomotiven: Ihr Dampf sollte nicht in die Tunnels und Bahnhöfe entweichen, sondern zu neuem Wasser kondensiert werden. Diese U-Bahn-Lokomotiven für „London Underground“ waren der erste echte Großauftrag für Beyer und Peacock. Die letzten Dampf-U-Bahnen wurden 1885 nach London geliefert. Ihnen folgten einige Elektro-Lokomotiven.
1872 starb Charles Beyer, 1889 folgte ihm Richard Peacock. Das Werk wurde in eine „Limited Company“ umgewandelt. Gorton war unterdessen zu einer prosperierenden Industrie-Kleinstadt avanciert. 1887 wurde in der lokalen Markusgemeinde eine Sportgruppe „Gorton St Marks“ gegründet, heute besser bekannt als Manchester City. Doch weltberühmt wurde die Firma erst mit dem Auftritt von Herbert Garratt.
„Schwangere Tausendfüßler“ erobern die Welt
Die ersten Garratt-Gelenklokomotiven müssen für damalige Zeitgenossen unmöglich ausgesehen haben. An spöttischen Kommentaren (die Legende berichtet, die erste nach Südafrika gelieferte Garratt sei in der Presse als „schwangerer Tausendfüßler“ verrissen worden) fehlte es nicht, zumal den ersten Modellen jede ästhetische Gestaltung fehlte. Doch mit der Zeit überzeugte das Konzept immer mehr Eisenbahnen, Garratt baute größere, schnellere und optisch gefälligere Lokomotiven.
Insgesamt wurden über 1700 „Garratts“ gebaut, davon allein tausend von „Beyer-Peacock Co.“ in Manchester. Sie beherrschten die Bahnlinien in Süd- und Ostafrika, Australien, Neuseeland und Indien. Viele von ihnen sind bis heute als Museumsstück erhalten geblieben.
Beyer-Peacock Ltd. gehörten ab 1920 auch zu den ersten Eisenbahnfirmen, die sich an den Bau von Dieselloks wagten, aber damit reüssierte sie ebenso wenig wie mit ihren E-Loks. Das Ende der Dampfloks war das Ende von Beyer-Peacock Co. 1966 wurde das Werk geschlossen.
Foto: © Beyer-Peacock Company
