Bildschnitt gegen jegliche Gestaltungsgrundlage

Ausgangsfoto - Günter Jagodzinska
Ausgangsfoto - Günter Jagodzinska
Eine Anleitung zum Experimentieren mit radikalen Bildausschnitten und deren Einsatz zur Gestaltung von Buchcovern.

Wer als Fotograf die Grundlagen der Bildgestaltung beherrscht, hat die besten Voraussetzungen, um kontinuierlich gute Fotos zu schießen. Als bekannteste und wichtigste Kompositionsregel gilt der "Goldene Schnitt", der (stark vereinfacht ausgedrückt) das harmonisch ausgewogene Verhältnis der Bildelemente in Bezug auf horizontale und vertikale Aufteilung angibt: Die Teilung der Strecken wird derart ausgeführt, dass sich die Teilstrecke a zur Teilstrecke b so verhält, wie die Gesamtstrecke a+b zu a. Als Faustregel reicht es aus, sich zu merken, dass das Verhältnis ungefähr 3 : 2 ist. Regeln bedeuten stets auch Einengung, sie zu überschreiten oder zu mißachten ist im kreativen Bereich immer dann erlaubt, wenn es zu einem spannenden visuellen Ergebnis führt.

Knapper Beschnitt erzeugt Spannung

Bildaufteilung und -beschnitt sind Thema dieser Aufforderung zum kreativen Experiment. Als Beispiel dient das Cover des im List Verlag heraus gegebenen Romans "Geheime Melodie" von John LeCarré. Faszinierend und intensiv spielt sich der Film "Geheime Melodie" im Kopf ab, wenn man nach dem Lesen des Klappentextes seinen Gedanken, angestoßen durch das Bild des angeschnittenen Zebrakopfes, freien Lauf lässt. Das gespitzte Ohr des Zebras konzentriert die Sinne auf das Hören. Das Auge scheint aus einem Versteck heraus zu lugen, um entweder jemanden zu beobachten oder um eine Gefahr im Auge zu behalten. Die aufgestellte Mähne weckt Assoziationen zu Haaren, die sich - vielleicht vor Schreck - sträuben. Das Ganze als Freisteller auf schwarzem Hintergrund, der symbolisch für den schwarzen Kontinent steht, hat alleine vom Motiv her schon den besonderen Reiz des Abenteuers.

Mit Fantasie zum Hinguckermotiv

Jeder ambitionierte Hobbyfotograf hat ausreichend Material auf seiner Festplatte, um ein derartiges Buchcover "nachzubauen" oder ein eigenes zu gestalten. So könnte beispielsweise ein Mensch vom linken Rand her teilweise angeschnitten in das Bild hereinschreiten. Hier diente die Aufnahme eines Varis in einem Zoo als Ausgangsfoto, auf dem das Tier in seiner ganzen Schönheit und in einem Moment des Beobachtens dargestellt ist. Erster Schritt der Bearbeitung ist die Umwandlung in Schwarz-Weiß, falls das Motiv nicht schon als solches farblich reduziert aufgenommen wurde, wie im vorliegenden Beispiel. Es folgt die Freistellung des Varis vom Hintergrund. Entscheidend ist nun die Auswahl des Ausschnitts, die ein wenig Experimentieren erfordert. Nachdem diese Schritte abgearbeitet sind, ist der Fantasie beim Erfinden und Montieren eines Buchtitels keine Grenze gesetzt. Wer Spaß an dieser kreativen Gestaltung hat, kann mit perfekt ausgearbeiteten Beispielen nicht nur auf seine fotografische Leistungsfähigkeit hinweisen, sondern sich auch für Auftragsarbeiten empfehlen. Außer Buchcovern lassen sich Grußkarten, Flyer oder Plakate mit dem Werkzeug "Radikalbeschnitt" so gestalten, dass sie in der großen Masse auffallen.

Günter Jagodzinska, Günter Jagodzinska

Günter Jagodzinska - Günter Jagodzinska, das bin ich ... - Jahrgang 1951 - aufgewachsen in dörflicher Umgebung mit sieben Geschwistern - ...

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