Der deutsche Bibelforscher und evangelische Theologe mit fundamental-konservativem Glaubensbild Constantin Tischendorf, ein Sachse, der später vom russischen Zaren in den Adelsststand erhoben wurde, entdeckte im 19. Jahrhundert im Katharinenkloster auf dem Sinai einen der bedeutendsten Urtexte der Bibel schlechthin: Den heute unter dem Namen „Codex Sinaiticus“ berühmt gewordenen Text, der auf einzelnen Pergamentblättern in der Klosterbibliothek schlummerte. Ein lange nicht erkannter oder entdeckter Schatz. Tischendorf hat mit seinem Fund eine Entdeckung gemacht, welche ihn in eine Reihe mit Heinrich Schliemann, dem Entdecker Trojas, oder Howard Carter, dem Entdecker des Grabes des Pharaonen Tutanchamun stellen. Sie waren für die Entdeckung der Geschichte das, was Christoph Kolumbus für die Entdeckung Amerikas war.
Glaubenseifrig und entdeckungsbesessen
Mit seinem Buch „Der Bibeljäger“ hebt der Autor Jürgen Gottschlich die abenteuerliche Suche nach der Urfassung des Neuen Testaments aus der Versenkung und erinnert zugleich kritisch-hinterfragend an glaubenseifrigen und entdeckungsbesessenen Constantin von Tischendorf. Das durch den Titel geweckte, erwartungsvolle Interesse an diesem Buch wurde nicht enttäuscht: Aus der eher gelegentlichen Lektüre würde ein geradezu sehnsüchtiges Entdecken von der ersten bis zur letzten Seite.
Licht und Schatten um das Katharinenkloster
Dabei werden Licht und Schatten der Person des Entdeckers vom Autor genauso klar und sachlich dargestellt, wie die Faszination des 1500 Jahre alten Katharinenklosters, das bekanntlich ja auch den Dornbusch des Moses beherbergt. Wer seine Mauern einmal durchschritt, wird dieses Erlebnis nie vergessen.
Pergament aus 300 Tierhäuten
Der Codex entstand um das Jahr 350 und wurde auf die zu Pergament verarbeiteten Häute von rund 300 Schafen oder Kälbern geschrieben. In einer Schreibstube oder einem Skriptorium, das professionell und sorgfältig arbeitete, weshalb die Arbeit wohl von einem antiken Bill Gates – oder vielleicht sogar auch Kaiser Konstantin selbst – in Auftrag gegeben worden sein muss. Der Wert des Codex entsprach bereits im Zeitpunkt seiner Entstehung dem Preis einer wohl ausgestatteten Villa.
Ägypten, das osmanische Reich und die Europäer
Detailliert beschreibt Jürgen Gottschlich die Situation im Ägypten der damaligen Zeit, das formell noch zum osmanischen Reich, der heutigen Türkei, gehörte. Und natürlich auch die Einflussversuche, welche Briten, Franzosen und Russen auf die dortige Politik unternahmen. Es war die Zeit des Kolonialismus, woran es nichts zu beschönigen gibt. Tischendorf, der sich zur „Evangelischen Allianz“ zählte, spielte die russisch-orthodoxe Karte und hatte damit Erfolg. Das Wort des „Selbstberrschers aller Russen“ war der Schlüssel zum Erfolg. Auf sein Wohlwollen und seinen Schutz konnte und wollte das Katharinenkloster nicht verzichten.
Tischendorf spielte die Orgel der Politik
Letztendlich hat Bibeljäger Constantin von Tischendorf für sein Lebenswerk, das er aus tiefer Glaubensüberzeugung verfolgte und für das ihm kein persönlicher Verzicht, kein Opfer zu viel war, auch auf der Orgel der Politik keine Pfeife unbespielt gelassen und alle Register gezogen. So gelang es ihm dann, auf sicherlich legale, aber sicher genauso unfaire Art und Weise den Codex nach Leipzig und Sankt Petersburg zu bringen. Sicherlich gelang ihm damit die Rettung eines der wichtigsten, bedeutendsten Buchwerke der Menschheit. Es wäre sonst wohl verloren gewesen. Für Tischendorf selbst ging es dabei um die wortgetreue Hingabe an Gott, um Herz und Spiritualität, nicht den Verstand.
Die Originale heute
Die Originale des Codex Sinaiticus werden heute – verteilt – im Katharinenkloster auf dem Sinai, in Leipzig, London und St. Petersburg aufbewahrt. Sie sind aber jetzt auch im Internet für die Forschung, für jedermann frei zugänglich. Mit Hinweisen auf die Partner und die Kooperation Auch wie es zu dieser glänzenden Lösung kam, beschreibt der Autor mit hoher Sachlichkeit und Respekt.
Lesenswert trotz zweier Kritikpunkte
Ein Buch, das man gelesen haben sollte. Eine Arbeit, sachlich, fair, fundiert und vor allem gut lesbar dargestellt. Zwei Kritikpunkte sind aber anzubringen: Die Sozialrevolutionäre Russlands, welche Zar Alexander II. ermordeten, gehörten keiner „Geheimloge“, sondern einer Geheimorganisation an. Mit Freimaurerei, welche im zaristischen Russland ohnehin durch kaiserlichen Ukas von 1821 verboten war und nicht extistierte, hatte das nichts zu tun. Und die Zarenfamilie, Nikolaus II. mit Frau und Kindern, wurde 1918 schlicht und ergreifend bestialisch ermordet, nicht beschönigend hingerichtet. Doch dies darf nicht davon abhalten, das gelungene und Position beziehende Werk zu lesen. Es ist erschienen im Ch. Links Verlag in Berlin, ISBN 978-3-86153-594-2 und kostet € 19.90.-.
