Was musste sich „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber und seinem Librettisten Friedrich Kind in den knapp 192 Jahren seiner Erfolgsgeschichte schon alles gefallen lassen. Langweiliges vom Blatt Inszenieren und allerhand wagemutige Deutungen eines Geschehens, das in seiner Anlage wenig Anlass dazu gibt und ohnedies kaum wegen der Liebesgeschichte von Max und Agathe noch immer auf den Spielplänen steht, sondern wegen seiner Musik. Die gefiel bei der gefeierten Uraufführung im Königlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, einem Vorgängerbau des heutigen Konzerthauses am selben Platz, so außerordentlich, dass die Melodien schon wenige Tage später in den Straßen Berlins gesungen worden sein sollen.

Dunkle Mächte statt ländlich sittlich

Besagte Liebesgeschichte zwischen Max und Agathe ist von ländlich sittlichem Zuschnitt, und der geplanten Ehe und damit der Erbförsterei steht nur noch der fürstlich befohlene Probeschuss entgegen. Doch ging Max, dem gelernten Jäger und damit Profischießer, die Treffsicherheit verloren. Um alles etwas finsterer werden zu lassen, gießt Kollege Kaspar im Bunde mit dunklen Mächten Freikugeln und überredet Max, es ihm gleich zu tun.

Um die Oper heute noch aufzuführen, muss die romantische Schauergeschichte etwas aufgepeppt werden. Zunächst wird alles fürstliche Beiwerk über Bord geworfen, und Skandalier Bieito wäre kaum er selbst, würde er in diesem Stoff nicht irgendetwas entdecken, mit dem er ihn so richtig gegen den Strich bürsten könnte. So entdeckte er das Tier im Menschen, genauer im Manne und zwar in Max. Aber auch die Mädels dürfen ihren neu hinzu gedichteten banalen Zickenkrieg führen, hier ausgelöst durch Ännchen, das nach dem Motto, keiner liebt mich, wieso ich, ihrer Busenfreundin Agathe einen Grab- statt einen Jungfernkranz zukommen lässt.

Doch sind die Frauen bei Bieito nur Beiwerk. So richtig zur Sache geht’s mit Max und Kaspar. Die „schaurig-schön“ komponierte Wolfsschluchtszene sieht einen Doppelmord, denn nur über zwei Leichen lässt der Regisseur Max und Kaspar ihre Freikugeln gewinnen. Weil der brave Jägerbursche dabei seelisch über seine Grenzen geht, darf er sich gleich nackt ausziehen. Mit irgendeinem Waldmodder vollgeschmiert hüpft er den Rest der Oper, also den ganzen dritten Akt, gleichsam Waldschrat oder Affe, über Stock und Stamm.

Bieitos Bilder, Webers Musik und Kinds Libretto

Zu diesem Zweck hat Rebecca Ringst einen Wald auf die Bühne gestellt. In dessen Düsternis hantieren die Männer des Chores mit diversen kriegerischen Waffen herum. Schnell wird klar, dass die Regie den versöhnlichen Deus-ex-Machina-Schluss streichen wird, den Komponist und Librettist einem tragischen Ende vorgezogen hatten. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Je länger Autoren tot sind, um so weniger zählt das Urheberrecht. Nur hätte man dann auch gleich die letzten Gesangsnummern streichen können. Was sollte die ganze inbrünstige Singerei, wenn Eremit und Max hinterher erschossen werden, und Agathe Maxens Freikugel erliegt. Das wirkt alles holzschnittartig aufgesetzt – und unfreiwillig komisch – spätestens wenn sich Kaspar eine Kugel in den Kopf jagt, und kaum sichtbar ein rotes Fontänchen seinem Schädel zu entweichen scheint. Bieitos Bilder lassen Musik und Libretto links liegen.

Musikalisch war der Abend nicht berauschend aber grundsolide. Vincent Wolfsteiner bot einen lyrisch getönten Max, der durchaus bestehen kann. Carsten Sabrowski (Kaspar), Alexey Tihomirow (Eremit), Günter Papendell (Ottokar) und Christoph Späth (Kilian) waren verlässlich, während Ina Kringelborn als Agathe Höhenprobleme zeigte, und Julia Giebel in diesem Bühnenbild für die Arien des Ännchen die Leichtigkeit fehlte. Sehr ordentlich kam der Chor (André Kellinghaus) rüber. Und das Orchester der Komischen Oper Berlin hatte unter der Leitung von Patrick Lange nach einer zunächst etwas rumpligen Ouvertüre einen guten Abend.

Bleibt noch nachzutragen, dass das Publikum verhalten applaudierte und das Inszenierungsteam mit sich die Wage haltenden Bravos und Buhs empfing. Und ein zweiter Nachtrag ist erforderlich: Die Inszenierung wird für Jugendliche ab 16 Jahren empfohlen. Im Februar steht „Der Freischütz“ am 4., 7., 21. und 24. auf dem Spielplan der Komischen Oper Berlin.